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Liquid Handling Der tausendste Teil eines Liters geht um die Welt

Autor / Redakteur: Dr. Ilka Ottleben* / Dr. Ilka Ottleben

Kleine Flüssigkeitsmengen im Mikrolitermaßstab exakt, reproduzierbar und sicher zu pipettieren, war noch vor rund 60 Jahren kaum möglich. Viele Fortschritte insbesondere der molekularbiologischen und klinischen Forschung wären indes im Millilitermaßstab nicht denkbar gewesen. Lesen Sie wie die Erfindung der Kolbenhubpipette die Laborwelt revolutionierte.

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Abb. 1: Das „Eppendorf Mikrolitersystem“: Der ganzheitliche Ansatz setzt in den 1960er Jahren einen neuen Standard in der Laborwelt.
Abb. 1: Das „Eppendorf Mikrolitersystem“: Der ganzheitliche Ansatz setzt in den 1960er Jahren einen neuen Standard in der Laborwelt.
(Bild: Eppendorf AG)

Es gehört wohl zu den vielen Dingen, die für Menschen der Nachkriegsgenerationen heute kaum mehr vorstellbar sind: Mit dem Fahrrad auf eine wichtige Geschäftsreise zu gehen. Im Juni 1945, wenige Wochen nach Ende des 2. Weltkriegs, war indes Lübeck-Travemünde Ausgangspunkt einer solchen Radtour, die in ihrer Folge den Grundstein für das heute weltweit agierende Unternehmen Eppendorf AG legen sollte. Dr. Hans Hinz und Dr. Heinrich Netheler, zu jener Zeit beide Mitte dreißig, waren sich der Tragweite ihrer gemeinsamen Reise sicherlich noch nicht bewusst, als sie die knapp 90 km nach Hamburg radelten, um sich am Universitätsklinikum Eppendorf mit den Leitern der theoretischen Institute zu treffen.

Der Grund, warum sich die beiden Ingenieure aufmachten, war zunächst einmal ein ganz naheliegender: Die Notwendigkeit nach Kriegsende für sich und ihre Arbeitsgruppe an der bisherigen Reichsstelle für Hochfrequenztechnik, die auf dem Gebiet Radartechnik tätig gewesen war, ein neues Arbeitsgebiet zu suchen. Eines, auf dem sie ihre Kenntnisse sinnvoll anwenden und ihre technischen Geräte weiter nutzen konnten. Das Gesundheitswesen erschien ihnen unter den Eindrücken der damals vorherrschenden Situation am sinnvollsten, um Aufbauhilfe zu leisten und – bis heute Credo des Unternehmens – die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

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Der Weg sollte sich gelohnt haben: Am 7. August 1945 kam es zu einer Vereinbarung zwischen der Hochschulverwaltung und der „Arbeitsgruppe für medizinische Geräte, die eine hochentwickelte physikalische Messtechnik erfordern“, vertreten durch Herrn Dr. Heinrich Netheler. Die Hochschulverwaltung überließ ihnen darin die Baracke 25 auf dem Klinikgelände zur Unterbringung ihrer Geräteausrüstung. Die Vereinbarung war an die Bedingung geknüpft, diese Ausrüstung für „die Unterstützung der wissenschaftlichen Interessen und Bedürfnisse der theoretisch-wissenschaftlichen Institute nach deren Anweisung“ [1] einzusetzen.

Erste Meilensteine

Die Entwicklungsarbeiten an medizinischen Geräten waren zunächst nicht nur durch die anfänglich schwierige wirtschaftliche Situation herausfordernd. Es fehlten oft schlicht die notwendigen Materialien. Dennoch gelang es dem am 8. März 1946 aus der Arbeitsgruppe heraus gegründeten Unternehmen „Elektromedizinische Werkstätten GmbH“ auf Anforderung der Mediziner, in kurzer Zeit ein beachtliches Portfolio bahnbrechender neuer Geräte zu entwickeln. Aus dem Auftrag für eine Regeleinrichtung für die Konstanthaltung einer Quecksilberdampflampe erwuchs schließlich das erste kommerzielle Photometer Eppendorf, das auf der Industriemesse in Hannover 1949 als Prototyp vorgestellt wurde und das die enzymatische Analyse revolutionieren sollte. Mit der Erfolgsgeschichte des Photometers wurde die Bezeichnung Eppendorf mehr und mehr ein Begriff. Aus dem Unternehmen wurde 1963 schließlich die „Eppendorf Gerätebau Netheler & Hinz GmbH“, die zu diesem Zeitpunkt bereits 120 Mitarbeiter beschäftigte.

Die „Marburg-Pipette“

Den oben erwähnten Auftrag, der in die Konstruktion des ersten Photometer Eppendorf mündete, hatte das immer noch junge Unternehmen von Dr. Theodor Bücher erhalten, der sich vor dem Krieg als Mitarbeiter von Prof. Otto Warburg mit der Enzymforschung befasst hatte. Im Jahr 1958 – Bücher war mittlerweile Professor für physiologische Chemie an der Universität Marburg geworden – berichtete er Dr. Netheler, dass einer seiner Mitarbeiter eine Vorrichtung zur Abmessung kleiner Volumina entwickelt und bereits zum Patent angemeldet hatte. Das Interesse war sofort geweckt. Denn zu jener Zeit pipettierte man Flüssigkeiten noch mit Glaspipetten im Milliliter-Maßstab. Das Ansaugen der Flüssigkeiten erfolgte mit Pipettierhilfen wie dem Peleusball oder über eine Schlauchverbindung mit dem Mund. Letzteres konnte mitunter Probe wie Labormitarbeiter gleichermaßen gefährden. Von der mangelnden Genauigkeit und Reproduzierbarkeit insbesondere bei der Handhabung kleiner Volumina ganz zu schweigen.

Mit genau dieser Herausforderung sah sich auch der Mitarbeiter Büchers, Dr. Heinrich Schnitger konfrontiert, als er im Rahmen seiner Forschungsarbeiten kleinste Probenmengen aus der Leber von Mäusen entnehmen musste. Er entwickelte daraufhin die erste Mikroliter- oder Kolbenhubpipette, die daher noch heute den Namen „Marburg-Pipette“ oder „Schnitger-Pipette“ trägt. Im 1957 angemeldeten und 1960 erteilten Patent für die „Vorrichtung zum schnellen und exakten Pipettieren kleiner Flüssigkeitsmengen“ heißt es dazu: „Es besteht seit langem das Bedürfnis, kleinste Flüssigkeitsmengen in der Größenordnung von 1 bis 100 Mikroliter schnell und ohne zu großen Aufwand an Sorgfalt und Konzentration zu pipettieren. Die erzielbare absolute Genauigkeit, vor allem aber die Reproduzierbarkeit bei Messungen mit dem gleichen Gerät, soll möglichst nicht geringer sein als bei der Abmessung größerer Flüssigkeiten, d.h. etwa 1% für die absolute Genauigkeit und etwa 0,5% bis 0,5‰ für die Reproduzierbarkeit“ [2].

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Die erste Kolbenhubpipette war eine Luftpolsterpipette und arbeitete nach dem Verdrängungsprinzip, über einen beweglichen Kolben und eine darunter liegende Luftsäule. Schon Schnitger sah für seine Konstruktion Aufsteckspitzen aus „einem chemisch indifferenten und wasserabstoßenden Kunststoff, z.B. Polyäthylen“ [2] als Wegwerfartikel vor, die als einzige mit der Flüssigkeit in Berührung kamen.

Schnitger überließ Eppendorf als alleinigem Lizenznehmer Fertigung und Vertrieb der „Marburg-Pipette“, die das Unternehmen mit seiner Hilfe in mehreren Entwicklungsstufen an die Anforderungen im klinisch-chemischen Labor anpasste. Der Grundstein für die Liquid-Handling-Sparte bei Eppendorf war gelegt.

Das „Eppendorf Mikrolitersystem“

Diese erste industriell gefertigte Kolbenhubpipette zog die Entwicklung eines kompletten Systems neuer Ausrüstung für das Arbeiten im Mikrolitermaßstab nach sich. Die Aufsteckspitzen wurden nun industriell gefertigt, die Reaktionsgefäße auf das Arbeiten mit kleinen Volumina angepasst. 1963 kam das erste Eppendorf Tube auf den Markt und revolutionierte als „Eppi“ genanntes 1,5-ml-Reaktionsgefäß bald Medizin- und Wissenschaftslabore auf der ganzen Welt. Jede Analyse benötigt saubere Gefäße zur Probennahme: Insbesondere die Fortschritte in der Molekularbiologie und klinischen Forschung wären ohne das Eppi mit seinen nach und nach weiter entwickelten, spezifischen Materialeigenschaften und ohne die Einwegspitzen nicht vorstellbar gewesen.

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In den Laborgeräten wie Zentrifugen, Schüttlern oder Heizblöcken wurde dieser „Paradigmenwechsel“ konsequent fortgeführt – das „Eppendorf Mikrolitersystem“ war geboren, das zum globalen Maßstab für Forschung und klinische Chemie werden sollte. Mit dessen Einführung im Jahr 1964 existierte nun ein System, mit dem die im Bereich von Molekularbiologie oder Wirkstoffforschung naturgemäß kleinen, häufig sehr wertvollen Proben sicher und sauber gehandhabt werden konnten. Im Bereich der klinischen Chemie führte die Einführung des Mikrolitersystems dazu, dass die für diagnostische Analysen notwendigen Volumina bei Blutentnahmen drastisch reduziert, die Patienten somit geschont werden konnten.

1965 begann Eppendorf mit dem Aufbau seiner Firmenzentrale am Barkhausenweg in Hamburg. 1966 hatte das Unternehmen über eine Millionen Eppendorf Tubes verkauft, nur fünf Jahre später wurde die Zehn-Millionen-Grenze überschritten. Aufgrund der großen Nachfrage nach Tubes und Pipettenspitzen wurde 1975 eine Produktionsstätte in Oldenburg, Holstein, eröffnet, in der bis heute Verbrauchsmaterialien produziert werden. Ein Jahr zuvor hatte das Unternehmen den 500. Mitarbeiter eingestellt.

Direktverdrängung als Prinzip

Genauigkeit und Reproduzierbarkeit sind beim Pipettieren entscheidend. Durch technisch-konstruktive Weiterentwicklungen gelang es dem Unternehmen in den Folgejahren Präzision und Richtigkeit der ersten Pipetten-Modelle deutlich zu verbessern. Daneben wurde das Portfolio, eng an den Bedürfnissen der Anwender orientiert, weiterentwickelt und ausgebaut. Im Bereich des Mikrolitersystems ging der Trend von anfänglich eher starren Laboraufbauten hin zu immer flexibleren, modularen Systemen. Auch bei den Pipetten war zunehmend mehr Flexibilität gefragt. Ausgehend von den anfänglich als Festvolumenpipetten konstruierten Systemen wurden nun Pipetten mit einstellbaren Volumina entworfen.

Gleichzeitig nahmen die Anforderungen an Probendurchsatz und Geschwindigkeit zu. Schon Schnitger war sich zudem der Limitation von Luftpolsterpipetten durch Einfluss physikalischer Messgrößen bewusst. Im Jahr 1979, 17 Jahre nach der Einführung der ersten Kolbenhubpipette, revolutionierte Eppendorf den Life-Science-Markt erneut durch die Einführung der Multipette als erste Pipette nach dem Direktverdrängerprinzip. Der manuelle Handdispenser ist bis heute eines der erfolgreichsten Eppendorf-Produkte (s. Abb. 2). Die Multipette bediente einerseits den Bedarf nach höheren Durchsätzen, indem sie Dispensierserien ohne wiederholtes Aufziehen möglich machte. Andererseits eröffnete das im Vergleich zur Luftpolsterpipette grundlegend andere Pipettierprinzip eine wesentlich geringere Beeinflussung des Pipettierens durch physikalische Messgrößen wie die Temperatur oder durch chemisch-physikalische Eigenschaften des zu pipettierenden Mediums.

Direktverdrängende Pipetten verwenden spezielle Pipettenspitzen mit einem eingebauten Kolben, der direkt mit dem Medium in Kontakt steht und so das Luftpolster eliminiert. Dessen Auswirkungen entfallen somit, sodass diese Geräte auch für Flüssigkeiten und Anwendungen geeignet sind, die in Verbindung mit Luftpolstersystemen als kritisch zu bewerten sind, wie Flüssigkeiten mit hohem Dampfdruck, hoher Viskosität oder hoher Dichte. Auch der versehentliche Transfer von Kontaminationen in Form von Aerosolen über das Luftpolster wird auf diese Weise ausgeschlossen. Beim Direktverdrängerprinzip kommt der speziellen Pipettenspitze eine große Bedeutung zu. Eppendorf produzierte und vertrieb diese Spitzen fortan unter dem Markennamen Combitip.

Die eine Millionste Pipette

Im Jahr 1981 verkaufte Eppendorf die 1 Millionste Pipette, in einer Sonderedition der 1979 eingeführten Modellreihe Varipette 4710. Das Unternehmen beschäftigte nun bereits rund 700 Mitarbeiter. Anfang der 1980er Jahre war Japan hinter den USA zweitwichtigster Exportmarkt mit enormen Zuwachsraten. Die Marke Eppendorf wurde weltweit registriert.

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LP-Tipp  Präzision und Langlebigkeit

Im Kalibrierlabor von Eppendorf China wurde vor rund zwei Jahren eine Pipette mit dem Aufdruck: „1 Million Eppendorf Pipetten, 1958–1981“ zur Kalibrierung eingereicht. Die Varipette 4710, Vorgängerin der heutigen Eppendorf Reference 2, landete bei einer Biotechnologie-Firma in Japan, von wo aus sie vor zehn Jahren an ein Tochterunternehmen in China weitergegeben wurde. Eine Kalibrierung durch den Eppendorf Service ergab eine Pipettiergenauigkeit innerhalb
der Herstellertoleranzen
. Die Pipette ist somit auch nach
35 Jahren
noch voll einsatzfähig.

Diese Zeit war indes auch geprägt durch bahnbrechende Fortschritte im Bereich der molekularbiologischen Forschung. 1983 beispielsweise erfand Kary Mullis die PCR (engl. Polymerase Chain Reaction), wofür er 1993 den Nobelpreis für Chemie erhielt. Diese Methode, kleinste DNA-Mengen über zyklische, temperaturabhängige Reaktionen, spezifisch vervielfältigen zu können, sollte künftig zu einem unverzichtbaren Werkzeug der molekularbiologischen Forschung, der Diagnostik, der Forensik und unzähliger weiterer Anwendungsgebiete werden.

Da sie unbedingte Kontaminationsfreiheit voraussetzt, viele weitere Methoden der Molekular- bzw. Mikro- und Zellbiologie steriles Arbeiten erfordern, nahmen auch die Anforderungen an Verbrauchsmaterialien und Pipetten zu – und wurden von Eppendorf bedient. 1990 brachte das Unternehmen mit der Varipette 4810 die erste vollständig autoklavierbare Pipette auf den Markt. Der 1991 eingeführte Eppendorf Biomaster verhinderte in Verbindung mit den Mastertips die Aerosolbildung und damit Kontaminationen vollständig. Spezielle Filtertips machten das kontaminationsfreie Pipettieren auch mit Kolbenhubpipetten möglich.

Seit 1976 waren Eppendorf-Luftpolsterpipetten nach dem Prinzip der Einknopfbedienung konstruiert worden, d.h. mit einem kombinierten Bedien- und Abwerfknopf. 1995 führte Eppendorf mit der Research 3110 eine Pipette mit Zweiknopfbedienung ein, die also neben dem Bedienknopf einen zusätzlichen Abwerfknopf für das Abwerfen der Spitzen besaß. Dieses Pipettierprinzip war weltweit bei vielen Forschern beliebt. Fortan adressierte Eppendorf diese beiden grundlegend unterschiedlichen, aber in den Laboren parallel existierenden Philosophien des Pipettierens. Auch die speziell auf die Anforderungen von Forschungsanwendungen zugeschnittene Modellreihe Research gehört bis heute zu den erfolgreichsten Produkten im Portfolio manueller Pipetten von Eppendorf.

Durchsatz und Digitalisierung

Im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert nahmen die Probenaufkommen, z.T. bedingt durch eine stärkere Zentralisierung z.B. im klinischen Bereich, weiter zu. Der Kostendruck stieg vielerorts und damit auch der Bedarf nach effizienten Lösungen und einer stärkeren Automatisierung von Labor-Workflows. Gleichzeitig entwickelten sich die Möglichkeiten von Software, Elektronik und nicht zuletzt auch der Akkutechnologie weiter und der Trend zur Digitalisierung erhielt Einzug in das Labor.

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1994 führte Eppendorf zunächst mit dem Titerman 4908 seine erste Mehrkanalpipette als 8- bzw. 12-Kanalversion in den Markt ein. Sie ermöglichte es Forschern fortan, Pipettierreihen z.B. in 96-Well-Mikroplatten zeitsparender und damit effizienter auszuführen. Im Jahr 1998 folgte mit der Eppendorf Multipette pro der erste elektronische Dispenser, im Jahr darauf mit der Eppendorf Research pro die erste elektronische Pipette des Unternehmens. Die Lösungen erlaubten Anwendern ein hohes Maß an Schnelligkeit, Sicherheit und Reproduzierbarkeit bei gleichzeitig ermüdungsfreiem Arbeiten auch bei komplexen Pipettieraufgaben. Beim Pipettieren konnten nun auch Teilvolumina abgegeben werden, was völlig neue Möglichkeiten beim Liquid Handling eröffnete. Mehrkanalversionen erhöhten Zeiteffizienz und Durchsatz erneut deutlich.

Den Anwender im Blick

Neueste Systeme am Markt, wie die 2010 eingeführte Serie elektronischer Pipetten Eppendorf Xplorer bieten heute weit mehr als ermüdungsfreies und reproduzierbares Arbeiten. Die Möglichkeit komplexere Protokolle zu programmieren, Routinen abzuarbeiten oder die Protokolle in einer Historie zu speichern, helfen Labor-Workflows weiter zu vereinfachen. Dabei setzt Eppendorf auch auf eine einfache und intuitive Bedienung der Systeme, ermöglicht durch ein hochentwickeltes Software- und Gerätedesign. Steigende Anforderungen u.a. in regulierten Umgebungen werden in der Xplorer plus darüber hinaus durch Zusatzfunktionen wie Passwortschutz oder den Hinweis auf empfohlene Wartungsintervalle bedient. Es ist zu erwarten, dass die Anforderungen insbesondere an die Daten-Dokumentation und -verarbeitung in vielen Anwendungsbereichen in Zukunft weiter zunehmen werden (s. auch Interview). Ein Trend, den auch Eppendorf künftig mit anwenderfokussierten Lösungen adressieren wird.

Ergonomie ist gefragt

Den Anwender und seine Bedürfnisse im Fokus, hatte Eppendorf zudem schon in den 1970er Jahren begonnen, seine Geräte nach ergonomischen Gesichtspunkten zu optimieren. Im Jahr 2003 wurde dann das PhysioCare Concept ins Leben gerufen. Als ganzheitlicher Ansatz sollte es den Workflow im Labor mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Mitarbeiter in Einklang bringen.

Ergonomisches Design heißt auf Seiten der Pipetten u.a. die Pipettenform, ihr Gewicht und dessen Verteilung, die Anordnung der Bedienknöpfe zueinander oder den erforderlichen Kraftaufwand bei der Bedienung und die Passgenauigkeit der Spitzen aufwändigst und anhand aktuellster ergonomischer Forschungserkenntnisse zu optimieren. Dem allseits bekannten „Aufhämmern“ der Spitzen, das weder zu einem besseren Halt derselben führt, noch dem Pipettierergebnis zuträglich ist, wurde z.B. durch das Abfedern bzw. die Begrenzung der Maximalkraft für das Aufstecken der Spitzen über einen verfederten Spitzenkonus entgegen gewirkt. Das Gesamtgewicht der Pipette wurde immer weiter reduziert. Neben Bedienkomfort und Wohlbefinden sollte so auch der Gefahr des so genannten RSI-Syndroms (RSI: Repetitive Strain Injury) auf Seiten der Anwender vorgebeugt werden. Zum ergonomischen Design gehören bei elektronischen Pipetten aber auch Aspekte wie intuitive Bedienoberflächen oder gut lesbare Displays.

Mit der 2009 eingeführten manuellen Pipette Research plus bietet Eppendorf ein System, das nicht nur durch sein 80 g leichtes Gewicht, neue Maßstäbe für ergonomisches Pipettieren setzt. „Um dieses Gewicht zu ermöglichen, müssen handselektierte Werkstoffe in genau passender Art und Weise miteinander kombiniert werden“, sagt Dr. Kay Koerner, Project Leader Marketing for Industrial Markets, Healthcare, Medical Devices bei Eppendorf. Diese Werkstoffe müssen u.a. leicht, gleichzeitig aber robust, schlagfest und verschleißarm sein, eine geringe thermische Leitfähigkeit bzw. eine große thermische Kapazität besitzen, denn beispielsweise bei langen Pipettierserien ist schon die Handwärme ein wesentlicher Einflussfaktor auf das Pipettierergebnis.

Ihre Kombination spielt für Aspekte wie die Autoklavierbarkeit eine große Rolle. Alles das zu vereinen, ist schon nicht trivial. Darüber hinaus müssen diese Werkstoffe jedoch auch „dem Produkt angemessen bezahlbar sein“, so Koerner. Eppendorf verwendet für das Kolbensystem der Research plus beispielsweise Foltron – ein Polymer, das auch in der Raumfahrt zum Einsatz kommt. „Auf dem Gebiet der Kunststoffe hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren sehr viel getan und das Ende dieser Entwicklung ist noch nicht in Sicht, sodass ich nicht überrascht wäre, wenn wir in zehn Jahren Pipetten anbieten können, die noch einmal deutlich leichter sind oder mit den Werkstoffen ganz neue Funktionalitäten verbunden werden können“, meint Koerner.

Von Mikrolitern bis Nanolitern

Immer leichter, immer schneller – und immer kleinere Volumina? „Für manuelles Arbeiten haben wir den Mikrolitermaßstab unserer Gründerväter bis heute nicht verlassen – und werden es vermutlich auch in Zukunft nicht tun. Natürlich haben sich Präzision und Richtigkeit der Pipetten deutlich verbessert und sind heute auf einem Level, wo die Toleranzen so klein sind, dass sie sich mit manuellen Systemen nicht weiter verbessern lassen,“ sagt Dr. Florian Bundis, Global Product Manager Liquid Handling bei Eppendorf und ergänzt „zwar wären Kalibrierlabore heute in der Lage, manuelle Pipetten, die weniger als 1 µl pipettieren können, zu kalibrieren, aber der Einfluss durch Umgebungsbedingungen wie Luftzug oder schwankende Temperaturen und die Handhabung der Pipette durch den Anwender selbst sind unter normalen Laborbedingungen so groß, dass sich diese Präzision und Genauigkeit im Nanolitermaßstab nicht ohne weiteres übertragen lassen. Hier ist man auf automatisierte Pipettiersysteme angewiesen.“

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Eppendorf bedient den Bereich der Laborautomation seit 2003 mit seiner epMotion Serie, die bei deutlich gesteigerten Durchsätzen das hochreproduzierbare Pipettieren von Flüssigkeiten im Mikro- und Nanolitermaßstab ermöglichen. Die Systeme bieten eine Vielzahl von Optionen wie Greifertransport, Vakuumstation, integrierte Mischer oder Temperiereinheiten. Typische Anwendungen sind Routinen beispielsweise in klinischen Zentrallaboren oder in der Pharmaforschung. Aktuell hat Eppendorf sein Angebot für die epMotion 5070, 5073 und 5075 automatischen Liquid-Handling-Systeme um Zubehör und Verbrauchsgüter erweitert, die das Pipettieren von Kleinstvolumina, von 10 µL bis hinunter zu 200 nL, für letztlich kosteneffizientere Workflows vereinfachen sollen. „Der Bereich des automatisierten Pipettierens ist ein stark wachsendes Geschäftsfeld bei Eppendorf und der Trend geht hier einerseits hin zu größeren Systemen, für höhere Durchsätze, andererseits sind zunehmend spezialisierte Systeme gefragt, mit denen sehr spezifische Pipettieraufgaben abgearbeitet werden können“, erläutert Koerner.

Zwölf Größenordnungen Präzision

Einst hatte Eppendorf Forschung und Klinik durch Einführung des Mikrolitersystems revolutioniert, das bis heute als weltweiter Standard Bestand hat. Die Bandbreite, die das Unternehmen heute, gut 50 Jahre später, mit seinem Liquid-Handling-Portfolio abdeckt, ist indes einzigartig: Im Bereich Gerätebau gelang mit den bereits 1985 erstmals vorgestellten Geräten zur Zellinjektion die Entwicklung von Systemen, mit denen es möglich ist, unter dem Mikroskop Flüssigkeiten im Femtoliterbereich (1 fL = 10-15L = ein Milliardstel eines Mikroliters) direkt in lebende Zellen zu injizieren. Die Geräte kommen bis heute bei unterschiedlichen biomedizinischen Forschungsanwendungen zum Einsatz. Die dabei verwendeten Substanzmengen sind so klein, dass 300 Jahre lang jede Sekunde injiziert werden müsste, um ein Eppi zu füllen. Mit den automatisierten Pipettiersystemen ist der Vorstoß von Pipettieranwendungen in den Nanoliterbereich gelungen. Die manuellen und elektronischen Pipetten und Dispenser von Eppendorf decken weiterhin den Mikro- und Milliliterbereich ab. Daneben führt das Unternehmen nach wie vor auch serologische Pipetten im Millilitermaßstab zusammen mit den entsprechenden Pipettierhilfen.

Das Engagement der Gründerväter Dr. Heinrich Netheler und Dr. Hans Hinz hat in der Weiterentwicklung des Unternehmens letztlich dazu geführt, dass Eppendorf heute Liquid-Handling-Lösungen für Maßstäbe über 12 Größenordnungen von Femtoliter bis Milliliter unter seinem Dach vereint. Eine Dimension, die 180 km Radtour durchaus lohnend erscheinen lassen.

Quellen:

[1] Eppendorf – Netheler – Hinz, Mitarbeiter Produkte und Kunden 1945 – 1970; Rückblick von Heinrich Netheler 1997

[2] Bundesrepublik Deutschland, Deutsches Patentamt, Auslegeschrift 1090449 vom 6. Oktober 1960

* Dr. I. Ottleben: Redaktion LABORPRAXIS, E-Mail ilka.ottleben@vogel.de

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