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Gestörte Wahrnehmung oder Schönheitsideal? Magersucht vor dem virtuellen Spiegel

Autor / Redakteur: Beate Fülle*, Linda Behringer** / Christian Lüttmann

Das eigene Körpergewicht ist für manche Menschen eine immerwährende Baustelle. Besonders junge Frauen fühlen sich häufig zu dick. In extremen Fällen kann dies zu krankhaften Essstörungen führen. Bislang galt eine verzerrte Selbstwahrnehmung als gängige Erklärung für Magersucht. Eine neue Studie legt aber nahe: Stark untergewichtige Frauen sind sich ihres geringen Körpergewichtes durchaus bewusst, sie bevorzugen dieses aber gegenüber einem normalgewichtigen Körper.

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Ein virtuelles Abbild des Teilnehmers kann per Joypad so verändert werden, dass es mehr oder weniger Körpergewicht hat.
Ein virtuelles Abbild des Teilnehmers kann per Joypad so verändert werden, dass es mehr oder weniger Körpergewicht hat.
(Bild: MPI f. biologische Kybernetik/ A. Thaler)

Tübingen, Stuttgart – Magersucht betrifft vor allem Frauen. Etwa 20 Mal so viele Frauen wie Männer leiden an dieser Form der Essstörung. Die Ursachen können vielfältig sein, häufig wird eine verzerrte Selbstwahrnehmung der Patientinnen genannt. Sie würden sich demnach selbst als zu dick einschätzen und daher ständig den Drang verspüren, Gewicht verlieren zu müssen.

Dieses Phänomen hat kürzlich ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, der Universität Tübingen und des Max-Planck-Instituts für intelligente Systeme näher untersucht. Dazu haben sie gesunde Frauen und Männer sowie Magersucht-Patientinnen vor ihr virtuelles Abbild gestellt und ihre Selbstwahrnehmung überprüft.

Gewichtsanpassung per Knopfdruck

Die Forscher haben für ihre Studie dreidimensionale Körpermodelle, so genannte Avatare, von über 100 Testpersonen in einem Körperscanner erstellt. Die Testpersonen konnten dann ihr lebensgroßes virtuelles Selbst auf einem Bildschirm beobachten und das Gewicht des Avatars mit einem Joypad verändern. Die Forscher baten die Versuchspersonen, den Körper des Avatars so im Gewicht anzupassen, bis er ihrem tatsächlichen Gewicht entsprach. So wollten die Forscher herausfinden, wie sich die Teilnehmer selbst wahrnehmen: Schätzen die Probanden ihr Körpergewicht richtig ein? Diese Frage ist besonders relevant für die Therapie von Essstörungen, die bisher daran ansetzt, die Überbewertung des eigenen Körperbildes zu therapieren.

Übertreibung bei dick und dünn, aber nicht bei magersüchtig

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass gesunde Männer und Frauen im Normalgewichtsbereich ihr Körpergewicht entweder genau einschätzen oder leicht unterschätzen. Untergewichtige Frauen unterschätzen ihr Körpergewicht, während übergewichtige und adipöse Frauen ihr Körpergewicht überschätzen. Mit anderen Worten: Menschen scheinen ihre Körpergewichtskategorie (dick/dünn) genau wahrzunehmen, akzeptierten aber bereitwillig alle Spiegelbilder als korrekt, die ihrer Gewichtskategorie entsprechen oder sie sogar übertreiben.

Überraschend aber war: Patientinnen mit Magersucht, also einem Body-Mass-Index zwischen 12,7 und 18 kg/m², waren bei der Schätzung ihres Gewichts genauso treffsicher wie gesunde Frauen. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu der verbreiteten These, dass Magersucht auf ein verzerrtes Selbstbild des eigenen Körpers zurückzuführen ist.

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Doch keine verzerrte Selbstwahrnehmung bei Magersucht?

Bislang deuteten viele Studien darauf hin, dass magersüchtige Frauen an einer verzerrten visuellen Selbstwahrnehmung leiden und sich selbst als zu dick wahrnehmen, obwohl sie in der Regel stark untergewichtig sind. „Dafür haben wir aber keine Hinweise gefunden“, sagt Dr. Katrin Giel, Leiterin der Forschungsgruppe für Psychobiologie des Essverhaltens von der Universität Tübingen. „Vielmehr haben schlankere Frauen und Patientinnen mit Magersucht ihr virtuelles Körpergewicht leicht unterschätzt. Die Abweichungen von den normalgewichtigen Testpersonen waren jedoch sehr gering.“

Die Forscher haben auch untersucht, welches Körpergewicht die Teilnehmer für wünschenswert halten. Hier waren die Ergebnisse zwischen Männern, gesunden Frauen und Patientinnen mit Magersucht unterschiedlich: Normalgewichtige Männer wählten ein gewünschtes Körpergewicht, das ihrem tatsächlichen Körpergewicht entsprach. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie mit ihrem Körper zufrieden sind, sondern dass andere Faktoren wie Muskulatur oder Größe für sie relevanter sein könnten als das Gewicht allein.

Im Gegensatz dazu wünschten sich normalgewichtige Frauen in der Studie einen etwas schlankeren Körper und/oder ein niedrigeres Gewicht. Aber – und das sei entscheidend – Frauen mit Magersucht betrachteten stark untergewichtige Körper als ideal.

Anderes Schönheitsideal

Die Forscher kommen daher zu dem Schluss, dass Frauen mit Magersucht eine andere Meinung als Frauen mit Normalgewicht vertreten, wie ein „attraktiver“ Körper auszusehen hat: So empfinden sie beispielsweise ein Gewicht von 43 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,60 Metern als schön. Einer Frau im gesunden Gewichtsbereich wäre dieses Gewicht viel zu niedrig. „Wir haben festgestellt, dass Frauen mit Magersucht sich ihres Aussehens sehr wohl bewusst sind“, erklärt Giels Kollegin Simone Mölbert. „Wir konnten keinen Unterschied zu gesunden Frauen ausmachen, wie gut sie ihr Gewicht einschätzen können. Die Patientinnen zeigen aber eine klare Präferenz für stark untergewichtige Körper.“

Die Erkenntnis, dass Frauen mit Magersucht wohl keine verzerrte visuelle Selbstwahrnehmung haben, sondern ein anderes Körperbild als ideal und wünschenswert betrachten, sollte daher bei zukünftigen Therapien für Menschen mit Essstörungen im Vordergrund stehen.

Computer-Vision-Techniken für vertrauenswürdigere Ergebnisse

Der Einsatz von virtueller Realität bei der Erforschung von Körperwahrnehmung hat sich in den letzten Jahren stark verbreitet. Um zu testen, wie Menschen ihre eigenen Körpermaße wahrnehmen, haben Forscher früher Bilder von den Teilnehmern aufgenommen und diese dann manipuliert, indem sie diese gedehnt oder gestaucht haben, um so Körpergewichtsschwankungen zu simulieren. Die Teilnehmer wurden dann gebeten, das Foto auszuwählen, das ihrer Meinung nach ihr tatsächliches Körpergewicht zeigt. Dieser Ansatz ist problematisch, da er zu unrealistischen Körperdeformationen führt, die keine realen Gewichtsveränderungen widerspiegeln. Die Aufgabe kann daher dadurch gelöst werden, dass die Patientinnen gestreckte oder gestauchte Bilder identifizieren, ohne unbedingt die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu testen.

Der neue Ansatz in der aktuellen Studie verwendet dagegen modernste Computer-Vision-Techniken, mit der virtuelle 3D-Körper erstellt werden können, die entweder auf einem Körperscan eines Teilnehmers basieren und somit genau wie die Person aussehen, oder auf dem durchschnittlichen Körper von einigen tausend Körperscans. „Um zu testen, wie Menschen ihren Körper wahrnehmen, haben wir Virtual- Reality-Technologie eingesetzt, weil sie es uns ermöglicht Szenarien zu erstellen, die reale Situationen nachahmen, wie z.B. vor einer anderen Person zu stehen oder den eigenen Körper in einem Spiegel in Lebensgröße zu sehen“, erklärt Anne Thaler vom Max-Planck-Institut für intelligente Systeme. Dieser Ansatz sei viel realitätsgetreuer als frühere Methoden, bei denen Menschen ihre Körperdimensionen einschätzten, z.B. indem sie den Versuchsleiter instruierten, ein Maßband auf die richtige Länge einzustellen.

Originalpublikationen:

Mölbert SC, Thaler A, Mohler BJ, Streuber S, Romero J, Black MJ, Zipfel S, Karnath H-O and Giel KE: Assessing body image in anorexia nervosa using biometric self-avatars in virtual reality: Attitudinal components rather than visual body size estimation are distorted., Psychological Medicine 48(4) 642-653 ; DOI: 10.1017/S0033291717002008

Mölbert SC, Thaler A, Streuber S, Black MJ, Karnath H-O, Zipfel S, Mohler B and Giel KE: Investigating Body Image Disturbance in Anorexia Nervosa Using Novel Biometric Figure Rating Scales: A Pilot Study, European Eating Disorders Review 25(6) 607–612 ; DOI: 10.1002/erv.2559

Thaler A, Geuss MN, Mölbert SC, Giel KE, Streuber S, Romero J, Black MJ and Mohler BJ: Body size estimation of self and others in females varying in BMI., PLoS ONE 13(2) 1-24 ; DOI: 10.1371/journal.pone.0192152

Piryankova I, Stefanucci JK, Pujades S, de la Rosa S, Streuber S, Romero J, Black MJ and Mohler BJ: Visual Perception and Evaluation of Photo-Realistic Self-Avatars from 3D Body Scans in Males and Females, Frontiers in ICT: Virtual Environments; July, 2018 ; DOI: 10.3389/fict.2018.00018

* B. Fülle, Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, 72076 Tübingen **L. Behringer, Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, 70569 Stuttgart

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