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Nachhaltigere Kaviarproduktion Kaviar oder nein? Test zeigt Geschlecht bei jungen Stören

Autor / Redakteur: Dr. Arne Claussen* / Christian Lüttmann

Störe sind riesige Fische, die viele Jahre ihres Lebens ein intimes Geheimnis hüten: Ob sie männlich oder weiblich sind. In der Zucht ist das ein Hindernis, will man dort doch vor allem die weiblichen Störe für ihren Kaviar bis zur Geschlechtsreife großziehen. Mit einem neuen Test wird es nun erstmals möglich, schon bei Jungtieren das Geschlecht festzustellen. Das könnte Zuchtkaviar günstiger und Wildfänge unattraktiver machen.

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Ein acht Jahre alter, ausgewachsener und geschlechtsreifer Belugastör aus der moldawischen Störzucht Aquatir; das Tier wiegt rund 300 Kilogramm.
Ein acht Jahre alter, ausgewachsener und geschlechtsreifer Belugastör aus der moldawischen Störzucht Aquatir; das Tier wiegt rund 300 Kilogramm.
(Bild: Aquatir)

Düsseldorf – Kaviar kommt selten von Fischen aus dem freien Ozean. Stattdessen stammen circa 99,8 Prozent der legalen Gesamtproduktion von Stören aus Zuchtfarmen. Dies schützt auch die natürlichen Bestände dieser seltenen Tiere. Allerdings ist die Haltung der Störe sehr kostspielig und aufwändig, und es dauert lange, bis man den Kaviar entnehmen kann: je nach Tierart 8 bis 14 Jahre, letzteres ist bei den besonders geschätzten Belugastören der Fall. Ein solches Tier bringt dann 300 Kilogramm auf die Waage und liefert rund 30 Kilogramm Kaviar.

Eine besondere Schwierigkeit bei der Kaviarproduktion ist, dass man den Tieren ihr Geschlecht nicht ansieht. Selbst ausgewachsene, geschlechtsreife Störe besitzen keinerlei sichtbare Geschlechtsmerkmale, mit denen zwischen Weibchen und Männchen unterschieden werden kann. Auch haben sie – anders als Menschen – keine geschlechtsbestimmenden Chromosomen, sodass eine Geschlechtsbestimmung über einfache mikroskopische Verfahren nicht möglich ist. In den Farmen müssen also beide Geschlechter aufgezogen werden, bis sie ein Alter erreichen, in dem über aufwändige Ultraschalluntersuchungen das Geschlecht festgestellt werden kann. Deshalb liefern nur 50 Prozent der aufgezogenen Tiere auch tatsächlich die wertvollen Fischeier.

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Biomarker enthüllen Geschlecht

Um die Kavirarproduktion zu optimieren, hat das 2013 gegründete Start-up-Unternehmen Tunatech unter Beteiligung verschiedener Institute der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) eine neue Methode zur Geschlechtsbestimmung der Störe entwickelt: Mit ihrem so genannten ESSD-Test („Early Sturgeon Sex Discrimination“) können sie nun schon bei jungen Fischen bestimmen, ob es sich um Männchen oder Weibchen handelt.

Für den molekularbiologischen ESSD-Test hat das Tunatech-Team genetische Marker bei Stören gesucht, mit denen solch ein früher Geschlechtsnachweis möglich ist. Heraus kam für drei Störarten ein Referenzdatensatz weiblicher und männlicher Tiere, in dem die Forschergruppe eindeutige geschlechtsspezifische Marker für weibliche Tiere identifiziert hat.

Test hilft Züchtern – und Wildstören

Der ESSD-Test umfasst mehrere Schritte: Zuerst müssen die Tiere markiert werden, damit man sie später eindeutig wiedererkennt. Dann braucht man eine Flossenprobe. In der daraus gewonnenen DNA werden dann mittels eines molekularbiologischen Verfahrens die geschlechtsspezifischen Marker gesucht. „Der ESSD-Test identifiziert mit vertretbarem Aufwand bereits bei Jungtieren eindeutig das Geschlecht“, sagt Prof. Dr. Christopher Bridges von der HHU-Arbeitsgruppe Ecophysiology. „Männliche Tiere können dann nach einer kürzeren Mast zur Fleischproduktion zugeführt werden, während die weiblichen Tiere bis zum optimalen Alter für die Kaviargewinnung gehalten werden.“

Damit ist die frühzeitige Geschlechtsbestimmung von großem wirtschaftlichem Vorteil für die Aufzuchtfarmen, Aber auch die Störe könnten profitieren, wie Bridges anmerkt: „Mit günstigeren Produktionskosten für Kaviar kann auch der Preis von Zuchtkaviar im Vergleich zum Kaviar aus Wildfang bzw. illegalem Wildfang sinken. Dies kann nochmals mehr dazu beitragen, die Wilderei unattraktiver zu machen und die verbliebenen natürlichen Bestände zu schützen.“

Weiterführende Informationen: Early Sturgeon Sex Discrimination: A novel technique to save costs in caviar production, International Aquafeed magazine, p 46, Published on Jan 15, 2021

* Dr. A. Claussen, Heinrich Heine Universität Düsseldorf (HHU), 40225 Düsseldorf

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