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Social Freezing Fruchtbar bis zum Schluss

Redakteur: Dana Hoffmann

Wenn die Wissenschaft den Lifestyle befruchtet: Frauen können ihre Eizellen einfrieren lassen und damit ihre Chancen auf ein gesundes Kind im höheren Alter signifikant steigern. Aber natürlich ist das Ganze nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Und schließlich sind die wahrscheinlichen negativen Folgen nicht nur physiologischer Natur.

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Ein Säugling im Bade.
Ein Säugling im Bade.
(Foto: Flickr-User Adriano Aurelio Araujo)

Ursprünglich stammt der Ansatz, die Eizellen einer Frau zu einem frühen Zeitpunkt ihres Lebens zu konservieren, aus der Krebstherapie. Schon seit einigen Jahren wird vor allem sehr jungen und kinderlosen Frauen die Option angeboten, sich einzelne Keimzellen entnehmen und sie einfrieren zu lassen. Damit legen sie einen Vorrat gesunder Eizellen an, um nach der überstandenen Krebserkrankung noch die Chance auf Kinder zu haben, wenn Bestrahlung, Chemotherapie oder andere zytotoxische Mittel die Fruchtbarkeit erheblich eingeschränkt haben. Wenn eine Krebstherapie sehr dringend notwendig ist, kann man die zeitraubende Stimulationsprozedur auch umgehen. Man entnimmt in diesen Fällen operativ einen ganzen Eierstock, der später wieder eingesetzt wird und eine natürliche Empfängnis ermöglicht.

Beim Social Freezing ist das Prinzip zunächst weitgehend dem bei einer normalen künstlichen Befruchtung identisch: Die Ovare werden mit Hormonen künstlich stimuliert, sodass mehrere Eier gleichzeitig heranreifen. Die reifen Follikel werden zum richtigen Zeitpunkt unter Vollnarkose direkt aus dem Eierstock extrahiert, dann allerdings nicht sofort verwendet, sondern bei –196° C in flüssigem Stickstoff eingefroren. Bei dieser Kryo-Konservierung muss die Bildung von Eiskristallen vermieden werden, die die Zellen zerstören würden. Dazu versucht man entweder, das Einfrieren möglichst langsam (das so genannte Slow Freezing) oder, bei der Vitrifikation, im Gegenteil besonders schnell durchzuführen. Ob der Eizellenvorrat tatsächlich verwendet wird, steht zu diesem Zeitpunkt oft noch nicht fest.

Kinder? Nicht jetzt!

Das Verfahren ermöglicht Krebspatientinnen nach ihrer Genesung oder aus anderen Gründen unfruchtbaren Frauen also die Erfüllung ihres Kinderwunsches. Beim Social Freezing wird es hingegen ohne medizinische Notwendigkeit bei gänzlich gesunden Frauen angewendet. Die Motive dafür scheinen vielfältig: Die Frauen möchten sich erst im Beruf etablieren, nicht durch Kinder in der freien Gestaltung ihres Lebens einschränken lassen oder haben aktuell keinen passenden Partner. Viele wollen ihren Kindern später „etwas bieten können“ oder sehen den richtigen Zeitpunkt einfach noch nicht gekommen. Manche stehen der Frage nach eignen Kindern ganz und gar unentschlossen gegenüber.

Der gesellschaftliche Trend in Deutschland ist eindeutig. Ungefähr 15 Prozent aller Frauen in Deutschland werden in ihrem Leben gar keine Kinder haben. Nähere Untersuchungen bestätigen den Eindruck, dass vor allem Akademikerinnen das Kinderkriegen in ihrem Leben immer weiter nach hinten verschieben: Der Bildungsabschluss korreliert direkt mit dem höheren Alter der Schwangeren und auch mit auch ihrem Einkommen. In der medizinisch-soziologischen Fachsprache geht es dann um eine „zeitliche Verlagerung der Reproduktion“. So liegt das durchschnittliche Alter von Erstgebärenden aktuell bei 30 Jahren – mit weiter steigender Tendenz.

Späte Mütter – kein Problem?

Aber: Keimzellen altern wie alle anderen Zellen auch. Sie fallen der so genannten inhärenten Unfruchtbarkeit anheim, denn ein Mädchen wird bereits mit allen seinen Eizellen geboren, die mit ihm altern. Die meisten Oozyten gehen im Laufe der Jahre zugrunde oder erleiden erhebliche Qualitätsverluste, die zu vermehrten Gen-Aberrationen wie Trisomien führen.

Deshalb gelten Frauen ab 35 in Deutschland als Spätgebärende und Risikoschwangere mit einem erhöhten Beratungs- und Betreuungsbedarf. Für diese Zuweisung spielt es keine Rolle, ob die Frau ihr erstes Kind bekommt oder bereits Kinder hat. Den Spätgebärenden werden mehr Maßnahmen zur vorgeburtlichen Diagnostik angeboten – mit allen Konsequenzen. Denn längst nicht alle Verfahren führen zu sicheren Aussagen über mögliche Einschränkungen beim Kind. Einige invasive Untersuchungen wie die Fruchtwasseruntersuchung sind sogar mit Risiken für das Ungeborene behaftet. Sie enden in ca. einem Prozent der Fälle mit einer Fehlgeburt, im schlimmsten Fall eines völlig gesunden Kindes.

Je später die Schwangerschaft, umso größer die Risiken.

Außerdem treten normale Veränderungen des mütterlichen Körpers wie Myome, Übergewicht und Schilddrüsen-Fehlfunktionen aufgrund des Alters deutlicher in Erscheinung und verursachen eher Probleme sowohl bei der Empfängnis als auch während der Schwangerschaft und Geburt.

• Die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis ist zwischen dem 20. und 27. Lebensjahr doppelt so groß wie zwischen 35 und 39.

• Während nur 8 Prozent aller Schwangeren unter 30 Jahren eine Fehlgeburt erleiden, trifft schon jede dritte Frau ab 40 dieses Schicksal. Sogar 60 Prozent der 46-jährigen Frauen verlieren ihre Kinder während der Schwangerschaft.

• Frauen ab 35 verkraften eine Schwangerschaft subjektiv besser als Jüngere und leiden weniger unter den üblichen Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Übelkeit. Man geht davon aus, dass sich Frauen mittleren Alters besser ernähren und bewusster mit ihrem Körper umgehen, was auch mit dem generell höheren Bildungsniveau zusammenhängt. Objektiv allerdings haben sie ab 35 Jahren ein deutlich gesteigertes Risiko, an einer Gestose, Schwangerschaftsdiabetes oder anderen schwangerschaftsinduzierten Leiden zu erkranken.

• Es treten deutlich mehr genetische Defekte durch Teilungsfehler während der Meiose auf. Während z. B. das Risiko einer 24-jährigen Schwangeren, ein Kind mit einer Trisomie 21 zu tragen, bei 1:1500 liegt, steigt diese Quote mit dem Alter rasant an. Ab 45 Jahren ist bereits eine von ca. 30 Frauen mit einem betroffenen Kind schwanger. Mit der verbesserten pränatalen Diagnostik werden vieler dieser Kinder jedoch bereits im Mutterleib identifiziert und zahlreiche Schwangerschaften nach einer möglichen Diagnose abgebrochen.

• Frauen ab 40 werden häufiger operativ entbunden, unter anderem prophylaktisch, weil bei ihnen gegen Ende der Schwangerschaft mehr Kinder aus ungeklärter Ursache intrauterin sterben.

Social Freezing – die Lösung?

Man geht heute davon aus, dass für die meisten der genannten Probleme ausschließlich das Alter der Keimzellen selbst verantwortlich ist und das biologische Alter der Mutter nur nachrangig zählt. Bei der Beobachtung von Frauen, die durch eine (in Deutschland verbotene) Eizellenspende schwanger geworden sind, hat sich gezeigt, dass die Häufigkeit von genetisch bedingten Einschränkungen der Kinder und gescheiterten Schwangerschaften vom Alter der Eizellen-Spenderinnen abhängt.

Mit Social Freezing soll demzufolge der altersbedingten Unfruchtbarkeit ein Schnippchen geschlagen werden. Definitionsgemäß ist eine Frau in Deutschland schon unfruchtbar, wenn sie nach einem Jahr mit regelmäßigem Geschlechtsverkehr ohne Verhütung nicht schwanger wird. Einige Fertilitätsmediziner fordern sogar, diese Grenze auf sechs Monate zu senken, um mehr Paaren die Kostenerstattung durch die Krankenkasse zu ermöglichen. Damit würde der bezahlte Weg in die Klinik also schon für die durchschnittliche Frau ab 35 Jahren frei.

Sinkende Chancen und steigende Kosten

Zu bedenken ist aber, dass es ab diesem Alter selbst mit ärztlicher Unterstützung keine Garantie auf ein gesundes Kind gibt. Gleiches gilt für die Tiefkühl-Eizellen: Je jünger die Frau, umso einfacher die Behandlung und besser die Erfolgsaussichten. Idealerweise sollten interessierte Frauen also bereits spätestens mit 27, besser noch 24 Jahren ihren Vorrat anlegen. Experten sprechen davon, dass ab einem Entnahmealter von 30 Jahren kein vernünftiges Kosten-Nutzen-Verhältnis mehr erreichbar ist.

Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse spielt die Lagerungszeit dabei keine Rolle. Wer sich also mit 24 absichert, sich aber erst mit 39 entschließt, sein Kind zu bekommen, scheint keine Nachteile wegen der langen Lagerung zu erleiden, da die meisten Schäden an den Zellen beim Einfrieren oder Auftauen entstehen. So wurde für 26 Jahre alte Spenderinnen eine Verwendbarkeitsquote von 11,5 Prozent ermittelt – gegenüber 13 Prozent bei „frischen“ Oozyten. Deshalb scheint die zeitlich unbegrenzte Lagerung vertretbar und es müssen nur 200 bis 300 Euro Lagerungskosten pro Jahr getragen werden.

Davor stehen allerdings die Hormonstimulation und Eizellenentnahme. Um möglichst viele Eizellen bei einem Eingriff gewinnen zu können, wird die Ei-Reife künstlich angeregt – unter Einsatz aller Mittel, weil keine unmittelbare Befruchtung geplant ist, die durch eine Überstimulation mit Hormonen gefährdet wäre. Je nach Alter der Frau sind dennoch mehrere Zyklen notwendig, um die empfohlenen 20 bis 30 Oozyten zu gewinnen. Die Kosten dafür beginnen bei 5000 Euro. Soll der Traum vom Kind dann Wirklichkeit werden, kommen noch einmal ab 2000 Euro für die künstliche Befruchtung hinzu.

Das Kryokind aus dem Reagenzglas

Denn eine natürliche Empfängnis ist mit Social Freezing nicht möglich. Es handelt sich eher um eine zeitlich ausgedehnte Variante der herkömmlichen Verfahren. Der einzige Unterschied: Im Fall der zeitnahen Einsetzung bei der regulären assistierten Reproduktion wurden die Eizellen oft schon befruchtet und im Fall einer Schwangerschaft überzählige Embryonen eingefroren. Beim Social Freezing werden die unbefruchteten Eizellen auf Eis gelegt. Dies auch deshalb, weil die Umsetzung des Kinderwunsches oft genug am passenden Mann scheitert.

Die später aufgetauten Zellen müssen künstlich befruchtet und dann eingesetzt werden, wofür der übliche medizinische Apparat einschließlich der erneuten hormonellen Eingriffe in den Körper der Frau nötig sind. Auch dabei kann naturgemäß vieles schiefgehen. Gelingt die Befruchtung ex utero, muss die Zellteilung in Gang kommen, danach sollte sich die Blastozyste in der Gebärmutter einnisten und die Schwangerschaft erhalten werden können. Letztlich führen nur 8 bis 10 Prozent aller eingefrorenen Eizellen zur Geburt eines gesunden Kindes. Daraus leitet sich die Empfehlung ab, mindestens 20 Eizellen zu verwahren.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Da es sich im Kern nur um eine Variante der künstlichen Befruchtung handelt, stehen den potenziellen Eltern beim Social Freezing alle Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik offen. Schlimmstenfalls könnte die Entwicklung hin zum Designer-Baby gefördert werden, wenn bestimmte genetisch bedingte Merkmale gezielt ausgewählt oder aussortiert werden, bevor die Zellhaufen ihre Chance zur Entwicklung bekommen. Möglicherweise wollen gerade späte Eltern bei ihrem doch noch ersehnten Wunschkind alles medizinisch Mögliche unternehmen, um vorhersehbare Probleme zu vermeiden.

Viele Einschränkungen lassen sich allerdings nicht am Erbgut ablesen. Weniger als 9 Prozent aller Behinderungen sind angeboren, die meisten im Laufe des Lebens erworben - viele erst unter der Geburt. Darüber hinaus wurden insbesondere physiologisch bedingte psychische Faktoren bisher nicht hinreichend untersucht. Gleiches gilt für etwaige psychische Belastungen durch die ungewöhnliche Entstehung oder das fortgeschrittene Alter der Eltern. Es fehlen Erkenntnisse aus Langzeitbeobachtungen, die bei dieser jungen Disziplin noch nicht möglich sind.

Die gute Nachricht: Chromosomen-Veränderungen scheinen nicht häufiger vorzukommen als bei spontaner Empfängnis. Daher sind die eigentlich großen unbeantworteten Fragen eher ethisch-moralischer Natur, denn medizinisch scheint es keine Unklarheiten zu geben. Auch die Experten selbst sehen das so: Die Organisation Fertiprotekt äußert sich in einer Stellungnahme zu den Fragen der nicht-medizinisch veranlassten Kryokonservierung von Eizellen. Das eigentliche Betätigungsfeld von Fertiprotekt ist die prophylaktische Eizellenentnahme für Krebspatientinnen, aus der der Social Freezing ursprünglich hervor ging. Daher ist die Einstellung der Lifestyle-Methode auch eher zurückhaltend.

„Du könntest meine Großmutter sein.“

Der ethische Knackpunkt bei dieser Technik ist das Alter, in dem eine Frau ihr Kind schließlich empfangen möchte. Grundsätzlich sind Reproduktionsvarianten in Abweichung von der natürlichen Norm in Deutschland nicht zuletzt durch das Embryonenschutzgesetz und verbindliche Ethikrichtlinien streng reglementiert. Eine Leihmutterschaft ist ebenso verboten wie die medizinisch assistierte anonyme Samenspende. Für die späte Einsetzung von Embryonen existiert allerdings keine Altersgrenze. Die Institute in Deutschland erklären sich offiziell bereit, Frauen bis zum Ende ihrer Vierziger zu behandeln. Ob sie sich in Anbetracht ihres notwendigen Gewinnstrebens und der wahrscheinlichen medialen Aufmerksamkeit, verbunden mit einer Werbewirkung, im Einzelfall daran halten, bleibt fraglich.

Denn aktuell liegt der Altersdurchschnitt der Frauen, die sich für das Social Freezing interessieren, bei 38 Jahren. Sie suchen offenbar in letzter Minute vor Ablauf ihrer biologischen Uhr nach einer Alternative zur überhasteten Last-Minute-Schwangerschaft. Und werden oft grob enttäuscht, denn sie überschätzen die Erfolgsaussichten des Social Freezing maßlos. In dem Alter, in dem sie den Kinderwunsch noch einmal um ein paar Jahre aufschieben wollen, ist der Zug prinzipiell selbst mit medizinischen Hilfe längst abgefahren und die Verfahren langwierig, teuer und ohne Erfolgsgarantie.

Frostige Vorteile

Dennoch verteidigen vor allem Feministinnen das Social Freezing als einen Fortschritt im Streben um die körperliche Selbstbestimmung der Frau: Für sie wird damit ein Ausgleich gegenüber den Männern geschaffen, die prinzipiell lebenslang fruchtbar sind. Frauen würden von dem Druck befreit, in einem relativ engen Zeitfenster Kinder zu bekommen und gewönnen dadurch mehr persönliche Freiheit. Nach den Rechten der Kinder fragen sie nicht.

Auf politischer Ebene verspricht man sich ebenfalls Vorteile. Alle Hoffnungen ruhen darauf, dass durch die Eigen-Spende weniger Kinder zu Welt kommen, die biologisch nicht mit ihren sozialen Eltern verwandt sind. Damit wird auf den Fall angespielt, dass eine ältere Frau mit Kinderwunsch eine Eizellen-Fremdspende in Anspruch nimmt und dann ein Kind gebiert, das die Gene einer anderen trägt.

Die beste Lösung scheint nach Meinung von Experten, die nicht von diesem Geschäft profitieren, jedoch zu sein, das Problem gar nicht erst entstehen zu lassen. Sie gehen davon aus, dass die effektivste Strategie darin besteht, Frauen darin zu unterstützen und sie dazu zu ermutigen, die Verwirklichung ihres Kinderwunsches schlicht und einfach nicht zu verschieben.

Was halten Sie vom Social Freezing? Käme eine späte Elternschaft für Sie infrage? Nutzen sie unsere Kommentarfunktion unten.

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