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Migräne verhindern Migränetage halbieren, mit nur vier Spritzen pro Jahr?

Autor / Redakteur: Prof. Dr. Hans-Christoph Diener* / Christian Lüttmann

Rund jeder fünfte Deutsche leidet unter Migräne. Viele Betroffene versuchen, die schweren Kopfscherzen mit Schmerzmitteln erträglich zu machen. Doch zu hoher Medikamentengebrauch kann die Schmerzen sogar verstärken und selbst Migräne verursachen. Neue Therapien auf Antikörperbasis sollen dem vorbeugen und die Zahl der Migräneanfälle halbieren.

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Bei einem Migräneanfall kommen heftige Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit zusammen (Symbolbild).
Bei einem Migräneanfall kommen heftige Kopfschmerzen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit zusammen (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, Vinicius "amnx" Amano / Unsplash)

Berlin – Rund 80% der Menschen leiden zumindest zeitweise unter Kopfschmerzen, 20 Prozent sogar unter der besonders schweren Form Migräne, heißt es auf den Seiten der Schmerzklinik Kiel. Der Griff zum Medikament ist für viele dieser Patienten Alltag, ist doch die Belastung durch starke Kopfschmerzen kaum dauerhaft auszuhalten. Wer regelmäßig Medikamente gegen Kopfschmerzen einnimmt, kann aber schnell auf ein Problem stoßen. Denn neben diversen anderen Nebenwirkungen, kann eine zu häufige Einnahme dieser Präparate genau das hervorrufen, was sie lindern sollen: Kopfscherzen.

Auch spezielle Migränemedikamente, so genannte Triptane, können bei mehr als zehn Einnahmetagen pro Monat zu Kopfschmerzen führen. Das kann bei Patienten mit starker Migräne und häufigen Attacken zum Problem werden. Es ist dann schwer, unterhalb von zehn Einnahmetagen zu bleiben. Doch bei mehr Einnahmetagen kann es durch die Schmerz- und Migränemittel zu einem „Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz“ kommen – ein Teufelskreis entsteht.

Neues Mittel gegen Migräne im Test

„Im klinischen Alltag sehen wir das häufig, dass Patientinnen und Patienten mit Migräne an deutlich mehr als zehn Tagen Kopfschmerzmedikamente einnehmen bzw. einnehmen müssen, weil sie die Schmerzen sonst nicht aushalten, und infolge des Medikamentenübergebrauchs die Frequenz der Kopfschmerztage steigt“, erklärt Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Bislang hatten wir nur die Möglichkeit, die Medikamente maßgeblich zu reduzieren, um den Teufelskreis zu durchbrechen, mussten damit den Betroffenen aber viel abverlangen.“

Mittlerweile haben Forscher in Verschiedenen Studien aber neue Wege gefunden, chronische Migräne effektiv zu behandeln und einen Weg aus dem übermäßigen Medikamentengebrauch zu finden. Dabei haben sich spezielle Antikörper-Präparate als wirksam erwiesen, etwa das Medikament Fremanezumab. In einer Subgruppenanalyse der Halo-Studie [2] zeigte sich, dass dieses Mittel bei Patienten mit chronischer Migräne und Medikationsübergebrauch die Zahl der Kopfschmerztage signifikant reduzierte, und zwar sowohl bei vierteljährlicher als auch bei monatlicher Gabe. Die Zahl der Studienteilnehmer, bei denen durch die Antikörpertherapie mittels Fremanezumab kein Medikamentenübergebrauch mehr erfolgte, halbierte sich in der Gruppe, die vierteljährlich die „Migräne-Spritze“ erhielt (Abnahme um 55,2%), und sank bei monatlicher Gabe sogar noch weiter ab (Abnahme um 60,6%).

50% weniger Anfälle in Studien

Auch ein anderes Antikörper-Präparat erwies sich als sehr erfolgreich in der Senkung der Migränetage bei Patienten mit chronischer Migräne und Schmerzmittelübergebrauch: Eptinezumab, ein neuer humanisierter monoklonaler Antikörper gegen CGRP, der bislang allerdings noch nicht in der EU zugelassen ist.

Die Auswertung der Promise-2-Studie [3] ergab, dass die Patienten, die zum Studieneinschluss einen Medikamentenübergebrauch aufwiesen, im Durchschnitt 16,7 Migränetage pro Monat hatten und dass diese Anzahl sich 24 Wochen nach Therapiebeginn in beiden Therapiedosierungen (100 mg und 300 mg) auf 8 Tage reduzierte, was ebenfalls eine Halbierung bedeutet.

Bekämpft nicht nur Falten… Botox als Migräne-Therapie

Eine weitere Option, die Migränetage zu senken, ist die Therapie mit Botox. Das Neurotoxin ist besonders durch seinen Einsatz gegen Falten im Gesicht bekannt. Die PREEMPT-Studie [4] zeigte aber, dass Botulinumtoxin Typ A auch als wirksames Mittel gegen Migräne eingesetzt werden kann. „Bei vielen Patientinnen und Patienten kann die Therapie mit Botulinumtoxin die Anzahl der Schmerztage ebenfalls halbieren“, sagt Diener.

Die deutlich kostenintensivere Antikörpertherapie mit Präparaten wir Fremanezumab werde erst dann eingesetzt, wenn andere Therapieformen versagt oder nicht ausreichend Wirkung gezeigt haben, erklärt Diener. „Dann wird die Antikörpertherapie auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.“

Übermäßige Medikation ist ein verbreitetes Problem

Für besonders aufschlussreich hält der Experte einen Nebenbefund der Promise-2-Studie [3]: Sie zeigte, dass allein 40,2% der Patienten mit chronischer Migräne einen Schmerzmittelübergebrauch zu Studienbeginn aufwiesen. „Das macht deutlich, wie groß das Problem ist: Fast die Hälfte der Menschen mit chronischer Migräne nehmen zu viele Schmerzmittel ein und riskieren damit, dass dieser Übergebrauch neue Kopfschmerzattacken auslöst. Diese Patientinnen und Patienten sind oft in einer verzweifelten Lage, ein ‚kalter Entzug‘ ist ihnen einfach nicht möglich, obwohl sie wissen, dass die kurzfristige Lösung für das Problem, das sie haben, auch die Ursache des Problems sein könnte – dass die Schmerzmittel also Kopfschmerzen auslösen können.“

Mit den neuen Therapieformen könne man nun endlich den betroffenen Migränepatienten neue Behandlungsoptionen eröffnen: die Umstellung auf Botulinumtoxin A und – bei Nichtansprechen – die Antikörpertherapie. „Dies reduziert die Krankheitslast und kann die Patientinnen und Patienten so von der Schmerzmittelabhängigkeit befreien“, fasst Diener zusammen.

Literatur:

[1] Hans-Christoph Diener, Cristina Tassorelli, David W. Dodick et al.: Guidelines of the International Headache Society for controlled trials of acute treatment of migraine attacks in adults: Fourth edition. Cephalalgia. 2019 May; 39(6): 687–710. Published online 2019 Feb 26. doi: 10.1177/0333102419828967

[2] Stephen D. Silberstein, corresponding author Joshua M. Cohen, Michael J. Seminerio et al.: The impact of fremanezumab on medication overuse in patients with chronic migraine: subgroup analysis of the HALO CM study. J Headache Pain. 2020; 21(1): 114. Published online 2020 Sep 21. doi: 10.1186/s10194-020-01173-8

[3] Stephen Silberstein, Merle Diamond, Nada A. Hindiyeh et al.: Eptinezumab for the prevention of chronic migraine: efficacy and safety through 24 weeks of treatment in the phase 3 PROMISE-2 (Prevention of migraine via intravenous ALD403 safety and efficacy–2) study. J Headache Pain. 2020; 21(1): 120. Published online 2020 Oct 6. doi: 10.1186/s10194-020-01186-3

[4] Silberstein SD, Dodick DW, Aurora SK et al.: Per cent of patients with chronic migraine who responded per onabotulinumtoxinA treatment cycle: PREEMPT. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2015 Sep; 86(9): 996–1001. doi: 10.1136/jnnp-2013-307149

* Prof. Dr. H.-C. Diener, Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 10117 Berlin

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