Gravitationswellen

Was sagen beteiligte Wissenschaftler zur Entdeckung der Gravitationswellen?

12.02.16 | Redakteur: Marc Platthaus

Forscher am Gravitationswellendetektor GEO600 bei Hannover
Forscher am Gravitationswellendetektor GEO600 bei Hannover (Bild: Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik/H. Lück)

Die Kommentatoren in den Medien überschlagen sich in ihren Beiträgen: „Jahrhundertentdeckung!“, „Einstein hatte Recht...“ oder „Was nie ein Mensch zuvor gemessen hat“. Doch was sagen die beteiligten Wissenschaftler zu ihren Forschungsergebnissen? Das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik hat die Meinungen einiger Forscher zusammengefasst.

Hannover – Zum ersten Mal haben Wissenschaftler Kräuselungen der Raumzeit, so genannte Gravitationswellen, beobachtet, die – ausgelöst von einem Großereignis im fernen Universum - die Erde erreichten. Diese Beobachtung bestätigt eine wichtige Vorhersage der von Albert Einstein im Jahr 1915 formulierten Allgemeinen Relativitätstheorie. Sie öffnet gleichzeitig ein vollkommen neues Fenster zum Kosmos.

Entstehung von Gravitationswellen: Kollision zweier schwarzer Löcher

Gravitationswellen tragen Information über ihre turbulente Entstehung und das Wesen der Gravitation. Sie sind auf keine andere Weise zugänglich. Physiker haben festgestellt, dass die beobachteten Gravitationswellen während des letzten Sekundenbruchteils der Verschmelzung von zwei schwarzen Löchern entstanden. Dabei entstand ein einzelnes, massereicheres, rotierendes schwarzes Loch. Diese Kollision von zwei schwarzen Löchern war zuvor vorhergesagt, aber noch nie beobachtet worden.

Die Gravitationswellen wurden am 14. September 2015 um 5:51 Uhr US-Ostküstenzeit (9:51 Uhr Weltzeit) von beiden identischen Laser Interferometer Gravitational-wave Observatory (LIGO)-Detektoren in Livingston (Louisiana) und Hanford (Washington) in den USA registriert. Die LIGO-Observatorien werden von der National Science Foundation (NSF) finanziert. Caltech und MIT entwarfen, bauten und betreiben die Detektoren. Die Entdeckung wurde zur Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Physical Review Letters akzeptiert. Die LIGO Scientific Collaboration (welche die GEO Collaboration und das Australian Consortium for Interferometric Gravitational Astronomy umfasst) und die Virgo Collaboration machten die Entdeckung in Daten der zwei LIGO-Detektoren.

Deutsche Forscher beteiligt an Detektorentwicklung und Datenanalyse

Forschende des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut; AEI) in Hannover und Potsdam und vom Institut für Gravitationsphysik der Leibniz Universität Hannover (LUH) haben in mehreren Schlüsselgebieten zur Entdeckung beigetragen: mit der Entwicklung und dem Betrieb extrem empfindlicher Detektoren an den Grenzen der Physik, mit effizienten Methoden der Datenanalyse, die auf leistungsfähigen Computerclustern laufen und mit hochgenauen Wellenformmodellen, um das Signal aufzuspüren und astrophysikalische Information daraus zu gewinnen.

Hier sind jetzt die Stimmen der Forscher:

Dr. Hartmut Grote (expert on: experimental aspects of GW detectors, GEO600, Advanced LIGO): „Ein wirklicher Meilenstein der Messtechnik, an dem wir Jahrzehnte gearbeitet haben! Ich bin sehr beeindruckt von der Vorstellung, dass eine Krümmung der Raumzeit als Welle durch das Weltall läuft, und uns, wie in diesem Fall, Signale von Schwarzen Löchern bringt.“

Apl. Prof. Dr. Gerhard Heinzel (expert on: experimental aspects of GW detectors, signal recycling, LISA): „Was wir vor 20 Jahren hier im Labor ausprobiert haben, funktioniert nun reibungslos und vollautomatisch auf vier Kilometer Länge. Und endlich ist ein Ergebnis da, keine technische Rauschkurve mehr sondern ein gigantisches Ereignis aus dem fernen Universum. Ein Traum ist wahr geworden!“

Dr. Harald Lück (expert on: experimental aspects of GW detectors, GEO600, Einstein Telescope): „Nun ist es tatsächlich wahr geworden: zum ersten Mal haben wir den Klang des Weltalls gehört! Unglaublich, dass dieses Signal, das nur klingt wie ein kurzer Schluckauf, von dem gewaltigsten Ereignis produziert wurde, was Menschen je beobachtet haben - für den Bruchteil einer Sekunde kraftvoller als das ganze Universum zusammen.“

Apl. Prof. Dr. Benno Willke (expert on: experimental aspects of GW detectors, aLIGO lasers): „Diese Entdeckung übersteigt die menschliche Vorstellungskraft: Vor mehr als einer Milliarde Jahren sind zwei schwarze Löcher miteinander verschmolzen und haben dabei dreimal die Masse unserer Sonne in Gravitationswellenstrahlung umgewandelt. Diese Strahlung hat im September letzten Jahres auf der Erde den Abstand von zwei 40 Kilogramm schweren Spiegeln um weniger als ein tausendstel eines Atomkerndurchmessers verändert und wir waren in der Lage dies zu messen! Unvorstellbar! Es ist ein erhebendes Gefühl, dass wir am Albert-Einstein-Institut und am Laserzentrum Hannover die Laser entwickelt und gebaut haben, die diese Entdeckung ermöglicht haben.“

Dr. Collin Capano (expert on: searches for gravitational waves from coalescing compact objects, GW150914): „My first encounter with GW150914 was my colleague next door banging on my office wall to show me the plot. When it became clear that it was not an injection, I was overwhelmed with excitment. I remember turning to Badri and asking, "What do we do now?"“

Dr. Marco Drago (expert on: search pipeline which discovered the signal (coherent wave burst), GW150914): „I did not think it was real when I saw it. When I went to a colleagues office to talk to him about this, I did not say something like: "I saw an event", I asked: "Do you know if someone is doing hardware injections?"“

Dr. Andrew Lundgren (expert on: aLIGO detectors, detector characterization, searches for gravitational waves from coalescing compact objects, black holes, GW150914): „I never dreamt that one plot could change my view of the universe so much. Not only did we get a beautifully clear first detection, we’ve seen the first glimpse of a universe full of more activity in gravitational waves than we had ever imagined.“

Dr. Reinhard Prix (expert on: searches for continuous gravitational waves): „Gleich dieses erste Signal stellte sich als extrem reichhaltig für die Physik heraus, weit mehr als nur eine erster Nachweis: verschelzende schwarze Löcher, die wunderbare Tests der Allgemeinen Relativitätstheorie erlaubten, mit astrophysikalische interessanten Massen, und vielem mehr. Die Ära der Gravitationswellen-Astronomie ist schon mit dieser ersten Beobachtung voll durchgestartet!“

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