Chronisch-entzündliche Erkrankungen

Gemeinsame genetische Ursachen entdeckt

15.03.16 | Autor / Redakteur: Dr. Tebke Böschen* / Dr. Ilka Ottleben

Die Abbildung zeigt insgesamt 170 Regionen der 22 Chromosomen (ohne Geschlechts-Chromosomen), welche für mindestens eine der fünf untersuchten Erkrankungen eine Rolle spielen. Jeder Erkrankung wurde eine Farbe zugeordnet.
Die Abbildung zeigt insgesamt 170 Regionen der 22 Chromosomen (ohne Geschlechts-Chromosomen), welche für mindestens eine der fünf untersuchten Erkrankungen eine Rolle spielen. Jeder Erkrankung wurde eine Farbe zugeordnet. (Bild: David Ellinghaus)

Manche Menschen erkranken verstärkt an chronisch entzündlichen Erkrankungen wie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Arthritis oder Schuppenflechte. Andere bleiben davon verschont. Ein Forschungsteam konnte nun die gängige Hypothese entkräften, dass diese Erkrankungen sich gegenseitig verursachen. Vielmehr scheinen gemeinsame genetische Ursachen zu existieren.

Kiel – Bisher waren viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Meinung, chronisch-entzündliche Erkrankungen würden sich gegenseitig verursachen. Menschen, die beispielsweise an einer entzündlichen Darmerkrankung leiden, erkranken im Vergleich zu Gesunden auch deutlich häufiger an einer Entzündung der Leber (Primär sklerosierende Cholangitis), der Gelenke (Arthritis) oder der Haut (Schuppenflechte). Eine aktuelle Studie unter der Federführung eines Teams aus dem Exzellenzcluster „Entzündungsforschung“ entkräftet diese Hypothese jetzt. In der Veröffentlichung in Nature Genetics konnten die Fachleute zeigen, dass bestimmte Veränderungen im Erbgut generell die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine chronisch-entzündliche Erkrankung zu erleiden. Es existieren also gemeinsame Ursachen für zahlreiche dieser Erkrankungen. Das Team verglich dazu die Erbgut-Profile von rund 52.000 Erkrankten und 34.000 gesunden Menschen.

Wo liegen Ursachen für „Neigung“ zu chronisch-entzündlichen Erkrankungen?

Nach wie vor haben Fachleute nicht im Detail verstanden, warum manche Menschen verstärkt an entzündlichen Erkrankungen leiden und andere davon verschont bleiben. Die Ursachen dieser zahlreichen Krankheiten sind komplex. Vermutlich liegt ihnen eine Reihe von genetischen und umweltbedingten Ursachen zu Grunde. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Andre Franke, Mitglied im Exzellenzcluster „Entzündungsforschung“ und Institut für Klinische Molekularbiologie (Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein), untersuchte jetzt das Erbgut von rund 86.000 Menschen. Dabei konzentrierten sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor allem auf jene Genbereiche, von denen bereits bekannt war, dass sie verschiedene entzündliche Erkrankungen beeinflussen.

„Wir konnten in unserer Studie keinen Beweis für einen kausalen Zusammenhang auf genetischer Ebene zwischen bestimmten chronisch-entzündlichen Krankheiten finden“, sagt Erstautor Professor David Ellinghaus. „Patienten mit Mehrfacherkrankungen, die beispielsweise gleichzeitig unter einer entzündlichen Lebererkrankung und einer entzündlichen Darmerkrankung leiden, zeigen ein anderes molekular-genetisches Risikoprofil als Patienten mit einer klassisch entzündlichen Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.“ Dieses Ergebnis sei deswegen interessant, weil in beiden Fällen die Darmerkrankungen allein auf klinischer Ebene oft nicht eindeutig zu trennen sind. Allerdings scheinen viele übergeordnete gemeinsame ‚Entzündungs-Gene‘ zu existieren, die für mehrere Krankheiten ursächlich sind. Ellinghaus: „Wegen der Komplexität der Risikoprofile vermuten wir, dass verschiedene molekulare Mechanismen auch bei gemeinsamen ‚Entzündungs-Genen‘ zum Zuge kommen. Die Ergebnisse aus molekular-genetischen Untersuchungen könnten somit in Zukunft die Klassifizierung von entzündlichen Erkrankungen unterstützen.“

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