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Interview zum Legionellen-Ausbruch in Warstein

Deutschland bisher bei Regulierung von Rückkühlwerken nicht beispielgebend

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PROCESS: Welchen Rat zur Vorsorge geben Sie kommunalen und industriellen Kläranlagenbetreibern? Sind die vorgesehenen Umbaumaßnahmen in Warstein aus Ihrer Sicht sinnvoll und ausreichend?

Exner: Auch diese Fragen werden derzeit von einer Expertenkommission, die seitens des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalen mit internationalen Mitgliedern eingesetzt wird, geklärt werden müssen. Die vorgesehenen Umbaumaßnahmen in Warstein: Erstens – Abdeckung von Belebungsbecken als das Hauptreservoir innerhalb von Kläranlagen für Legionellen zur Emissionsminderung. Zweitens – Verzicht auf Kreiselbelüftung sowie weitergehende indizierte Maßnahmen bei Feststellung erhöhter Legionellen-Konzentrationen wie UV-Desinfektion bzw. chemische Desinfektion erscheinen nach derzeitigem Kenntnisstand als akute Maßnahme in jedem Fall sinnvoll. Zusätzlich wurde in Warstein auch der Abwasserkanal von der betrieblichen Kläranlage hin zur kommunalen Kläranlage durch Einbau von Filtermatten in die Gullideckel zusätzlich abgesichert. Derzeit sind weitere Konzepte abgestimmt worden, die auch durch die Experten-kommission des Umweltministeriums NRW reevaluiert werden.

PROCESS: Letztlich erfolgte die Infektion der Menschen wie schon häufig in solchen Fällen über eine offene Rückkühlanlage. Halten Sie eine Meldepflicht für solche Anlagen für sinnvoll? Und wie kann solche Technik hygienisch sicher betrieben werden?

Exner: Wir hatten bereits nach dem Ausbruch in Ulm 2010 eine Meldepflicht für bestehende und neue Anlagen in einem veröffentlichten Memorandum unmissverständlich gefordert und eine Verbesserung der bestehenden technischen Regeln zum Betrieb von Rückkühlwerken bzw. eine regelmäßige Untersuchung auf Legionellen. Deutschland war in dieser Hinsicht leider Gottes nicht Vorreiter, da viele andere Länder einschließlich England, Spanien und Frankreich längst eine Registrierungspflicht und strenge Auflagen zum Betrieb von Rückkühlwerken erlassen haben. In Spanien beispielsweise wurde nach dem großen Legionellen-Ausbruch in Murcia 2002 innerhalb von drei Wochen nach dem Ausbruch eine entsprechende Registrierungspflicht eingeführt. Bezüglich der übrigen Technik zum Betrieb und zur Desinfektion und Reinigung gibt es jetzt neue Regulierungen im Rahmen einer VDI-Richtlinie. Aus unserer Sicht muss insbesondere verstärkt dem Füllwasser zum Betrieb der Rückkühlwerke und der Desinfektion Aufmerksamkeit gewidmet werden. Insbesondere die Verwendung nicht-oxidierender Desinfektionsmittel muss überprüft werden. Die europäischen Leitlinien führen dazu aus, dass bei Einsatz nicht-oxidierender Desinfektionsmittel nie nur ein Präparat eingesetzt werden sollte, sondern immer mehrere Präparate, um Selektionsmechanismen zu vermeiden. Von Bedeutung ist, dass in einem der Rückkühlwerke in Warstein keine Desinfektion durchgeführt wurde.

PROCESS: Regelmäßig wird auf die hohe Dunkelziffer bei Legionellen-Erkrankungen hingewiesen. Ärzte diagnostizieren lieber eine normale Lungenentzündung und verweisen darauf, dass Laboranalysen auf eine Legionellose lange dauern, zudem teuer sind. Ist eine Schnell-Analyse in Sicht?

Exner: Eine entsprechende Schnell-Diagnose existiert schon seit langer Zeit: der Urin-Antigen-Nachweis. Dieser ergibt spätestens nach 20 Minuten ein Ergebnis im Hinblick auf eine bestehende Legionellose. Die Sensitivität dieser Testverfahren muss jedoch überprüft werden, da es hier offensichtlich bei dem auf dem Markt angebotenen Urin-Antigene hinsichtlich der Sensitivität erhebliche Unterschiede gibt. Sie haben auf der anderen Seite in der Tat Recht, dass bei der normalen Diagnostik einer Lungenentzündung nicht automatisch eine mikrobiologische Analyse bzw. ein Urin-Antigen-Test durchgeführt wird. Die fehlende Diagnostik ist häufig darauf zurückzuführen, dass niedergelassene Ärzte befürchten, dass es zu einer Budget-Überschreitung des ihnen jeweils zustehenden Etats kommen könnte. In diesen Fällen kommt es zu einem finanziellen Abzug bei der Honorarabrechnung. Insofern muss überlegt werden, dass die Legionellen-Diagnostik grundsätzlich ohne Konsequenzen für das Budget der diagnostizierenden Ärzte durchgeführt werden kann. Da die Legionellose ausschließlich eine aus der Umwelt stammende Erkrankung ist und nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, kann dies aufgrund der besonderen infektionshygienischen Bedeutung für die Öffentliche Gesundheit begründet werden.

Seriöse Schätzungen gehen in Deutschland von 1000 Todesfällen aufgrund von Legionellosen aus. Warum bleibt ein Aufschrei in der Öffentlichkeit dazu aus? Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite …

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