11.10.2010 | Redakteur: Ilka Ottleben

Die große europäische Pestepidemie von 1347 bis 1353 forderte geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. Anthropologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz belegen jetzt anhand neuester Untersuchungen, dass die häufig als „Schwarzer Tod“ bezeichnete Epidemie durch zumindest zwei bisher unbekannte Varianten von Yersinia pestis hervorgerufen wurde.
Mainz – Der Ursprung der Epidemie war bisher rätselhaft und es wurde immer wieder über andere Erreger als mögliche Ursache, insbesondere für den nordeuropäischen Raum, spekuliert. Wie das internationale Team um die Mainzer Wissenschaftlerinnen nun anhand von DNA- und Proteinanalysen an Pestskeletten eindeutig zeigt, ist Yersinia pestis für den Schwarzen Tod im 14. Jarhundert und die folgenden, während 400 Jahren immer wieder aufflammenden Epidemien auf dem europäischen Kontinent verantwortlich. Die Untersuchung alter Erbsubstanz aus Massengräbern in fünf Ländern zeigt außerdem, dass zumindest zwei Varianten von Yersinia pestis, die beide bisher unbekannt waren, als Krankheitserreger aufgetreten sind.
„Unsere Befunde lassen vermuten, dass die Pest über mindestens zwei Kanäle nach Europa eingeschleppt wurde und dann jeweils eine individuelle Route genommen hat“, sagt Dr. Barbara Bramanti vom Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die Arbeiten liefern nun einen Ansatz, um die Infektionswege dieser Krankheit im Detail historisch zu rekonstruieren.
Barbara Bramanti forscht seit einigen Jahren im Rahmen eines DFG-Projekts über die großen Seuchen, die in Europa grassierten und ihre möglichen Selektionskonsequenzen. Für die jetzt veröffentlichte Arbeit wurden 76 menschliche Skelette aus mutmaßlichen Pestgruben aus England, Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden untersucht. Während andere Erkrankungen wie beispielsweise Lepra an deformierten Knochen auch lange Zeit nach dem Tod gut erkannt werden können, besteht das Problem bei der Suche nach Pestopfern darin, dass diese Krankheit innerhalb von wenigen Tagen zum Tod führen kann und keine sichtbaren Spuren hinterlässt. Wenn man Glück hat, konnte sich DNA des Erregers in der Zahnpulpa bzw. Proteinspuren in Knochen über lange Zeit erhalten. Und selbst dann ist seine Entdeckung schwierig und kann durch eventuelle Kontaminationen verfälscht werden. Das Team um Bramanti ist mit den Analysen der alten Erbsubstanz, auch „alte DNA“ oder „aDNA“ genannt, fündig geworden: Zehn Individuen aus Frankreich, England und den Niederlanden zeigten ein Yersinia-pestis-spezifisches Gen. Weil die Proben aus dem italienischen Parma und aus Augsburg kein Ergebnis brachten, wurden sie – erfolgreich – einer anderen Methode unterzogen, der Immunochromatographie, auf der beispielsweise auch Schwangerschaft-Schnelltests basieren.
»1 »2 nächste Seite
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 362682)