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Chemieindustrie investiert 6,6 Milliarden Euro Das Chemiejahr 2012 – Zahlen, Fakten und Ausblick

Redakteur: Wolfgang Ernhofer

Die Erwartungen der deutschen Chemieindustrie an das Jahr 2012 haben sich laut VCI nicht erfüllt, der Gesamtumsatz stagnierte. Trotz teilweise trüber Konjunktur investierte die Branche 6,6 Milliarden Euro – fünf Prozent mehr als im Vorjahr – und geht zuversichtlich ins Jahr 2013.

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Kernindikatoren der chemischen Industrie in Deutschland
Kernindikatoren der chemischen Industrie in Deutschland
(Quelle: siehe Grafik)

Frankfurt a.M. – Die Produktion der deutschen Chemieindustrie sank im Jahr 2012, der Umsatz stagnierte. Deutschlands drittgrößte Branche musste laut VCI einem schwierigen globalen Umfeld Tribut zollen. Die Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft und die Rezession in Südeuropa bremsten das Chemiegeschäft.

Für 2013 rechnet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) aber wieder mit einem Anstieg der Produktion. Dass die Branche auch langfristig zuversichtlich bleibt, unterstreicht der erneute Zuwachs von zwei Prozent bei der Beschäftigung.

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Der VCI erwartet, dass die Chemieproduktion 2013 um 1,5 Prozent zulegen wird. Die Erzeugerpreise sollen mit 0,5 Prozent nur noch leicht steigen. Beim Umsatz geht der Branchenverband von einem Plus von zwei Prozent aus.

VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley erklärte: „2012 war ein durchwachsenes Jahr für die deutsche Chemie. Der rückläufigen Nachfrage aus Europa stand eine hohe Dynamik in den Schwellenländern gegenüber. Das Exportgeschäft blieb der Wachstumstreiber der deutschen Chemie. Die Politik muss nun die Voraussetzung dafür schaffen, dass die deutschen Chemieunternehmen ihre globale Wettbewerbsfähigkeit auch im kommenden Jahr verbessern können.“

Grafiken zur VCI-Jahrespressekonferenz und zur Entwicklung der Chemieindustrie in Deutschland finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

Chemieindustrie 2012: Zahlen und Fakten

  • Umsatz und Preise: Dank einer Preissteigerung von 2,5 Prozent konnte die deutsche Chemie ihren Gesamtumsatz konstant bei 184,2 Milliarden Euro halten. Im Inland ging der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozent auf 73,3 Milliarden Euro zurück. Beim Auslandsgeschäft lebte die Branche von der weiterhin guten Nachfrage außerhalb Europas, die das schleppende Geschäft auf dem Kontinent mehr als kompensieren konnte. Insgesamt stieg der Absatz ins Ausland um zwei Prozent und erreichte mit einem Volumen von 110,9 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Nahezu alle Sparten konnten Preiszuwächse verbuchen. Nur die Preise für Arzneimittel waren rückläufig.
  • Außenhandel: Die Exporte, die neben den Auslandsumsätzen der Chemieunternehmen auch Re-Exporte sowie Exporte von Chemikalien aus anderen Wirtschaftszweigen ins Ausland enthalten, stiegen 2012 um fünf Prozent auf 160,9 Milliarden Euro. Die Verkäufe ins europäische Ausland waren rückläufig. Die Zuwächse kamen ausschließlich aus Asien, Südamerika und den USA. Die Einfuhr chemischer Erzeugnisse erhöhte sich nur um zwei Prozent auf 113,5 Milliarden Euro. Die Außenhandelsbilanz der deutschen Chemie blieb mit einem Exportüberschuss von über 47 Milliarden erneut stark positiv.
  • Investitionen: Auch 2012 hat die chemische Industrie kräftig investiert. Der größte Teil des Zuwachses von fünf Prozent auf 6,6 Milliarden Euro entfiel auf Ersatzbeschaffungen, gefolgt von Kapazitätserweiterungen. Die Mehrzahl der Unternehmen ging bei der Planung ihrer Investitionen für Sachanlagen im Inland davon aus, dass sich die Konjunktur nur kurzfristig eintrübt. Das niedrige Zinsniveau begünstigte die Umsetzung von Investitionsvorhaben.
  • Beschäftigung: Ungeachtet der Konjunktureintrübung hat die deutsche Chemieindustrie auch 2012 Beschäftigung aufgebaut. Aktuell zählt die Branche rund 437.000 Mitarbeiter, das entspricht einem Anstieg von zwei Prozent oder 9000 Personen gegenüber 2011. „Der Beschäftigungszuwachs ist ein Beleg dafür, dass die Chemieunternehmen grundsätzlich zuversichtlich in die Zukunft blicken“, sagte VCI-Präsident Kley. Der Beschäftigungsaufbau sei aber nicht als dauerhafter Trend zu werten. Für 2013 rechnet der VCI nicht mit einer weiteren Zunahme der Arbeitsplätze.

Kley warnt vor politischem Stillstand im Wahljahr 2013

Der Präsident des VCI, Dr. Karl-Ludwig Kley, hat vor der Gefahr gewarnt, dass für die Branche wichtige politische Projekte wegen der Bundestagswahlen auf Eis gelegt werden oder zwischen den parlamentarischen Institutionen hängen bleiben. Dazu gehöre zum Beispiel die Förderung der energetischen Gebäudesanierung.

„Angesichts der schwierigen weltwirtschaftlichen Lage können wir uns ein Jahr des Stillstands oder des Zeitvertreibs auf Nebenkriegsschauplätzen nicht leisten. Wir würden riskieren, die Erfolge des vergangenen Jahrzehnts leichtfertig zu verspielen“, sagte Kley. 2013 dürfe kein verlorenes Jahr für Deutschland werden. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, so Kley, müsse auch im kommenden Jahr ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Als Beispiel für Projekte der Politik, die sich noch in der Schwebe befinden, nannte der VCI-Präsident die Energiewende. Kley kritisierte hier vor allem das mangelhafte Prozessmanagement: „Viel zu spät und viel zu zögerlich hat sich die Politik dieses Problems angenommen. Jetzt endlich bewegt sich der Zug immerhin langsam. Noch ist aber offen, ob er 2013 nicht gleich wieder stehen bleibt.“

Sehr kritisch äußerte sich Kley in diesem Zusammenhang zum EEG. Er bezeichnete das Gesetz als „Subventions- und Bürokratiemonstrum“ vor dem Hintergrund, dass die Belastungen Deutschlands aus bestehenden Zusagen schon über 20 Milliarden Euro betragen. „Wenn wir den Fokus des EEG auf Produktionsförderung nicht ändern, steigen die Belastungen in den nächsten Jahrzehnten ins Unermessliche“, betonte der VCI-Präsident.

Steuererhöhungen schädigen die chemische Industrie

Ebenfalls in die falsche Richtung läuft nach Auffassung von Kley die derzeitige Debatte über Steuererhöhungen in Wahlprogrammen: „Wir haben in Deutschland kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem. Es ist deshalb völlig verfehlt, jetzt über höhere oder neue Steuern zu diskutieren.“

Eine Substanzbesteuerung werde besonders Familienunternehmen und den Mittelstand treffen. Dies gelte sowohl für die Einführung einer Vermögensteuer wie für eine weitere Reform der Erbschaftsteuer. Jede zusätzliche Belastung der Wirtschaft gehe mittel- und langfristig auf Kosten ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Handelspolitik bleibt für Chemieindustrie wichtig

Kley wies darauf hin, dass 2013 auch in der Außenpolitik die Weichen auf Wachstum gestellt werden müssten. Der freie Welthandel bleibe die Voraussetzung für eine robuste Wirtschaftsentwicklung in Deutschland. Die USA spielen als wichtigster Handelspartner für die deutsche Chemie außerhalb Europas hier eine besondere Rolle: Die Branche hat im vergangenen Jahr chemische Erzeugnisse im Wert von elf Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten exportiert. Im Gegenzug wurden 2011 Chemiewaren aus US-Produktion im Wert von knapp zwölf Milliarden Euro importiert. Sowohl für ein starkes transatlantisches Netz wie auch für den Ausbau der Marktpräsenz der Unternehmen in den USA benötige die deutsche Wirtschaft die Unterstützung der Politik durch den Abbau von nichttarifären Handelshemmnissen und Zöllen.

Die Industriezölle zwischen den USA und EU sind zwar niedrig – der Chemie-US-Durchschnittszoll liegt bei 2,25 Prozent (ohne Pharma). Wegen des enormen Handelsvolumens führen laut VCI aber auch geringe Aufschläge zu hohen Kosten: Europäische Chemieunternehmen haben 2010 für Exporte in die Vereinigten Staaten fast 700 Millionen Euro in die US-Staatskasse gezahlt. Umgekehrt führten die USA gut eine Milliarde Euro nach Brüssel ab. Der durchschnittliche Importzoll der EU für chemische Erzeugnisse liegt derzeit bei 4,6 Prozent.

Grafiken zur VCI-Jahrespressekonferenz und zur Entwicklung der Chemieindustrie in Deutschland finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

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