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Reifen aus deutschem Löwenzahn? Fahrradfahr‘n auf Löwenzahn – dank alternativer Kautschukquelle

Autor / Redakteur: Kathrin Nolte* / Christian Lüttmann

Der nächste Reifenwechsel könnte grün werden. Denn statt Gummi aus tropischem Naturkautschuk arbeiten Forscher in Münster an einer lokalen Alternative – aus Löwenzahn-Milch. Mit neuen Züchtungen haben sie den Kautschukanteil der heimischen Pflanze verzehnfacht und damit für die Kautschuk-Gewinnung lukrativer gemacht.

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Aus dem gewonnenen Naturkautschuk des Russischen Löwenzahns wird seit 2019 serienmäßig der Fahrradreifen „Urban Taraxagum“ von Continental produziert.
Aus dem gewonnenen Naturkautschuk des Russischen Löwenzahns wird seit 2019 serienmäßig der Fahrradreifen „Urban Taraxagum“ von Continental produziert.
(Bild: WWU - Kathrin Nolte)

Münster – Kautschuk ist der Rohstoff für mehr als 50.000 verschiedene Produkte, v. a. für Autoreifen, aber auch für Dichtungen, Matratzen, Schuhsohlen oder Kondome. Bislang wird der Rohstoff fast ausschließlich aus dem Milchsaft des Kautschukbaums in den tropischen Regenwäldern Südostasiens gewonnen. Mit der Gewinnung von Naturkautschuk aus Russischem Löwenzahn (Taraxacum koksaghyz) setzt ein Forscherteam aus Deutschland nun auf eine Alternative für regionalen Anbau. Beteiligt an dem Projekt sind das Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster und das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME

„Wir erforschen die spezielle Löwenzahnpflanze – von der Modifizierung der Wildpflanze über den Anbau und die Ernte der Kulturpflanze bis hin zur Gewinnung des Kautschuks – bereits seit 2006“, sagt Dr. Dirk Prüfer, Professor für Pflanzenbiotechnologie an der WWU „Mittlerweile gibt es mit dem seit 2019 produzierten ‚Urban Taraxagum‘ von Continental den ersten in Serie gefertigten Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk.“ Zukünftig sollen auch Lkw- und Autoreifen aus dem Löwenzahn-Kautschuk hergestellt werden.

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Die Deutsche Antwort auf den Russischen Löwenzahn

Der Russische Löwenzahn, der ursprünglich in Kasachstan beheimatet ist, sieht dem heimischen Löwenzahn ähnlich, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Der Milchsaft in den Wurzeln enthält größere Mengen an Naturkautschuk. Während die Wildpflanze aus Deutschland ein bis zwei Prozent Kautschuk liefert, ist es den Forschern aus Münster gelungen, den Ertrag der kultivierten Pflanze auf 15 bis 20 Prozent zu steigern.

Zur Extraktion des Naturkautschuks werden die geernteten Löwenzahnwurzeln zunächst vorgekocht. Anschließend kommen sie in eine Kugelmühle, die sonst u. a. bei der Zementherstellung genutzt wird. Unter der Zugabe von Wasser zerstoßen die Kugeln die Wurzeln. „Bei der Gewinnung kommt uns zugute, dass die Kautschuknuggets oben auf dem Wasser schwimmen und wir sie einfach abfischen können“, schildert Dr. Christian Schulze Gronover, Leiter des Forschungsbereichs beim Fraunhofer-IME.

Grüner Kaugummi für Fahrradreifen

Die bräunlichen Nuggets sehen aus wie Kaugummi. In Kasachstan werden die Löwenzahlwurzeln tatsächlich wie Kaugummi gekaut. Übersetzt bedeutet der russische Name „Taraxacum koksaghyz“ in etwa „grüner Kaugummi“.

Die zu Forschungszwecken eingesetzte Kugelmühle an der WWU fasst 50 Liter. Es riecht in dem Raum intensiv nach gekochtem Gemüse. Für die industrielle Gewinnung des Naturkautschuks ist das richtige Mischverhältnis von Wasser und Wurzeln von entscheidender Bedeutung. Die Kugelmühlen in der Serienproduktion haben ein Fassungsvermögen von mehreren 1.000 Litern und extrahieren Kautschuk aus mehr als einer Tonne Wurzeln. Für die Herstellung eines Fahrradreifens benötigt man zwischen 50 und 500 Gramm Naturkautschuk.

* K. Nolte, Westfälische-Wilhelms Universität Münster (WWU)

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