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Frischluft für die grauen Zellen Gehirnjogging ist ein Spaziergang

Autor / Redakteur: Kerstin Skork* / Christian Lüttmann

Mehr rausgehen ist wie Training fürs Gehirn. Zumindest haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nun gezeigt, dass allein die Zeit an der frischen Luft zu mehr grauer Substanz im Gehirn führen kann, egal ob man sportlich unterwegs ist oder entspannt spaziert. Als nächstes wollen die Forscher prüfen, ob auch tatsächlich Konzentration und Arbeitsgedächtnis durch Spaziergänge an der frischen Luft profitieren.

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Ein Spaziergang im Freien steigert nicht nur das Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch positiv auf die Struktur des Gehirns aus, wie eine aktuelle neurobiologische Untersuchung ergab.
Ein Spaziergang im Freien steigert nicht nur das Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch positiv auf die Struktur des Gehirns aus, wie eine aktuelle neurobiologische Untersuchung ergab.
(Bild: gemeinfrei, Emma Simpson / Unsplash)

Berlin – Erwachsene verbringen durchschnittlich 80 bis 90 Prozent des Tages in geschlossenen Räumen – eine recht junge Entwicklung in der menschlichen Evolution. Besonders gesund ist dieses Verhalten vermutlich nicht. Schon in der Vergangenheit haben verschiedene Studien gezeigt, dass es sich positiv auf die Gesundheit auswirkt, wenn wir Zeit im Freien verbringen.

Eine neurowissenschaftliche Untersuchung ergab nun, dass auch unsere Gehirnstruktur von Aufenthalten draußen profitiert. Das gilt unabhängig davon, ob wir in der Stadt oder im Grünen sind, und auch bereits für recht kurze Phasen im Freien. Bisher wurde angenommen, dass uns die Umwelt nur über längere Zeiträume beeinflusst.

Ein Team des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf untersuchte sechs gesunde, in der Stadt lebende Personen mittleren Alters über ein halbes Jahr. Insgesamt wurden über 280 Scans von ihren Gehirnen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht. Die Forscher protokollierten zudem, wie viel Zeit die Teilnehmenden in den 24 Stunden vor den Untersuchungen im Freien verbracht hatten.

Draußen sein für mehr graue Zellen

In den Gehirnscans verglichen die Wissenschaftler in den MRT-Bildern die graue Substanz der Probanden, also Hirnareale, die mit kognitiven Leistungen in Verbindung gebracht werden. Dabei fanden sie heraus, dass die graue Substanz in einer bestimmten Region der Großhirnrinde bei Probanden mit viel Zeit an der frischen Luft um bis zu drei Prozent größer war. Damit sei der Zuwachs an Hirnmasse vergleichbar mit anderen bewährten Maßnahmen des Gehirntrainings wie körperlicher Bewegung oder kognitivem Training, bei denen die graue Substanz i. d. R. um zwei bis fünf Prozent zulege.

Bei der positiv beeinflussten Hirnregion handelte es sich um den oben und seitlich gelegenen Teil des Stirnlappens in der Großhirnrinde, den dorsolateral-präfrontalen Kortex. Dieser Teil des Kortex ist an der Planung und Regulation von Handlungen und an der so genannten kognitiven Kontrolle beteiligt. Zudem ist bekannt, dass viele psychiatrische Störungen mit einer Reduktion der grauen Substanz im präfrontalen Bereich des Gehirns einhergehen.

Sonnenschein und sportliche Aktivität sind egal

Um den Einfluss von anderen Faktoren wie Sonnenscheindauer, Freizeit, körperlichen Aktivitäten und Flüssigkeitsaufnahme auf die Ergebnisse zu überprüfen, führten die Forscher statistische Berechnungen durch. Diese belegten, dass Zeit im Freien unabhängig von den anderen Einflussfaktoren einen positiven Effekt auf das Gehirn hatte.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich unsere Gehirnstruktur und unsere Stimmung verbessern, wenn wir Zeit im Freien verbringen“, sagt Simone Kühn, Leiterin der Lise-Meitner-Gruppe Umweltneurowissenschaften am MPIB und Erstautorin der Studie. „Es ist anzunehmen, dass sich dies auch auf die Konzentration, das Arbeitsgedächtnis und die Psyche insgesamt auswirkt. Dies untersuchen wir in einer aktuell laufenden Studie, in der die Probanden zusätzlich Denkaufgaben lösen müssen und zahlreiche Sensoren tragen, die beispielsweise die Lichtmenge messen, der sie am Tag ausgesetzt sind.“

Frische Luft als Therapie

Die Untersuchung bestätigt, was viele Experten und auch Laien bereits angenommen hatten: Zeit draußen wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus und sogar auf die physische Struktur des Gehirns. „Diese Erkenntnisse bieten neurowissenschaftliche Unterstützung für die Behandlung von psychischen Störungen“ sagt Anna Mascherek, vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Co-Autorin der Studie. „So könnten Ärztinnen und Ärzte einen Aufenthalt an der frischen Luft als Teil der Therapie verschreiben, ähnlich wie es bei Kuren üblich ist.“

In den aktuell laufenden weiterführenden Studien möchten die Forscher untersuchen, wie sich grüne Umgebungen im direkten Vergleich zu städtischen Räumen auf das Gehirn auswirken. Um nachvollziehen zu können, wo genau die Testpersonen ihre Zeit draußen verbringen, will das Team GPS-Daten nutzen und weitere Einflussfaktoren wie Verkehrslärm oder Luftverschmutzung miteinbeziehen.

Originalpublikation: Kühn, S.; Mascherek, A.; Filevich, E.; Lisofsky, N.; Becker, M.; Butler, O.; Lochstet, M.; Mårtensson, J.; Wenger, E.; Lindenberger, U. et al.: Spend time outdoors for your brain: An in-depth longitudinal MRI study. The World Journal of Biological Psychiatry (2021); DOI: 10.1080/15622975.2021.1938670

* K. Skork, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 14195 Berlin

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