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Von fettfrei bis übertrainiert Neun Gesundheitsmythen auf dem Prüfstand

Autor / Redakteur: Dana Hoffmann / Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Die Werbung lebt vor, wie das Leben angeblich gelingt: Alle haben sich lieb, sind erfolgreich, sportlich, dauergrinsend und sehen auch noch ungeheuer gut aus. So soll er also sein, der perfekte Deutsche im 21. Jahrhundert. Aber wie anstellen? Viele Tipps machen die Runde, aber nicht alle halten einer genaueren Überprüfung stand. Manche frühere Erkenntnis ist überholt und manches andere klang von Anfang an zu schön, um wahr zu sein. Zeit, die populärsten Irrtümer zu entlarven.

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Was hilft uns dabei gesund und glücklich zu sein und was sind Gesundheitsmythen?
Was hilft uns dabei gesund und glücklich zu sein und was sind Gesundheitsmythen?
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Würzburg – Was macht unsere Gesundheit aus und wie hängen Gesundheit und Glück zusammen, Wir haben uns neun Gesundheitsmythen einmal näher angeschaut.

1. Fett macht fett

Der Gedanke liegt nahe, dass Nahrungsmittelfette den direkten Weg auf Hüften und Hintern finden, denn dort lagern sie sich schließlich nur unwesentlich verändert (und scheinbar unlösbar) an. Aber nicht alle Fette sind gleich. In den letzten Jahren wurden einigen sogar positive Eigenschaften zugeschrieben. Die guten unter den bösen sind dabei fast alle pflanzlich und rücken erst langsam ins Bewusstsein und die Supermärkte der Deutschen. Kaufte man früher noch das bloße und billige „Pflanzenöl“ aus weitgehend unbekannten Quellen, muss es jetzt ein hochwertiges Olivenöl sein, besser noch Raps oder reine Öle aus Nüssen und Kernen, die als besonders gesund gelten, aber noch sehr teuer sind.

Fett ist in Wahrheit ein wichtiger Bestandteil der Nahrung und daher buchstäblich unverzichtbar – zu erkennen daran, dass auch alle Arten von optimierten Astronauten- und Fertignahrung nicht ohne Fette auskommen. Einige der wichtigsten Vitamine wie A, D, E und K sind fettlöslich und daher ohne die passende Begleitung für den Körper gar nicht verwertbar. Nebenbei sind Fette wichtige Geschmacksträger und machen einen Teil des Sättigungsgefühls aus. Wer schon einmal eine Diät in einem spontanen Heißhungeranfall versinken sah, weiß, wie wichtig es ist, eben doch von allem ein bisschen zu sich zu nehmen.

2. “Frei-von-Produkte” sind gesünder

Die Lebensmittelindustrie hat es schon schwer: Wir haben mehr als genug zu essen, eine riesige Auswahl und trotzdem müssen uns die großen und kleinen Konzerne ihr Produkte buchstäblich schmackhaft machen. Eine Möglichkeit, die sie ersonnen haben, sind Lebensmittel, die frei von etwas sind, also ohne Gluten, Laktose, Zucker, Fett, Alkohol und auch sonst alles, was vermeintlich oder erwiesenermaßen irgendwie schädlich sein könnte.

Was die Produzenten so klar nicht dazu sagen: Überall, wo etwas fehlt, muss etwas anderes dessen Platz einnehmen. Ist eine Schokolade ohne Zucker, müssen Süßstoffe zugesetzt werden. Weil die andere Eigenschaften als der herkömmliche Zucker haben, kommen noch etliche Zusatzstoffe hinzu, um das am Ende etwas zu haben, das so ähnlich ist wie Schokolade – nur teurer. Gemeinerweise sind nicht alle Süßstoffe tatsächlich kalorienfrei und viele können nicht einmal als gesund und verträglich gelten.

Um geschmackliche Defizite solcher Lebensmittel auszugleichen, wird außerdem am Verhältnis von Fett, Zucker und Salz geschraubt: Wo Fett als Geschmacksträger fehlt, wird einfach nachgesalzen und der zuckerfreie Joghurt wird mit Voll- statt Magermilch doch noch genießbar – bei gleicher Kalorienbilanz, versteht sich.

Bis vor einigen Jahren gab es noch Light- und Diabetiker-Produkte, die mit genau diesen Mechanismen gearbeitet haben. Weil inzwischen als erwiesen gilt, dass sie die Verbrauer nur in die Irre führen, sind sie inzwischen verboten oder so streng reglementiert, dass die Industrie sie von sich aus nicht mehr anbietet.

Und dann gibt es noch die eigentlich verbotene Werbung mit Selbstverständlichkeiten, die unter dem Schlagwort Clean Labeling läuft. Ein Beispiel ist der laktosefreie Hartkäse, der das wie alle seine Regalnachbarn von Natur aus ist, weil der ursprünglich enthaltene Milchzucker während der Käsereiprozesse abgebaut wurde. Oder Gummi-Naschzeug ohne Fett, in dessen Herstellungsprozess Fette noch nie auch nur vorgesehen waren, und die dank des enthaltenen Zuckers alles andere als gesund oder schlankmachend sind.

3. Ein Erwachsener soll mindestens eineinhalb Liter am Tag trinken

Trinken gehört zum gesunden Leben unbestritten dazu. Aber zur Frage, wie viel wir trinken sollen (und was eigentlich) gibt es ebenso viele Meinungen wie Experten. Viele Menschen haben normalerweise kein Durstgefühl und auch keine Symptome, selbst wenn sie täglich kaum einen Liter trinken. Andere werden bei Unterschreiten ihres persönlichen Werts – der durchaus mehrere Liter hoch sein kann – mit Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsschwächen gestraft.

Dumm nur: Wenn die Symptome kommen, ist der Körper schon dehydriert. Wir müssen also trinken, selbst wenn wir keinen Durst haben. Die gute Nachricht: Oft wird vergessen, dass wir auch über andere Lebensmittel Wasser aufnehmen. Wer über den Tag viel Obst und Gemüse nascht, kann sich gern etwas gutschreiben und natürlich bestehen auch Kaffee und Milch größtenteils aus Wasser und zahlen auf das Flüssigkeitskonto ein.

Bei dauerhaften Probleme, genug zu trinken, kann man sich mit kleinen Tricks behelfen, etwa eine Wasserflasche mit „Pegelständen“ markieren, die angeben, zu welcher Tageszeit wieviel getrunken sein muss. Das hilft mit seinem spielerischen Aspekt vor allem Kindern, die das Trinken gern mal vergessen. Wer reines Wasser nicht mag, kann auch mit Zitronen- oder Gurkenscheiben, Schorlen oder aromatisierten Tees experimentieren.

4. Ein Glas Wein am Tag verlängert das Leben

Klingt ja gut, dass das gepflegte Glas Wein am Abend auch noch gesund sein soll. Bei dieser Theorie ging es um die positive Wirkung einiger besonderer Inhaltsstoffe des Weins, der Polyphenole, auf die Blutgefäße. Und die Blutwerte selbst sollten sich auch noch verbessern. Allerdings ist es im Grunde nur das: eine Theorie. Die Phenole sind zwar im roten Wein enthalten und haben im Labor die besagten Wirkungen gezeigt. Ob das im Körper genauso funktioniert, ist allerdings völlig unklar und alles andere als erwiesen.

Tatsächlich geht man heute davon aus, dass der leichte statistische Zusammenhang zwischen dem langen Leben und dem sehr eingeschränktem Weinkonsum – bei den Untersuchungen meinte man eher ein halbes Glas – in Wirklichkeit auf eine gemeinsame Ursache zurückgeht, nämlich eine allgemein bewusste und verhältnismäßig gesunde Lebensweise.

Unabhängig davon ist und bleibt Alkohol ein Zellgift. Die Einräumung eines täglichen Glases kann schlimmstenfalls eine Alkoholsucht begründen, denn – mal ehrlich – wer bleibt denn wirklich bei dem einen kleinen Glas?

5. Was Hänschen im Sportunterricht nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Falsch! Im Gegenteil: Es ist nie zu spät, sich von der Couch zu erheben. Selbst wer erst im Rentenalter einen moderaten Sport wie Walking aufnimmt, tut sich körperlich und seelisch etwas Gutes und verbessert seine Chancen, länger gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden.

Gleiches gilt für nur eingeschränkt bewegungsfähige Menschen. Übergewichtige und Gehbehinderte dürfen gern langsam mit Schwimmen oder Spaziergängen in ein bewegtes Leben finden. Schließlich beginnt auch ein langer Weg mit dem ersten Schritt – der aber erst einmal getan werden muss. Und wer meint, er dürfe sich wegen seiner Leibesfülle nicht sportlich aktiv zeigen, dem sei gesagt: Ein Dicker in der Muckibude ist allemal besser als ein Schlanker auf der Couch!

6. Viel Training hilft viel

Auch wenn wir erkannt haben, dass Sport einen Beitrag zu einem längeren Leben leistet, müssen wir uns nicht gleich für den nächsten Marathon der Stadt anmelden. Sich regelmäßig zu bewegen, ist gut und wichtig. Noch wichtiger ist allerdings das gesunde Maß: Wer sich auf dem Laufband verausgabt, bis die Lunge flattert, tut sich genauso wenig einen Gefallen wie der Freizeitsportler, der sich im Fitnessstudio mit angehaltenem Atem und hochrotem Kopf an einer übermütig eingestellten Kraftmaschine quält.

Anfänger dürfen sich auf einen leichten Muskelkater als Zeichen des Erfolgs ihrer Bemühungen freuen. Wer aber am Tag nach einer Laufrunde nicht mehr krabbeln kann, hat es übertrieben, seine Muskeln überlastet und womöglich die Gelenke unnötig verschlissen. Auch begeisterte Sportler müssen deshalb darauf achten, es trotz ihrer Motivation nicht zu übertreiben. Jeden zweiten Tag Joggen kann schon zu viel sein und der Körper wird das mit Schmerzen und Konditionstiefs anzeigen. Deshalb gilt: Ruhig den Signalen des Körpers nachgeben, dann kann es am Tag darauf vielleicht schon wieder mit Vollgas und Spaß auf die Piste gehen.

7. Beim Sport geht es vor allem um Gewichtsverlust

Dass Bewegung für uns wichtig ist, ist eine Binsenweisheit. Da gibt es nur ein Problem: Wer losspringt, um abzunehmen, kann die unwillkommene Beobachtung machen, dass der Zeiger der Waage sich einfach nicht nach unten bewegen will. Der Sport regt das Muskelwachstum und wo Muskeln wachsen, kommt zunächst Gewicht hinzu.

Die gute Nachricht: Selbst wenn die Waage eingefroren scheint, passen die Hosen nach einigen Wochen sportlicher Ertüchtigung trotzdem besser, denn Muskeln nehmen weniger Volumen ein als Fett. Die böse Falle hier: Wer sich nach der erfolgreichen Joggingrunde mit einem netten Eis belohnt, fühlt sich zwar erst einmal besser, macht aber rein gewichtsmäßig keinen Boden gut.

Tipp: Zusätzlich zum Bewegungsprogramm auch auf die Ernährung achten und nur einmal pro Woche unter gleichen Bedingungen wiegen, etwa Montagmorgen direkt nach dem Aufstehen. Dann tut sich auch zahlenmäßig etwas.

8. Für ein besseres Leben braucht es einen radikalen Schnitt

Ob das Vorhaben ist, abzunehmen, endlich mit Sport anzufangen oder in ein rauchfreies Leben zu starten – viele Menschen kommen mit allzu hehren Zielen nicht zurecht. Zu groß ist die Gefahr, schon bald zu scheitern, wenn der Vorsatz lautet: Ab morgen keine Schokolade mehr oder nie wieder rauchen. Meistens entstehen solche Vorsätze ohnehin im Zusammenhang mit der Panik vor dem Kleiderschrank oder den obligatorischen Vorsätzen zum Jahreswechsel und ohne den passenden inneren Antrieb.

Für die meisten Menschen funktioniert die langsame Reduktion besser als der groß angelegte Rundumschlag, zum Beispiel jeden Tag eine Fluppe weniger oder über jeweils eine Woche ein Stück weniger Zucker auf eine Kanne Tee. So erhält der Körper die Möglichkeit, sich an weniger zu gewöhnen und gibt sich auf Dauer auch damit zufrieden. Damit kann man jederzeit anfangen, ohne gleich sein ganzes Leben komplett umkrempeln zu müssen. Ausnahmen müssen erlaubt und Belohnungen in anderen Formen vorgesehen sein, dann bleibt auch der trägste Zeitgenosse lange dran, ohne riesige Zugeständnisse machen zu müssen.

9. Wir können nur glücklich sein, wenn …

Gerade Frauen sind anfällig für einen gewissen Selbstoptimierungswahn. Beliebt sein, Kinder und Haushalt wuppen, nebenbei noch arbeiten und dann das: Von zahllosen Frauenzeitschriften lachen perfekte Gesichter, die auf ebenso perfekten Körpern sitzen. Dazu die neuesten Diättipps und Mode und Beziehungsratgeber und vieles mehr, das vor allem eines aussagt: So, wie du es jetzt machst, ist es falsch!

Dabei sind die leuchtenden Bilder auch nur gestellt und aufwendig bearbeitet. Selbst die Sixpacks auf den Fitnessmagazinen für Männer sind vor allem das Ergebnis von viel Schinderei, wenig Essen und ordentlich Bräunungs-Lotion – und einigen Stunden Computer-Arbeitszeit eines digitalen Stylisten. Viel zu viel Zeit verbringen wir im Angesicht dessen damit, dem Wenn nachzuhorchen. Wenn ich erst die Figur habe, dann werde ich aber endlich…

Schluss damit! Die Formel für das gute Leben ist ganz einfach: Sich nichts einreden lassen, vernünftig essen und trinken, ein bisschen Bewegung, die Spaß macht, und ansonsten in sich selbst hinein hören nicht auf das, was andere vielleicht für richtig halten. Und damit am besten sofort anfangen. Ohne Wenn und Aber!

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