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Krebsforschung Meeres-Substanzen gegen Krebs

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Natürliche Substanzen aus dem Meer sollen künftig den Schutzschild eines Tumors überwinden, der die zielgerichtete Therapie von Krebs häufig erschwert. Erste Screening-Ergebnisse liefern nun veilversprechende Ergebnisse hinsichtlich der selektiven Wirksamkeit einer Vielzahl an untersuchten Meeresextrakten und Reinsubstanzen.

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Die Trauersternschnecke (Jorunna funebris) ist ein Beispiel für einen Meeresorganismus, der für die Medikamentensuche beispielsweise für die Therapie von Krebs interessant ist.
Die Trauersternschnecke (Jorunna funebris) ist ein Beispiel für einen Meeresorganismus, der für die Medikamentensuche beispielsweise für die Therapie von Krebs interessant ist.
(Bild: PharmaMar)

Innsbruck/Österreich – Das Meer ist ein hart umkämpfter Lebensraum. Um hier zu überleben wehren sich marine Organismen mit einem ganzen Arsenal an chemischen Waffen gegen ihre Konkurrenten. Mit Hilfe dieser Substanzen greifen sie feindliche Zellen an, überwinden deren Verteidigung und sind daher interessante Wirkstoffkandidaten für die Krebsforschung. Das Tiroler Krebsforschungszentrum Oncotyrol durchforstet im Rahmen des europäischen Forschungskonsortiums Optatio marine Extrakte und Wirkstoffe auf der Suche nach neuen Mitteln gegen das Multiple Myelom, einer unheilbaren Erkrankung des Knochenmarks. Bei der „1st Drug Screening Discussion“, die kürzlich in Innsbruck stattfand, präsentierte Oncotyrol-Wissenschaftler Winfried Wunderlich erste vielversprechende Ergebnisse.

Optatio (OPtimizing TArgets and Therapeutics In high risk and refractOry Multiple Myeloma) ist ein Konsortium aus zwölf europäischen Partnern, darunter Oncotyrol. Es wird von Wolfgang Willenbacher von der Medizinischen Universität Innsbruck geleitet. Gestartet hat das Konsortium zu Beginn von 2012 mit einem Budget von rund 4 Mio. Euro – nun werden erste Ergebnisse der Forschungstätigkeit sichtbar.

Erste Ergebnisse im EU-Projekt zum Multiplen Myelom

In der bisherigen Forschung gegen das Multiple Myelom wurden die Krebszellen häufig isoliert betrachtet. Dabei blieb unberücksichtigt, dass die Umgebung im Knochenmark, insbesondere das Stromagewebe aus Knochen-, Immun- und Bindegewebszellen, die Krebszellen mit Hilfe verschiedenster Substanzen in einer sogenannten Nische schützt. In diesem biochemischen Schutzraum wirken Medikamente im Patienten häufig nicht – obwohl sie im Laborversuch an isolierten Krebszellen erfolgreich waren. Oder sie wirken nicht lange, weil die Krebszellen resistent werden. Optatio verfolgt die neue Strategie, den Schutzschild zu überwinden, um den Krebs besser zu behandeln. Wirkstoffe aus dem Meer sind dabei besonders attraktive Kandidaten, sind sie doch evolutionär erprobt im chemischen Überlebenskampf mariner Organismen.

Oncotyrol als einer der Partner im Konsortium entwickelt Testsysteme, die sowohl Krebs- als auch Bindegewebszellen enthalten und somit den tatsächlichen Begebenheiten im Körper näher kommen.

An derartigen „in-vivo like assays“ haben Oncotyrol-Wissenschaftler aus dem Team von Professor Lukas Huber nun Hunderte von marinen Extrakten und auch Reinsubstanzen von dem spanischen Biopharmaunternehmen PharmaMar getestet, das ebenfalls Partner im Konsortium ist. Wie Winfried Wunderlich von Oncotyrol beim Meeting in Innsbruck berichtete, kam es bei dem Screening darauf an, dass die Kandidaten die Krebszellen töten aber die Nischenzellen intakt lassen. „Wir suchen nach Substanzen, die den schützenden Einfluss des Stromas auf die Krebszellen vernichten, nicht aber die Bindegewebszellen selbst“, erklärte Wunderlich vor den internationalen Konsortiums-Mitgliedern. Dabei sind die Tiroler Forscher nun mit vielversprechenden Screening-Ergebnissen vorangekommen. Es zeigte sich, dass tatsächlich ein beträchtlicher Teil der untersuchten Extrakte und Reinsubstanzen selektiv auf die Tumorzellen wirkt – das heißt, der Schutzschild wurde durchbrochen. „Diese Kandidaten sind extrem aktiv“, freut sich Wunderlich.

Im nächsten Schritt wollen die Oncotyrol-Wissenschaftler nun ihre Testsysteme noch lebensnäher gestalten und die vielversprechenden Kandidaten, auch in Zusammenarbeit mit anderen Partnern, darunter die Universität Würzburg und die Unternehmen Vichem und ProQinase, in weiteren Kokultur- und Tiermodellen testen.

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