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Interview zum Legionellen-Ausbruch in Warstein

Deutschland bisher bei Regulierung von Rückkühlwerken nicht beispielgebend

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Ein Experten-Team um Prof Dr. Martin Exner suchte in Warstein nach der Quelle für den Entstehungsraum von Legionellen.
Ein Experten-Team um Prof Dr. Martin Exner suchte in Warstein nach der Quelle für den Entstehungsraum von Legionellen.
(Bild: Universität Bonn/Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit)
PROCESS: Herr Professor Exner, sind Legionellen-Erkrankungen im Umfeld von Kläranlagen in der Literatur beschrieben?

Exner: Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken zur Vermehrung und Freisetzung von Legionellen in kommunalen Kläranlagen (Bundestags-Drs. 18/67) geht die Bundesregierung derzeit nicht von einer grundlegenden Legionellengefahr durch kommunale Kläranlagen aus. Es sind bislang im Zusammenhang mit Kläranlagen nur vereinzelt Erkrankungen bei Mitarbeitern beschrieben worden, die intensive Reinigungsarbeit in Kläranlagen selbst durchgeführt haben. Ansonsten sind insbesondere zwei wichtige Legionellen-Ausbrüche, nämlich der Ausbruch in Pas de Calais sowie der Ausbruch in Sarbsborg 2005 mit zwei betrieblichen Kläranlagen assoziiert, wobei offensichtlich über Verdriftung Rückkühlwerke auf dem Betriebsgelände bzw. Luftwäscher über die betrieblichen Kläranlagen über kurze Distanz von 200 m kontaminiert wurden. Über kommunale Kläranlagen als Infektionsreservoir für Legionellen innerhalb der Bevölkerung liegen meiner Kenntnis nach in der Literatur keine Beschreibungen vor.

PROCESS: Liegt es nicht nahe, dass Kläranlagen eine Brutstätte für Keime sind – relativ hohe Temperaturen, organische Frachten ohne Ende?

Exner: Das nordrhein-westfälische Umweltministerium hat unmittelbar nach dem Auftreten der Legionellen-Erkrankung in Warstein sowie den in Warstein festgestellten hohen Konzentrationen von Legionellen in einer betrieblichen und einer kommunalen Kläranlage umfassende Untersuchungen bei betriebsgleichen Kläranlagen durchgeführt. Hierbei zeigte sich, dass offensichtlich nur in bestimmten Kläranlagen, die bestimmte Abwässer aufbereiten, mit einer erhöhten Legionellen-Kontamination zu rechnen ist. Eine erste Zwischenbilanz ergab, dass bei 290 amtlich entnommenen Kläranlagenproben 28 positive Legionellenbefunde festgestellt wurden. Die positiven Befunde wiesen meist eine geringe Belastung um 500 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter auf. Bei einer Kläranlage allerdings wurden deutlich höhere Werte festgestellt. Es handelt sich dabei um eine andere Legionellenart als die in Warstein. Dieser Befund konnte bei Wiederholungsuntersuchungen nicht bestätigt werden. Es kann jedoch in der Tat nicht ausgeschlossen werden, dass bestimmte Kläranlagen bei Aufbereitung bestimmter Abwässer mit hoher organischer Belastung wie insbesondere Ölschlämme, Aufbereitung von Hefeextrakten oder Zellulose günstige Voraussetzungen für eine Legionellen-Vermehrung bieten. Darüber hinaus ist in Pas de Calais beschrieben worden, dass die dortige Kläranlage für Ölschlämme mit Belebschlämmen kontaminiert wurde, die aus einer Kläranlage stammten, in dem der gleiche Epidemie-stamm bereits nachgewiesen werden konnte. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass Belebtschlämme ebenso ein entsprechendes Risiko einer Legionellen-Weiterverbreitung in Kläranlagen bedingen können.

PROCESS: Gibt es bei der Kläranlage in Warstein bzw. dem Vorklärbecken eines Lebensmittelunternehmens Besonderheiten, die die explosionsartige Vermehrung von Legionellen erklären könnten?

Exner: Dies wird derzeit weiter wissenschaftlich untersucht. Wir schließen jedoch nicht aus, dass hohe Temperaturen – in den vorliegenden Fällen bis zu 38 °C – Nährstoffe und organische Verbindungen sowie eine Sauerstofflösung den Legionellen gute Vermehrungsmöglichkeiten bieten.

Was rät Prof. Exner kommunalen und industriellen Kläranlagenbetreibern zur Vorsorge? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite …

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