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Analyse: Biotechnologie Deutsche Biotech-Branche schwächelt im internationalen Vergleich

Redakteur: Tobias Hüser

Die Biotech-Branche in Deutschland hat ihr Potenzial im vergangenen Jahr zu wenig ausgeschöpft – zu diesem Ergebnis kommt eine Ernst & Young-Analyse. Bei Börsengängen, Venture Capital und Unternehmensneugründungen kann die Branche hierzulande nicht mit der internationalen Entwicklung mithalten. Ein Lichtblick sind dagegen der Umsatz und die F&E-Ausgaben.

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Die deutsche Biotech-Branche kann bei Börsengängen, Venture Capital und Unternehmensneugründungen nicht mit der internationalen Entwicklung mithalten - das besagt eine Marktanalyse von Ernst & Young.
Die deutsche Biotech-Branche kann bei Börsengängen, Venture Capital und Unternehmensneugründungen nicht mit der internationalen Entwicklung mithalten - das besagt eine Marktanalyse von Ernst & Young.
(Bild: Dreaming Andy - Fotolia.com)

Frankfurt – Lediglich ein deutsches Unternehmen (Curetis) ging laut Ernst & Young im Jahr 2015 an die Börse. Ein Jahr zuvor stand mit zwei IPOs nur ein Börsengang mehr zu Buche. Damit ist Biotechnologie aus Deutschland international deutlich unterrepräsentiert. So liegt die IPO-Quote (IPOs pro Anzahl Biotech-Unternehmen) bei gerade einmal 0,8 % – in Europa liegt sie bei 3,3 %, in den USA bei 4,7 %. In Europa gingen 33 Biotech-Unternehmen an die Börse, in den USA 45. Nachdem das IPO-Fenster in den vergangenen drei Jahren weit geöffnet war, flachte die Kurve damit leicht ab. In den USA gab es im Vorjahr 63 Börsengänge, in Europa blieben die Börsengänge auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr.

Auch bei der Beschaffung von Risikokapital tun sich die deutschen Biotech-Unternehmen in der Breite nach wie vor schwer. Zwar stieg das bereitgestellte Venture Capital im Vergleich zum Vorjahr um knapp die Hälfte. Allerdings entfielen vom Gesamtvolumen 2015 in Höhe von 236 Millionen Euro alleine 167 Millionen Euro (71 %) auf Cure Vac, u.a. durch eine Beteiligung der „Bill & Melinda Gates“-Stiftung sowie anderer Privatinvestoren. Ohne diesen Sondereffekt sammelte die Branche 56 % weniger Risikokapital ein als im Vorjahr. Zudem hat die Zahl der Neugründungen einen neuen Tiefpunkt erreicht: 2015 kamen nur elf neue Firmen hinzu. 2012 waren es noch 28.

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Forschungs- und Entwicklungsausgaben legen zu

Dennoch ist die Stimmung innerhalb der Branche gut. Das liegt u.a. daran, dass der Umsatz insgesamt um 12 % auf 3,4 Milliarden Euro stieg. Auch die Forschungs- und Entwicklungsausgaben legten kräftig zu – um 11 % auf 1,05 Milliarden Euro. Die Zahl der Unternehmen steigerte sich nur leicht um 2 % auf 590. Die Anzahl der Mitarbeiter stagnierte bei knapp 17.900. Das sind Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2016 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, erstmals in Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland und dem Arbeitskreis der Deutschen BioRegionen.

Der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Siegfried Bialojan, sieht trotz verpasster Chancen großes Potenzial in der heimischen Branche: „Die weltweite Biotechnologie-Branche ist in den vergangenen Jahren im Aufwind. Trotz des weltweiten Momentums gelingt es deutschen Unternehmen in der Breite jedoch nicht, an diesem Aufwärtstrend teilzuhaben, Risikokapital anzuziehen und den Sprung an die Börse zu schaffen.“ Dabei seien die Voraussetzungen in Deutschland eigentlich gut: großzügige finanzielle Ausstattung der universitären und außeruniversitären Forschung, führende Position bei Patententwicklungen, innovative Ideen. „Was fehlt, ist eine breitere Risikoakzeptanz hierzulande: echte Innovationen sind meist mit Risiken über lange Zeiträume verbunden. Dies geht einher mit einem hohen Investitionsbedarf, der nur über Risiko- und Beteiligungskapital abgedeckt werden kann“, so Bialojan.

Wachstum wird durch börsennotierte Unternehmen getrieben

Die Perspektiven, die Risiko- und Beteiligungskapital bieten, verdeutlicht ein genauerer Blick auf die Kennzahlen der Unternehmen: Während bei den privaten Unternehmen im vergangenen Jahr der Umsatz um 8 % und die F&E-Ausgaben gerade einmal um 2 % stiegen, vergrößerte sich der Umsatz der börsennotierten Unternehmen um 18 % und die F&E-Ausgaben gingen sogar um ein Drittel in die Höhe. Den börsennotierten Unternehmen gelang es zudem, die Zahl der Mitarbeiter um 12 % auszubauen. Bei den privaten Unternehmen dagegen stagnierte die Mitarbeiterzahl.

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„Der erfreuliche Anstieg von Umsatz und F&E-Ausgaben darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wahren Wachstumstreiber börsennotierte Unternehmen sind. Und da hat Deutschland eindeutig Nachholbedarf“, erklärt Klaus Eichenberg, Geschäftsführer von Bio Regio Stern Management und Sprecher des Arbeitskreises der Bio Regionen im Branchenverband Bio Deutschland. „Es sind dringend Maßnahmen angeraten, um das hiesige Klima für Börsengänge zu verbessern. Dies wird die Attraktivität für Investoren steigern und dadurch positive Auswirkungen auf die Gründungsentwicklung haben.“

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Leuchttürme zeigen Potenzial der deutschen Biotechnologie

Statt in der Breite zeigen vor allem einzelne Leuchttürme das in Deutschland vorhandene Potenzial. Dazu zählt Bialojan u.a. die in der jüngsten Vergangenheit an die Börse gegangenen Affimed, Pieris, Probiodrug und Curetis, Branchenführer am Kapitalmarkt wie Qiagen, MorphoSys und Evotec, aber auch die erfolgreichen „Deal Maker“ wie Biontech, Cure Vac, Phenex Pharmaceuticals und andere.

„Im Wesentlichen finden sich bei fast allen Leuchtturm-Unternehmen drei Erfolgsfaktoren wieder“, beobachtet Bialojan. „Sie haben Zugang zu Eigenkapital, haben sich über Technologieplattformen breite geschäftliche Optionen geschaffen und sind häufig im Bereich von Trendthemen wie der Immuntherapie aufgestellt. Neben den „Family Office“-finanzierten Unternehmen sind auch solche erfolgreich, die die Gunst ausländischer Investoren gewinnen konnten. Es wäre deshalb wünschenswert, den Standort insgesamt attraktiver für ausländische Investoren zu machen. Dazu muss aber die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Ein Mittel könnte auch sein, die Anzahl der Start-ups durch gezielte Fördermaßnahmen zu erhöhen und an wenigen Standorten zu konzentrieren – so dass es sich für Investoren aus Übersee lohnt, eigene Büros in Deutschland zu eröffnen.“

Bialojan gibt zu bedenken, dass das Investoreninteresse an Biotechnologie durchaus da ist. Das zeige ein Blick auf die internationalen Venture-Capital-Zahlen, die eine neue Rekordhöhe erreichten. In den USA konnten Biotech-Unternehmen im vergangenen Jahr 9,25 Milliarden US-Dollar anziehen, nach 6,17 Milliarden im Jahr 2014. Auch in Europa stieg das Risikokapital rasant von 1,5 Milliarden Euro auf 2,17 Milliarden Euro an. Demgegenüber steht in Deutschland die Cure Vac-Finanzierung, die das VC-Geschehen als einzelner Leuchtturm bestimmt.

2015 ergab sich eine Verschiebung der Schwerpunkte bei VC und auf dem internationalen Börsenparkett. Die Investoren blicken nunmehr verstärkt auf Unternehmen mit Produkten in frühen Entwicklungsstadien. So konnten junge Start-ups aus den USA in der Seed- und ersten Phase das Durchschnittsvolumen um 87 % auf 18 Millionen US-Dollar steigern. 2015 hat sich zudem der Anteil der Firmen, die an die Börse gingen und sich in Phase I oder sogar noch in der Präklinik befinden von 14 auf 30 % verdoppelt. In den USA gab es zudem erstmals mehr IPOs auf dem Gebiet der Neurologie (Anteil 33 %) im Vergleich zur Onkologie (Anteil 21 %), während in Europa die Onkologie nach wie vor den größten Schwerpunkt bildet (31 %) weit vor dem Behandlungsgebiet Metabolismus und Endokrinologie (14 %).

„Die guten Erfahrungen während des weitgeöffneten Börsenfensters haben das Vertrauen der Investoren in die Biotechnologie gestärkt“, sagt Bialojan. „Gleichzeitig sind viele Kandidaten mit weit fortgeschrittenen Produkten bereits an die Börse gegangen. Das erlaubt vielen Kandidaten mit weniger reifen Produkten jetzt den Sprung an die Börse – die Investoren nehmen das gesteigerte Risiko in Kauf.“

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Zahl der M&A-Deals geht nach oben – Kaum Bewegung in Deutschland

Parallel zur Entwicklung am Kapitalmarkt werden Biotech-Firmen als Partner und Übernahmeobjekte immer attraktiver. So ist die Zahl der M&A-Deals unter Beteiligung von Biotech 2015 im Vergleich zu 2014 insgesamt um 30 % nach oben gegangen. 197 M&As in den USA standen 174 in Europa gegenüber. In Deutschland dagegen gibt es kaum Bewegung. 2015 gab es gerade einmal 12 M&As. Das Dealvolumen weltweit hat sich mehr als verdoppelt und liegt mit 107 Milliarden US-Dollar erstmals über der 100-Milliarden-Hürde. Das liegt vor allem an den sieben Megadeals im vergangenen Jahr – Transaktionen mit Volumina von über fünf Milliarden US-Dollar. Ihr Wert alleine macht derzeit fast zwei Drittel der Gesamtsumme aus. Gerade Pharmaunternehmen mussten beim Griff nach Biotech tief in die Taschen greifen: 809 Millionen Euro kostete sie ein Deal im Schnitt – 2013 war es mit 429 Millionen Euro fast die Hälfte.

„Die Preise, die Biotech derzeit erzielt, zeigen das gewachsene Ansehen der Branche bei strategischen Partnern und reflektieren die Wertsteigerungen an den Kapitalmärkten. Gerade die Pharmaunternehmen werden durch Wachstums- und Innovationsdruck angefeuert und können sich im derzeitigen Niedrigzinsumfeld günstig refinanzieren. Dadurch sind sie auch bereit, deutlich höhere Preise zu zahlen. Auf der anderen Seite sind die hohen Preise aber auch ein Zeichen dafür, dass Innovation an sich immer teurer wird“, sagt Bialojan.

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