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Covid-19 Die häufigsten Spätfolgen einer Corona-Erkrankung

Autor / Redakteur: Dr. Bettina Albers* / Christian Lüttmann

Wenn man eine Corona-Erkrankung überstanden hat, ist es noch nicht unbedingt vorbei. Auch Monate nach einer Infektion klagen viele Betroffene über Spätfolgen, darunter neurologische Störungen z.B. des Geruchs- oder Geschmackssinnes. Was sind die häufigsten neurologischen Langzeitfolgen von Covid-19? Hierzu gibt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie einen Einblick in die aktuelle Studienlage. Ein neues Projekt soll zudem mögliche Spätfolgen wie erhöhtes Alzheimerrisiko aufdecken.

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Auch zwei Monate nach einer Corona-Erkrankung klagen viele Betroffene noch über Erschöpfung (Symbolbild).
Auch zwei Monate nach einer Corona-Erkrankung klagen viele Betroffene noch über Erschöpfung (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, Christian Erfurt / Unsplash)

Berlin – Seit der Entdeckung von SARS-CoV-2 lernen Wissenschaftler mit jeder Woche mehr über das Virus. Doch noch ist längst nicht alles zu erklären. Ein wichtiges Forschungsfeld sind beispielsweise die Spätfolgen einer Covid-19 Erkrankung. Denn bei einigen Patienten hinterlässt das Virus auch Monate nach der Genesung noch seine Spuren, zu denen auch neurologische Symptome gehören.

Covid-19 geht häufig bereits während der Akutphase mit neurologischen Symptomen einher. Typisch sind Geruchs- und Geschmacksstörungen, aber auch Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und das so genannte Fatigue-Syndrom (dauerhafte Erschöpfung und Abgeschlagenheit). Darüber hinaus kommen so genannte Enzephalopathien recht häufig vor, also Bewusstseinsstörungen und Störungen der Hirnfunktionen. Dies wird gerade bei schweren Verläufen von Covid-19 beobachtet. Ein Verwirrtheitszustand (Delir) ist vor allem bei älteren Personen ein unabhängiges Symptom. Auch lebensbedrohliche neurologische Komplikationen können während oder direkt nach einer Covid-19-Erkrankung auftreten, wie z.B. Schlaganfälle oder das Guillain-Barré-Syndrom, welches Lähmungen von Gliedmaßen oder der Atemmuskulatur hervorrufen kann.

Erschöpfung als Hauptsymptom – auch Monate später

Bereits im Sommer gaben Studien erste Hinweise darauf, dass Symptome auch nach einer akuten SARS-CoV-2-Infektion weiter anhalten [1]. Inzwischen ist deutlich, dass es insbesondere neurologische Spätfolgen sind, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben: Am häufigsten sind das chronische Erschöpfungssyndrom, Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme und Schlafstörungen. Eine niederländisch-belgische Studie [2] wertete drei Monate nach Krankheitsbeginn die anhaltenden Symptome von 2.113 Covid-19-Patientinnen und -Patienten aus (von denen 112 stationär behandelt worden waren). Während der Erkrankung litten 95% unter Erschöpfung (Fatigue), drei Monate danach waren es immer noch 87%. Damit war Erschöpfung die häufigste Komplikation und Langzeitfolge, sogar häufiger als Kurzatmigkeit (Dyspnoe).

Ein in „Nature Communications“ publizierter Artikel [3] beschrieb die häufigsten Symptome vor, während und nach einer Covid-19-Erkrankung bei fast 2.500 Patientinnen und Patienten. Noch Wochen nach der Erkrankung waren auch hier Erschöpfung, Schmerzen, Kurzatmigkeit und Schnupfen/laufende Nase die häufigsten Langzeitsymptome. In einer britischen prospektiven Kohortenstudie [4] wurden 163 Covid-19-Patientinnen und -Patienten im Median 83 Tage nachverfolgt. Auch hier waren die häufigsten Langzeitfolgen nach einem zwölfwöchigen Follow-up Kurzatmigkeit und Erschöpfung (bei je 39% der Patienten). Ebenfalls häufig waren Schlafstörungen (24%) und Schmerzen (ca. 20%). Das Erstaunliche: Die anhaltenden Krankheitssymptome fanden sich auch bei Betroffenen, die nur einen milden Covid-19-Verlauf erlebt hatten.

Schwere Verläufe erfordern lange Nachbetreuung

Besonders hartnäckig und langanhaltend scheinen neurologische Symptome jedoch bei Covid-19-Patientinnen und -Patienten zu sein, die einen schweren Verlauf der Infektionskrankheit hatten. Deutliche Einbußen der Lebensqualität werden beschrieben. Eine französische Studie [5] erfasste die Lebensqualität von Covid-19-Patientinnen und -Patienten mit schweren, intensivpflichtigen Krankheitsverläufen. Die dokumentierten 19 Patienten gaben nach drei Monaten alle einen deutlichen Lebensqualitätsverlust an: 89% klagten über Schmerzen, 47% über eine eingeschränkte Mobilität durch Muskelschwäche und 42% über Angstzustände und Depression.

„Zusammenfassend betreffen neurologische Langzeitfolgen einen hohen Anteil der Covid-19-Patientinnen und -Patienten und wir müssen diese Menschen neurologisch nachbetreuen“, sagt Prof. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär. „Bei vielen Betroffenen verbessern sich die neurologischen Symptome zwar im Laufe der Zeit, aber wir haben auch Patienten, die bereits in der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr 2020 erkrankten und bis heute nicht beschwerdefrei sind. Da es sich bei Covid-19 um eine neuartige Krankheit handelt, müssen wir die Ursachen der Symptome und Spätfolgen klären, um gezielt etwas gegen die neurologischen Beschwerden unternehmen zu können.“

Welche Spätfolgen generell besonders häufig noch zwei Monate nach einer Corona-Erkrankung auftreten, zeigen beispielhaft die Ergebnisse aus zwei voneinander unabhängigen Studien [1-2]:

Erschöpfung und Atemnot sind in beiden Studien die häufigsten Symptome nach einer Covid-19-Erkrankung.

Großprojekt zu neurologischen Spätfolgen

Um das zu erforschen, wurde eine Arbeitsgruppe Neurologie im Nationalen Pandemie Kohorten Netz (Napkon) etabliert. Eine von drei Säulen des Projekts, welches aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wird, ist eine populationsbasierte Plattform. Dort werden in geographisch definierten Gebieten alle Patientinnen und Patienten mit überstandener SARS-CoV-2-Infektion schweregradunabhängig und populationsrepräsentativ identifiziert und in ein diagnostisches Langzeitprogramm eingeladen. In einem epidemiologisch ausgerichteten Fokuskrankenhaus der jeweiligen Region erfassen Fachleute dann retrospektiv die detaillierte den akuten Erkrankungsverlauf, Langzeitfolgen und Komorbiditäten.

Wie Dr. Samuel Knauss, Sprecher der Jungen Neurologen und stellvertretender Sprecher der fachorganspezifischen Arbeitsgruppe Neurologie im Napkon-Projekt ausführt, sind solche großen Nachbeobachtungsstudien wichtig, um neurologische Spätfolgen und ihre Persistenz zu erheben. „Darüber hinaus beschäftigen uns auch offene Forschungsfragen, gerade was mögliche Spätfolgen angeht. So beispielsweise die Fragen ‚Gibt es bei Patientinnen und Patienten mit neurologischen Symptomen dauerhafte Auswirkungen auf die Kognition?‘ oder ‚Beschleunigt Neuro-Covid die Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson?‘“

Gesicherte Antworten auf diese Fragen sind erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten zu erwarten. Derzeit befindet sich die Napkon-Plattform im Aufbau, die Arbeitsgruppe Neurologie unter der Leitung von DGN-Past-Präsidentin Prof. Christine Klein erarbeitet spezielle neurologische Fragestellungen für die Auswertung.

Literaturhinweise

* Dr. B. Albers, Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, 99423 Weimar

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