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Länderreport Serbien Chemieindustrie auf dem Balkan Teil 1 – Serbien

Autor / Redakteur: Waldemar Lichter, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Nach einer mehrjährigen Wachstumsphase hatte die Nachfrage nach Chemieerzeugnissen in Serbien infolge der globalen Wirtschaftskrise einen Dämpfer erhalten. Derzeit deutet sich eine langsame Erholung an.

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1. Teil der Serie Chemieindustrie auf dem Balkan: Chemieindustrie in Serbien
1. Teil der Serie Chemieindustrie auf dem Balkan: Chemieindustrie in Serbien
(Bild: wikimedia commons)

Belgrad – Mittelfristig dürften die Aussichten der Chemieindustrie in Serbien wieder günstiger werden. Für Impulse sorgt vor allem der Bausektor mit zahlreichen Vorhaben zum Infrastrukturausbau. Die lokale Chemieproduktion hat in den vergangenen Jahren zwar zugelegt. Das Land bleibt jedoch auf umfangreiche Einfuhren angewiesen.

Marktentwicklung/-bedarf

Die Chemiebranche in Serbien hofft auf die Umsetzung größerer Investitionsprojekte im Land (wie etwa bei Fiat in Kragujevac oder im Rahmen der Modernisierung der Pharmaindustrie). Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie, die zu einem höheren Bedarf an Chemieprodukten, Agrarchemie, Zusatzstoffen sowie modernen Verpackungen führen dürfte. Ein wichtiges Zukunftsthema auch für die Chemiebranche wird nach Meinung von Fachleuten die Energieeffizienz sein.

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Bauchemie

Die rege Bautätigkeit im Land sorgte in den vergangenen Jahren für einen wachsenden Bedarf an Farben/Lacken, Klebstoffen/Leimen und anderen chemischen Erzeugnissen. Die Auswirkungen der jüngsten Wirtschaftskrise hatten das Bauvolumen schrumpfen lassen.

Seit 2011 zeigt die amtliche Statistik jedoch wieder steigende Aktivitäten. Für Bauchemie, Isolationsstoffe und andere Chemieprodukte werden zukünftig gute Absatzchancen auf dem Markt gesehen. Das ist vor allem auf die zahlreichen Vorhaben zum Ausbau der Infrastruktur in allen Bereichen zurückzuführen. Aber auch im Wohnungsbau wird nach Ende der Krise wieder mit einer anziehenden Nachfrage nach Bauchemie gerechnet. Dies gilt ebenso für Kunststoffe und Kunststoffteile für den Bau.

Kunststoffe und Agrarchemie

Gute Absatzchancen für Kunststoffprodukte dürften sich in Zukunft auch in der Verpackungsbranche ergeben. Diese profitierte von der Restrukturierung und Modernisierung der serbischen Nahrungsmittelindustrie.

Eine steigende Nachfrage sehen Fachleute mittelfristig für den Bereich Agrarchemie. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie gehören zu den Stützen der serbischen Ausfuhrwirtschaft. Der Verbrauch an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln ist gegenüber den 1980er Jahren deutlich gefallen, zeigt aber wieder einen leichten Aufwärtstrend.

Arzneimittel

Hohe Zuwächse verzeichnete in den vergangenen Jahren der Arzneimittelmarkt. Zwischen 1996 und 2008 habe sich dieser auf rund 1,2 Mrd. US$ fast verdreifacht, so Schätzungen der Marktforschungsfirma Espicom. Infolge der Wirtschaftskrise sei es zu einem Rückgang auf 1,06 Mrd. US$ (2010) gekommen, 2011 dann zu einem Anstieg auf 1,26 Mrd. US$ (174 US$ pro Kopf). Bis 2016 rechnet Espicom mit einem Wachstum von 9,7% pro Jahr auf rund 2 Mrd. US$.

Mehr als 40% der Einfuhren stammen derzeit aus Deutschland, Frankreich und Italien. Serbien hatte zu Zeiten Jugoslawiens eine starke Arzneimittelindustrie aufgebaut. Diese betreibt zwar keine Wirkstoffforschung, weist aber in der Generika-Herstellung einen hohen technischen Standard auf. Das Gros der benötigten Substanzen wird importiert.

Pharmabranche

Die Pharmaunternehmen vor Ort reagierten auf die steigende Nachfrage teilweise mit Kapazitätserweiterungen. So hat beispielsweise Galenika 2010 ein neues Werk fertiggestellt (Investitionen: rund 50 Mio. Euro). Pharma Swiss investiert 20 Mio. Euro in eine neue Arzneimittelanlage in Belgrad. Rund 11 Mio. Euro hat in Zrenjanin die Firma FarmaS (Kroatien) für ein neues Generika-Werk eingesetzt. Erweiterungsinvestitionen führt Actavis in Leskovac durch (2012: 3,7 Mio. Euro). Ein Teil der gestiegenen Modernisierungsinvestitionen in der Branche ist der vorgeschriebenen Anpassung an GMP-Standards (Good Manufacturing Practices) geschuldet.

Petrochemie

Auch in der Erdölverarbeitung sind größere Investitionen eingeleitet worden. Das vom russischen Gazpromneft übernommene Mineralölunternehmen NIS (Novi Sad) plant etwa 550 Mio. Euro für die Modernisierung der Raffinerien in Novi Sad und Pancevo sowie 50 Mio. Euro für Umweltschutzmaßnahmen ein. Die Ausgaben werden die Produktionskapazität und die Qualität von Dieselkraftstoffen (Euro 5) erhöhen. Ein Vorhaben zur Errichtung einer neuen Erdölraffinerie am Standort Smederevo verfolgt das internationale Konsortium Comico Oil. Die Investitionskosten werden mit 250 Mio. US$ angegeben.

Investitionen durch ausländische Unternehmen

Die Kooperation mit und Übernahmen durch ausländische Unternehmen setzten auch in anderen Teilen der chemischen Industrie Investitionen in Gang, etwa in der Kautschuk- und Reifenindustrie oder im Bereich Industriegase. Bei letzteren engagierten sich vor allem deutsche Unternehmen (Messer, Linde). Im Gespräch ist der Einstieg strategischer Investoren bei MSK (Kikinda; Methanol, Essigsäure) und bei Azotara Pancevo (Mineraldünger), die derzeit noch mehrheitlich dem Gasversorger Srbijagas gehören. Die Beteiligung wäre mit umfangreichen Investitionsverpflichtungen verbunden.

Produktion/Branchenstruktur

Die serbische Chemieindustrie zeigte in den vergangenen Jahren zum Teil stark schwankende Produktionsergebnisse. Einige ausländische Unternehmen (auch deutsche) haben investiert und die Erzeugung angekurbelt. Das Land bleibt aber auf umfangreiche Einfuhren angewiesen.

Die serbische chemische Industrie schien sich 2010 erholt zu haben. Der Aufwärtstrend kam jedoch 2011 und in den ersten Monaten 2012 wieder zum Erliegen. Im 1.Quartal 2012 ging die Herstellung von Chemikalien und Chemieerzeugnissen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 12,3% und die Produktion der pharmazeutischen Industrie um 1,2% zurück (Gesamtindustrie: -2%). Im Plus (13,1%) war dagegen die Gummi- und Kunststoffindustrie.

Deutsche Unternehmen in Serbien

In der organischen Chemie stellt eine Reihe von stark diversifizierten Unternehmen Vorprodukte für die Farben- und Lackbranche sowie die Waschmittelindustrie her (etwa Zupa Krusevac, Prva Iskra Obrenovac, Milan Blagojevic).

Anorganische Chemikalien, insbesondere für die Agrarchemie, produzieren die Düngemittelhersteller Zorka Sabac, Azotara Pancevo und IHP Prahovo zum Teil selbst. In allen Segmenten der chemischen Industrie wird allerdings der Großteil des Bedarfs an Vorerzeugnissen über Einfuhren gedeckt.

Bei der Produktion von technischen Gasen und Waschmitteln sind deutsche Firmen in Serbien stark vertreten. Zu den wichtigsten Marktakteuren gehören Messer (Messer Tehnogas), Linde Gas und Henkel. Das bedeutendste Unternehmen der serbischen Kunststoffindustrie ist HIP-Petrohemija/Pancevo, das mehrere Werke im Land betreibt. Unter anderem stellen diese Polyethylen, Propylen und synthetischen Kautschuk her.

Strategische Partner gesucht

Im Bereich Farben und Lacke sind slowenische Firmen (Helios, JUB) über Übernahmen und Greenfield-Investitionen in Serbien stark präsent. Einige ausländische Hersteller finden sich bei Bauklebstoffen, Gips, Verputzmaterial und Dämmstoffen (unter anderem Henkel, Knauf Insulation oder Austrotherm). Ausländische Unternehmen dominieren in der Zementherstellung (Lafarge, Holcim, Titan).

Der größte Inlandsproduzent im Pharmabereich, Hemofarm, wurde 2006 von dem deutschen Unternehmen Stada übernommen. Der zweitwichtigste Hersteller, Galenika, sollte eigentlich 2010 privatisiert werden. Die Regierung hat jedoch von diesen Plänen Abstand genommen. Sie beabsichtigt nun, mittelfristig einen strategischen Partner für Galenika zu finden. Zum Verkauf steht auch Jugoremedija (Zrenjanin). Die Ausschreibung zur Privatisierung scheiterte jedoch im Frühjahr 2011.

Außenhandel

Die Importe von Chemieerzeugnissen nach Serbien nahmen 2011 um 41% auf 2,9 Mrd. US$ zu. Deutschland hatte einen Lieferanteil von rund 16%. Besonders gefragt waren medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse (SITC 54) sowie Kunststoffe in Primär- und anderen Formen (SITC 57, 58) aus Deutschland. Auch im 1. Quartal 2012 setzte sich der positive Trend fort. Die Bezüge von Branchenprodukten stiegen gemessen in US$ gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 14%.

Geschäftspraxis

Die Produktstandards werden in Serbien schrittweise den EU-Vorgaben angepasst. In der Regel gelten beschleunigte Verfahren für chemische Produkte, die in der EU zugelassen sind. Für Pflanzenschutz- und Düngemittel ist das Amt für Pflanzenschutz im Ministerium für Landwirtschaft, Forst und Wasserwirtschaft (Uprava za zastitu bilija) zuständig.

Ende 2009 beschloss die Regierung, eine spezielle Agentur für Chemikalien zu gründen. Zu deren Funktionen gehört unter anderem die Führung eines integrierten Registers für Chemikalien und einer Datenbank über chemische Stoffe (Pflichtangaben von Herstellern und Importeuren/Gesetz über Chemiestoffe, Amtsblatt 36/09 und 88/10).

Mit dem Gesetz über Arzneimittel, das am 1.8.04 in Kraft trat, ist die serbische Gesetzgebung in diesem Bereich an geltendes EU-Recht angepasst worden. Medikamente müssen bei der Agentur für Arzneimittel (Agencija za lekove, ALIMS) registriert werden. Über eine Zulassung muss laut Gesetz innerhalb von 210 Tagen entschieden werden. Im öffentlichen Gesundheitswesen (staatliche Krankenversicherung RZZO) wird lokalen Präparaten nach Auskunft von Branchenfachleuten in der Regel der Vorzug vor Importerzeugnissen gegeben.

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in Serbien finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

* Quelle: Germany Trade and Invest

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