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Sachverständigenrat

Die Zukunft der Umwelt betrifft uns alle

| Redakteur: Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Professor Dr. Heidi Foth, Direktorin des Instituts für Umwelttoxikologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wurde zum 1. Juli 2008 erneut in den Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung berufen. LaborPraxis sprach mit Prof. Foth über ihre vielfältigen Aufgaben in der Regierung und an der Hochschule.

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1 Wissenschaftliche Aspekte von Umweltfragen zu beleuchten und zu kommentieren, ist eine der Kernaufgaben des SRU.
1 Wissenschaftliche Aspekte von Umweltfragen zu beleuchten und zu kommentieren, ist eine der Kernaufgaben des SRU.
( Archiv: Vogel Business Media )

LaborPraxis: Frau Prof. Foth, seit 1. Juli 2008 sind Sie erneut Mitglied des siebenköpfigen Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung. Mit welchen Fragestellungen beschäftigt sich dieses Gremium?

Prof. Foth: Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat den Auftrag, die Umweltsituation und Umweltpolitik in der Bundesrepublik Deutschland wissenschaftlich zu bewerten und das Ergebnis der Beratungen kompakt und verständlich darzustellen. Entwicklungstendenzen werden begutachtet, sowie umweltpolitische Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zur Vermeidung aufgezeigt. Die Produkte sind ausführliche Gutachten über die aktuellen umweltpolitischen Entwicklungen sowie Sondergutachten, Stellungnahmen und Kommentare zu Schwerpunkthemen. Die Themen greifen alle Bereiche auf, wie Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit, Energie, Biomasse, Abfall, Boden und Biodiversitätsschutz. Die Arbeit führt die Expertisen von Umweltrecht, Ökonomie, Politik, Ethik, Naturschutz, Toxikologie und Umweltschutztechnik zusammen.

LaborPraxis: Gerade die Lebensmittelsicherheit ist derzeit ein häufig diskutiertes Thema, Stichwort Fleischskandal und zuletzt Gammelkäse. Die Möglichkeit für Verbraucher, ihre Lebensmittel kontrollieren zu lassen, soll vereinfacht werden. Wie stehen Sie diesem Thema gegenüber?

Prof. Foth: Es ist sehr zu begrüßen, dass Verbraucher einfacher und umfassender Informationen darüber erhalten können, welche Inhaltsstoffe in den Lebensmitteln und Produkten tatsächlich enthalten sind. Durch eine Entscheidung für oder gegen den Kauf bestimmter Produkte kann der Verbraucher sehr gute Anreize bieten, dass sich die besseren Produkte im Markt durchsetzen. Die Stärkung der Informationsmöglichkeiten kann aber auch schnell unfair werden, weil Zahlen und Fakten ohne den notwendigen Service weitergegeben werden. Die Daten sind eben nicht selbst erklärend, und die Fragen und Motive der Verbraucher sind sehr unterschiedlich. Ohne eine wirklich funktionierende Möglichkeit, sich mit den eigenen Fragen an Experten wenden zu können, bleibt der Nutzen der Information schnell auf der Strecke und schlägt im schlechtesten Falle sogar ins Gegenteil um. So sind beispielsweise die Meinungen zu Konservierungsstoffen zwiegespalten. Auf der einen Seite bleiben durch sachgerechte Konservierung Vitamine erhalten, die Lebensmittel verderben nicht so schnell oder werden nicht von Schimmelpilzen befallen, die gefährliche Mykotoxine an das Lebensmittel weitergeben können. Einige Konservierungsstoffe sind aber leider auch dafür bekannt, dass sie Allergien auslösen können, und die Betroffenen müssen dieses Detail natürlich vorher unbedingt erkennen können.

LaborPraxis: Auf der Suche nach alternativen Kraftstoffen wird derzeit Biosprit als mögliche Lösung heiß diskutiert. Was sind hier Ihre Einschätzungen?

Prof. Foth: Mit der Nutzung von Biomasse als Ausgangsstoff für Biosprit sind große Hoffnungen verbunden, zur Lösung des Klimaproblems beizutragen. Unter bestimmten Rahmenbedingungen kann dies auch eintreten, denn der CO2-Anteil im Biosprit ist erst wenige Jahre zuvor beim Pflanzenwachstum aus der Luft gebunden worden. Er wäre damit „klimaneutral“. Biomasse, die aber unter Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmittel erzeugt werden muss, hat eine wesentlich schlechtere Klimabilanz, weil bereits Energie in die Herstellung der Hilfsmittel investiert werden musste und zusätzlich klimaschädliche Gase aus dem Stickstoffkreislauf frei werden. Der Wasserhaushalt verschiebt sich, weil diese energiereichen Pflanzen meist sehr viel Wasser brauchen. Die erzeugten Monokulturen aus Pappeln („Schnellumtriebsgehölze“), Mais, Raps oder Getreide sind zudem für Wildpflanzen und Tiere meist eine Katastrophe.

LaborPraxis: Und der Energieverbrauch in den Industrieländern bleibt als Kernproblem der Klimaproblematik bei diesen Überlegungen unangetastet.

Prof. Foth: Das ist richtig. Wir haben als Gesellschaft einen so hohen Energiebedarf, dass er nur über massive Importe befriedet werden kann. Die Folgen sind für die Herstellerländer ökonomisch attraktiv, aber ökologisch verheerend, weil durch diese Umstellung auf Energiepflanzen wertvollste Naturräume in Brasilien oder Indonesien dauerhaft vernichtet werden. Zudem entsteht eine Konkurrenz zu Lebensmitteln, die gerade die ärmeren Bevölkerungsschichten in ihrer Existenz bedroht. So wichtig alle Überlegungen zu Biosprit und regenerativen Energieformen auch sind: sie verschleiern unseren Blick, dass unsere ureigenste Hausaufgabe für die Zukunft vor allem eine massive Einsparung unseres Energieverbrauchs sein muss. Wir stehen vor einer völlig neuen Dimension in der Ethik und müssen vor allem unseren Lebensstil ändern.

LaborPraxis: Für welche Fachgebiete innerhalb des Umweltrates sind Sie verantwortlich?

Prof. Foth: Zu meinen Aufgabengebieten gehören alle Fragen zu Risiken für Mensch und Umwelt aus dem Bereich der Chemikalien und Produkte. Dies umfasst Pflanzenschutzmittel, Industriechemikalien, Arzneimittel, Metalle, Abgase aus KFZ oder der Energiegewinnung. Auch die Beurteilung der Belastungslage in der Luft (Partikel, Feinstäube), dem Wasser oder dem Boden gehört dazu. Wichtig sind hierbei folgende Fragen: Wo müssen Ressourcen investiert werden, um die erreichten Qualitäts-Standards zu halten, wo ist Bedarf für eine weitere Entwicklung und Verbesserung von zulässigen Grenzwerten, und wo müssen innovative technische Entwicklungen fachlich begleitet werden, um sie nicht an der Wahrnehmung von vielleicht unbegründeten Risiken scheitern zu sehen?

LaborPraxis: Wie kann man sich Ihre Arbeit im Sachverständigenrat konkret vorstellen?

Prof. Foth: Meine Aufgabe ist es, zusammen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern die relevanten Informationen zusammenzutragen, zu bewerten, Fachgespräche zu führen und Texte zu erstellen. Diese werden dann im Plenum mit den anderen Disziplinen intensiv beraten, um die Fragen und Erfahrungen der anderen Fachrichtungen einzubeziehen und die Aussagen kritisch zu prüfen. Es ist eine echte interdisziplinäre wissenschaftliche Evaluierung auf hohem Niveau mit einem engen Blick auf anstehende Entscheidungen in Regulation und Politik.

LaborPraxis: Die Arbeit im Sachverständigenrat für Umweltfragen ist nur ein Teilbereich Ihrer Aufgaben. Darüber hinaus leiten Sie das Institut für Umwelttoxikologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit welchen aktuellen Projekten beschäftigen Sie sich hier derzeit?

Prof. Foth: Ein brandaktuelles Thema ist die neue Chemikalienregulierung der EU – Reach. Hier muss besonders in die akademische Toxikologie die Information über das Grundprinzip und die resultierenden Aufgaben getragen werden. Denn die Hochschulen müssen in diesem Zusammenhang eigene Aufgaben bei der Ausbildung des Nachwuchses für Behörden, Consulting-Unternehmen und Industrie in Forschung und Entwicklung wahrnehmen. Ein weiterer Bereich ist das Thema Safety-Science. In diesem Zusammenhang wird der Brückenschlag zwischen verschiedenen Disziplinen aus Technik, Bioscience, Medizin und Gesundheitswissenschaft derzeit noch ungenügend beachtet. Zu häufig wird vergessen, dass Grundprinzipien z.B. der Chemikaliensicherheit schon seit Jahrzehnten kontinuierlich entwickelt wurden und es neben der Weiterentwicklung hier vor allem der Aufrechterhaltung der Standards bedarf. Hierfür werden fachgerecht ausgebildete Experten gebraucht. Leider wird jedoch an Hochschulen in ganz Europa diesbezüglich unverantwortlicher Raubbau betrieben.

LaborPraxis: Auf welche analytischen Fragestellungen fokussieren Sie an Ihrem Institut besonders?

Prof. Foth: Auf Seiten der experimentellen Arbeit beschäftigen wir uns mit der metabolischen Funktion und Anpassungsfähigkeit der menschlichen Lunge an Stressoren aus der Luft, z.B. Metallen, Partikeln oder Tabakrauchinhaltsstoffen. Hier interessieren uns insbesondere die niedrigen, aber lange einwirkenden Belastungen und die individuellen Unterschiede. Das große Rahmenthema ist dabei der Lungenkrebs.

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