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Bilanz bei Endress+Hauser Mit Diversifikation Geschäft robuster machen

Redakteur: Gerd Kielburger

Nichts ist so gut, dass man es nicht noch besser machen könnte. Mit diesem Credo und Anspruch trat Matthias Altendorf als neuer CEO von Endress+Hauser anlässlich der Bilanzpressekonferenz vor die Presse. Die Erwartungen an ihn und die damit verbundenen Herausforderungen sind entsprechend. Dabei konnte das Unternehmen für das abgelaufene Geschäftsjahr erneut viele positive Zahlen präsentieren. Doch auch die 'People of Automation' befinden sich im Wandel. Mit dem Zukauf von Analytik Jena beschreitet das Unternehmen einen Aufbruch in neue Märkte der Life Sciences und Biotechnologie.

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Die Weichen für die Zukunft sind bei Endress+Hauser gestellt, wie auf der diesjährigen Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Basel zu erfahren war. Das Führungsteam stellte sich der Presse: Michael Ziesemer, COO, Klaus Endress, Vorsitzender des Verwaltungsrates, Matthias Altendorf, CEO und Dr. Luc Schultheiss, CFO.
Die Weichen für die Zukunft sind bei Endress+Hauser gestellt, wie auf der diesjährigen Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Basel zu erfahren war. Das Führungsteam stellte sich der Presse: Michael Ziesemer, COO, Klaus Endress, Vorsitzender des Verwaltungsrates, Matthias Altendorf, CEO und Dr. Luc Schultheiss, CFO.
(Bild: Endress+Hauser)

Diese Zahlen stehen für sich: mehr als 7 % Wachstum auf über 1,8 Milliarden Euro Nettoumsatz. Die Umsatzrendite auf fast 15 % gehalten, und ein Ergebnis nach Steuern von 187 Millionen Euro erwirtschaftet, dabei 130 Millionen Euro in Gebäude und Anlagen investiert – und das bei einer Eigenkapitalquote von knapp 68 %. „Ja, es sind wirklich eindrucksvolle Zahlen, die wir Ihnen präsentieren dürfen“, meldete sich der neue Verwaltungsrats-Chef Klaus Endress zu Beginn der Bilanzpressekonferenz noch einmal zu Wort und verabschiedete sich damit nach 19 Jahren als CEO mit stolzen Zahlen und einer gesunden Bilanz aus der operativen Leitung der auf Mess- und Automatisierungstechnik spezialisierten Endress+Hauser Gruppe.

Allerdings nicht ohne selbstkritisch auch auf Planabweichungen hinzuweisen, die aufgrund vieler Unsicherheiten in den weltweiten Märkten entstanden seien, denen auch Endress+Hauser in einem schwierigen Geschäftsjahr 2013, aber auch im laufenden Geschäftsjahr ausgesetzt war und ist. „Wir haben unseren Warenkorb in der Prozessinstrumentierung mehr und mehr gefüllt und uns mit unseren Produkten zielstrebig auf die Bedürfnisse der verschiedenen Branchen ausgerichtet“, erklärte Endress.

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Um diesen Kern herum hat das Unternehmen ein umfassendes Angebot an Dienstleistungen und Automatisierungslösungen entwickelt und sich dabei bemüht, in allem, was man tue, die Bedürfnisse von Markt und Kunden im Fokus zu behalten. „Das hat uns stark gemacht und erfolgreich in guten und schwierigen Zeiten – auch im vergangenen Jahr“, sagte Endress. Fokus auf Markt und Kunden zu legen, „das heißt für Endress+Hauser nahe am Kunden zu sein und um die Welt zu folgen, aber auch Zukäufe im Bereich der Analyse“.

Zukäufe für Analysen in der Prozessindustrie

So haben sich die People of Automation, wie man sich bei Endress+Hauser selbst bezeichnet, einerseits durch den Zukauf der Kaiser Optical Systems und der Spectra Sensors, beide in den USA, mit komplexen Analysesystemen für die verfahrenstechnische Industrie verstärkt.

Spectra Sensors, das bereits in 2012 zugekauft wurde, gilt beispielsweise als marktführend auf dem Gebiet laserbasierter Gas-Analysatoren. Mithilfe durchstimmbarer Diodenlaser, die in einer ganz spezifischen Lichtfrequenz strahlen, lassen sich nach Aussage von E+H-Chef Matthias Altendorf Feuchte, Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff, Sauerstoff, Ammoniak und andere Parameter in kleinsten Konzentrationen messen. Die Produkte von Spectra Sensors werden etwa zur Überwachung von Erdgas-Pipelines eingesetzt, oder auch in Raffinerien und petrochemischen Anlagen.

Das Ende 2013 akquirierte Unternehmen Kaiser Optical Systems zählt zu den führenden Anbietern im Bereich der Raman-Spektroskopie. Dieses Verfahren basiert auf der Wechselwirkung eines einfallenden Laserstrahls mit der untersuchten Materie. Damit lassen sich Flüssigkeiten, Feststoffe und Gase auf Zusammensetzung und Materialeigenschaften untersuchen. Die Systeme von Kaiser Optical Systems werden im Labor und auch in der Prozessindustrie eingesetzt.

Endress+Hauser will auch ein zusätzliches Standbein in der Laboranalyse aufbauen – mehr auf der nächsten Seite.

Tür aufstoßen für Laborbranche

Andererseits will sich das Unternehmen ein zusätzliches Standbein in der Laboranalyse aufbauen. Inzwischen hält die Firmengruppe mehr als 50 % an der ostdeutschen Analytik Jena, weitere 27 % der Anteile kann Endress+Hauser ab Oktober 2014 erwerben. Ziel ist die vollständige Übernahme. Das börsennotierte deutsche Unternehmen mit einem Umsatz von rund 100 Millionen Euro und etwa 1000 Mitarbeitern weltweit stellt analytische Instrumente und bioanalytische Systeme her.

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Warum aber wollen die Messtechnik- und Automatisierungsspezialisten von E+H ins Labor, wenn man gleichzeitig mehr und mehr Analytik in den Prozess direkt bringt? Hier lässt sich das Unternehmen von einer anderen Entwicklung leiten, wie CEO Altendorf erläutert: „Für unsere Kunden in den Life Sciences, der chemischen Industrie und der Lebensmittelindustrie spielen biotechnologische oder neue synthetische Verfahren eine immer wichtigere Rolle. Dadurch kommen neue Produktions- und Fertigungsprozesse und -verfahren sowie Messtechniken und Regularien auf uns zu. Diese haben ihren Ursprung im Entwicklungslabor der Kunden, strahlen aber bis in Produktion und Qualitätslabor aus.“

Und da will man möglichst früh dabei sein. Die Akquisition ist für die Messtechnik- und Automatisierungsspezialisten daher ein Aufbruch in neue Märkte der Laboranalyse und Biotechnologie und gilt bei Branchenexperten als große Chance, um auf lange Sicht auch andere Teile des heutigen Produktportfolios im Labor einsetzen zu können. „Wir werden also unser ganzes Analyse-Geschäft vertrieblich eng verzahnen und auch im Bereich von Technologie und Produktion gut vernetzen“, verspricht Altendorf.

Mit dem Eintritt in den Markt für die Laborautomation und die Laboranalyse etabliert E+H ein neues Geschäftsfeld. „Wir diversifizieren unser Geschäft und machen es robuster. Auf lange Sicht bedienen wir den Kunden von zwei Seiten: aus der Produktion und aus dem Labor“, versprechen Altendorf und Endress unisono. Im Augenblick ist man noch dabei, die Roadmap für die nächsten Jahre auszuarbeiten.

Logistik und Lieferketten optimieren

Neben der Integration und Verzahnung der Akquisitionen hat Altendorf aber auch weitere Handlungsfelder definiert: So will er das Unternehmen als Arbeitgebermarke noch attraktiver machen, das Beschwerde-Management verbessern und Unzulänglichkeiten in der Auftrags- und Lieferkette angehen. Ziel müsse es sein, so Altendorf, die Produkte zum versprochenen Termin in einwandfreiem Zustand auszuliefern, egal wohin und egal woher. „Der Online-Versandhandel macht uns vor, was in der Logistik heute möglich ist – und unsere Kunden erwarten eine vergleichbare Leistung von uns.“

Ein anderes Thema, welches das Endress+Hauser-Management besonders beschäftigt, ist das „Low End of the Market“. Was sich dahinter verbirgt, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Ein anderes Thema, dass das Management besonders beschäftigt, ist das untere Ende des Marktes – oder, wie es im Englischen heißt: Low End of the Market. Hier geht es um Produkte, die auf einfache Messaufgaben zugeschnitten sind. In diesem Bereich habe sich der Wettbewerb intensiviert, auch durch neue Anbieter, die in diesen Markt drängen. Dabei müsse E+H nicht nur sein Produkt-Portfolio pflegen, sondern auch die eigenen Vertriebskanäle verbessern, erklärt Altendorf die Strategie.

Gerade was den Online-Vertrieb und alternative Vertriebsformen angeht, sieht das Management Handlungsbedarf. Vor diesem Hintergrund wurde das Konzept des Internet-Auftritts gründlich überarbeitet mit dem Ziel, Kunden überall auf der Welt mehr und bessere Informationen zur Verfügung zu stellen.

Breiter Branchenansatz stützt Wachstum

Bei den Absatzbranchen hat nach Auskunft von Michael Ziesemer, COO bei E+H und designierter ZVEI-Präsident, die Chemische Industrie wieder die Führung übernommen, „nach einem ausgesprochen guten Jahr mit vielen großen Projekten in Europa und weltweit“. Zweistellig zugelegt haben demnach auch die Lebensmittelindustrie sowie Kraftwerke und Energie. Im einstelligen Bereich habe sich die Life Sciences, Öl und Gas, Wasser und Abwasser, die Grundstoffindustrie sowie die Erneuerbaren Energien bewegt, so Ziesemer. Rückläufig entwickelt hätten sich dagegen die Papier- und Zellstoffindustrie sowie die Metallerzeugung. Beide Branchen kämpfen mit weltweiten Überkapazitäten. „Über alles betrachtet, war unser Wachstum aber wieder breit abgestützt über die verschiedenen Industrien.“

Technologie-Trends im Blick

Technologisch beschäftigt die Messtechnik- und Automatisierungsexperten weiterhin die Digitalisierung und Vernetzung in der Welt der Verfahrenstechnik. So setzt sich nach Aussage von Ziesemer der Trend zu Wireless-Anwendungen fort, etwa in der Öl- und Gas-Industrie. Dort gebe es insbesondere im Upstream-Bereich Anlagen mit sehr ausgedehnter Topologie, wo der Einsatz von WirelessHart überaus sinnvoll sei.

„Im Fokus unserer Kunden steht auch die Integration von Produktions- und Geschäftsprozessen, denn sie können dadurch ihre Effizienz deutlich steigern. Wir haben hier standardisierte Wege, unsere Geräteinformationen in die IT-Systeme unserer Kunden einzubinden, die wir 2013 noch einmal stark vereinfachen konnten“, erklärte Ziesemer.

Mehr und mehr an Bedeutung in der Prozessautomatisierung gewinnt laut Endress+Hauser auch EtherNet/IP als Kommunikationsprotokoll. Mehr dazu sowie den Ausblick auf 2014 finden Sie auf der nächsten Seite.

Mehr und mehr an Bedeutung gewinne in der Prozessautomatisierung auch Ethernet/IP als Kommunikationsprotokoll, so Ziesemer. „Es gibt immer mehr Messgeräte mit integriertem Webserver, und auch wir haben unser Portfolio in diesem Bereich erweitert.“ In diesem Zusammenhang zahlt sich die strategische Allianz mit Rockwell Automation, die Endress+Hauser überhaupt erst zur Entwicklung von Messgeräten mit Ethernet/IP veranlasst hat, positiv aus.

Wie Ziesemer fortführte, war die Entwicklung im Bereich der Automatisierungslösungen und Dienstleistungen erneut weit überdurchschnittlich. Hier geht es um Themen wie etwa eichfähige Übergabemessungen im Bereich Öl und Gas, um Feldbus-Netzwerk-Engineering, oder um das Management und die Überwachung von Energieströmen. „Kalibrierungen haben sich für uns mittlerweile zu einem eigenen Dienstleistungs-Segment in sich selbst entwickelt, mit hohem zweistelligem Wachstum“, freute sich Ziesemer.

Inhomogene Entwicklungen – Ausblick auf 2014

Und was bringt 2014? Die konjunkturellen Aussichten sind nach einhelliger Auffassung der Wirtschaftsforscher so gut wie lange nicht mehr. Die Weltbank, erklärte Ziesemer, rechnet mit einem globalen Aufschwung, getragen vor allem von den Industrieländern. Dennoch seien die Entwicklungen wieder sehr inhomogen, und die Vorzeichen bei einem eher verhaltenen Start ins Jahr 2014 seien anders als im Jahr davor.

„Unverändert ist nur der hohe Grad an Unsicherheit, mit dem wir und unsere Kunden leben und arbeiten müssen“, zieht Ziesemer Bilanz. Die Endress+Hauser-Gruppe begegne dem mit einem hohen Maß an Flexibilität, mit verstärktem Einsatz und auch mit der gebotenen Vorsicht, so der COO. So würde man sich dort, wo sich Geschäfte nicht wie erwartet entwickeln, beim Aufbau neuer Stellen zurückhalten. Die strategischen Ziele werde man dabei aber nicht aus den Augen verlieren.

Doch für das Management von E+H zählen nie allein nur Zahlen, wie CEO Matthias Altendorf erklärt. „Natürlich sind Zahlen wichtig, aber sie sind nicht das Ziel an sich, sondern das Ergebnis unserer Arbeit.“ Dieser eher philosophisch, humanistischem Ansatz, der als Gemeinsamkeit des alten und neuen Unternehmenslenkers erkennbar wird, sagt viel über die Firmenphilosophie bei Endress+Hauser aus.

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