Suchen

Ist es wirklich Bio?

| Redakteur:

Firmen zum Thema

( Archiv: Vogel Business Media )

? Herr Dr. Molkentin, Sie arbeiten in der BfEL am Institut für Chemie und Technologie der Milch u.a. an Analyseverfahren zur korrekten Deklaration von Milchprodukten. Welche Kriterien genau werden hierfür getestet???Dr. Molkentin: Eine der Aufgaben des Instituts besteht in der Entwicklung und Optimierung von Analyseverfahren zur Prüfung der Konformität oder Herkunft von Milchprodukten. Zurzeit arbeiten wir an der Evaluierung von Kriterien, die eine Unterscheidung von Bio-Milch und konventionell erzeugter Milch erlauben. Weitere Themenbereiche sind z.B. der Nachweis milchfremder Fette in Milchfett oder die Quantifizierung von Milchfettanteilen in Mischfettprodukten. Die Bandbreite der Anwendung umfasst dabei reine Molkereiprodukte wie Milch oder Butter, aber auch verarbeitete Lebensmittel wie z.B. Backwaren oder Schokolade. ?? ? Welche Parameter wären denn für die Identifizierung von Bio-Milch geeignet???Dr. Molkentin: Wir konzentrieren uns hier derzeit auf das zu Analysezwecken leicht zugängliche Milchfett. Die Zusammensetzung des Milchfettes wird wesentlich durch das Futter der Kühe bestimmt. Eine extensivere Haltung mit einem hohen Anteil an Weidefutter, wie sie für den ökologischen Landbau typisch ist, führt u.a. zu einem höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. Neben der GC-Analyse des Fettsäurespektrums liefert die Untersuchung stabiler Kohlenstoffisotope wichtige Hinweise. So genannte C4-Pflanzen wie z.B. Mais reichern das schwere Isotop 13C bei der Photosynthese stärker an als C3-Pflanzen wie etwa Gras oder Klee. Das 13C/12C-Verhältnis (d13C) des Futters spiegelt sich im Milchfett wider, so dass ein hoher Maisanteil, wie er vor allem in der leistungsorientierten konventionellen Erzeugung vorkommt, erkennbar wird.?? ? Was haben Ihre Untersuchungen zur Bio-Milch bisher ergeben???Dr. Molkentin: In unserer Pilotstudie hatte das Fett aus Bio-Vollmilch trotz jahreszeitlicher Schwankungen durchgängig einen charakteristisch erhöhten Gehalt an der Omega-3-Fettsäure a-Linolensäure (ALA) im Vergleich zu konventionell erzeugter Vollmilch. Dagegen waren die mittels Stabilisotopenanalyse (IRMS) bestimmten d13C-Werte im Fett der konventionellen Milch grundsätzlich höher. Die Abgrenzung zwischen den Produktionsweisen war mit beiden Parametern noch deutlicher, wenn jeweils nur die zur gleichen Zeit erzeugten Milchproben gegenübergestellt wurden. Der Grund dafür ist der relativ parallele Verlauf der auf unterschiedlichem Niveau liegenden jahreszeitlichen Schwankungen in den beiden Milcharten.?? ? Wie werden die Ergebnisse abgesichert, und wie könnte der Einsatz in der Lebensmittelüberwachung aussehen???Dr. Molkentin: Zur Festlegung zuverlässiger Schwellenwerte für Bio-Milch muss die Variation der analytischen Parameter möglichst vollständig ermittelt werden. Dazu erfassen wir derzeit in kurzen Zeitintervallen die komplette jahreszeitliche Variation in ökologisch und konventionell erzeugter Milch unterschiedlicher Handelsmarken. Die instrumentelle Analytik wird die betrieblichen Kontrollen nicht ersetzen können, aber im Zweifelsfall z.B. über einen festgelegten Mindestgehalt an ALA ein zusätzliches Werkzeug für die Lebensmittelüberwachung bereitstellen. Eine Differenzierung über Kohlenstoffisotope ist allerdings auf Milch von Kühen beschränkt, in deren Futterration Mais einen großen Anteil ausmacht, was insbesondere für die konventionelle Milcherzeugung in Regionen mit Futterbau typisch ist.?? ? Sie sprachen eingangs von dem Nachweis milchfremder Fette in Milchfett. Können Sie das Verfahren kurz erläutern???Dr. Molkentin: Der Fremdfettnachweis ba-siert auf der niedrig auflösenden quantitativen GC-Analyse des Triglyceridmusters. Die Triglyceriddaten einer Untersuchungsprobe werden in definierte Regressionsgleichungen eingesetzt, denen eine umfangreiche Variation in der Zusammensetzung unverfälschter Milchfette zugrunde liegt. Damit lässt sich ein Zusatz von Fremdfetten wie etwa Palmöl oder Rindertalg qualitativ und quantitativ nachweisen. Da auch technologische Prozesse wie z.B. die Fraktionierung die Milchfettzusammensetzung verändern, muss der Anwendungsbereich der Nachweismethode mit fortschreitender Innovation von Verarbeitungsverfahren laufend neu definiert werden.?? ? Wie fließen Ihre Ergebnisse in amtliche Richtlinien ein, und welche direkten Aus-wirkungen haben sie für den Endverbraucher???Dr. Molkentin: Die Methodik des Fremdfettnachweises ist seit 1995 als EU-Referenzverfahren für die Reinheitsprüfung von Milchfett festgelegt, zuletzt in der Verordnung (EG) Nr. 213/2001. Ein klassisches Verfahren zur Quantifizierung des Milchfettanteils in Mischfetten basiert auf der Analyse von Buttersäure. Der zur Berechnung notwendige durchschnittliche Buttersäuregehalt von reinem Milchfett wurde von uns vor einigen Jahren neu bestimmt und hat z.B. in die Zollverordnungen (EG) Nr. 202/1998 und 203/1998 Eingang gefunden, die u.a. bei der Kontrolle von Schokolade Verwendung finden. Wir arbeiten aber nicht nur an der Entwicklung eigener Analyseverfahren, sondern wirken über verschiedene Gremien generell bei der Normung und Validierung analytischer Standards im Milchbereich z.B. von DIN, ISO oder IDF (International Dairy Federation) mit. Durch deren Verwendung bei Zollbehörden, in der amtlichen Lebensmittelüberwachung oder in der Qualitätskontrolle von Lebensmittelherstellern dienen diese dem Schutz des Verbrauchers vor falsch deklarierten bzw. zusammengesetzten Produkten. ?? ? Mit welchen Aufgaben ist das Institut für Chemie und Technologie der Milch außerdem beschäftigt???Dr. Molkentin: Die Aufgabe der Entwicklung analytischer Methoden besteht hinsicht-lich aller Milchkomponenten. Darüber hinaus werden im Hinblick auf die Produktqualität von Milch und Milcherzeugnissen zahlreiche minore und majore Inhaltsstoffe analysiert. Das schließt die Evaluierung technologischer und fütterungsbedingter Einflüsse sowie deren Optimierung, auch in Bezug auf rheologische und sensorische Produkteigenschaften, ein. Weiterhin befindet sich im Institut die Leitstelle zur Überwachung der Umweltradioaktivität. Wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist die Beratung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in wissenschaftlichen Fragen.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 203973)