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Chemie-Tarifrunde

Regionale Tarifverhandlungen bleiben ergebnislos

| Redakteur: Alexander Stark

Die neun regionalen Tarifverhandlungen für die chemische Industrie sind im Oktober ergebnislos zu Ende gegangen. Während die Gewerkschaft IG BCE den Arbeitgebern vorwarf, kein Angebot vorgelegt zu haben, forderte Arbeitgebervertreter Georg Müller in einem Interview Realismus angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Unternehmen.

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Im Tarifbezirk Nordrhein begannen die regionalen Verhandlungen der Gewerkschaft mit den Arbeitgebern.
Im Tarifbezirk Nordrhein begannen die regionalen Verhandlungen der Gewerkschaft mit den Arbeitgebern.
(Bild: IG-BCE)

Wiesbaden – In einem sind sich Gewerkschaft und Arbeitgeberseite bei den aktuellen Tarifverhandlungen einig: Die regionalen Verhandlungen waren von einer unterschiedlichen Sicht auf die wirtschaftliche Lage geprägt. „Wir sind in einer schwierigen Situation und wir werden eine sehr schwierige Tarifrunde haben“, so Georg Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber. Ob die von den Arbeitgebern zitierte Rezession überhaupt komme, sei fraglich, sagte hingegen der Leiter des IG-BCE-Landesbezirks Nord, Ralf Becker, und hielt den angeblichen Umsatz- und Produktionsverlusten die immer noch erzielten Gewinne entgegen. Sein Kollege Frank Löllgen vom Landesbezirk Nordrhein verwahrte sich gegen das Reden von einer Krise, die „fast schon mit 2009 vergleichbar ist“, und sah für 2020 eher Hoffnung.

Die Gewerkschaft IG BCE ging mit einem komplexen Zukunftspaket in die regionalen Tarifverhandlungen. Neben einer zusätzlichen tariflichen Pflegeversicherung sieht dieses auch Qualifizierung für den digitalen Wandel und ein „Zukunftskonto“ vor, auf das Arbeitgeber pro Beschäftigtem jährlich tausend Euro einzahlen sollen. Zur Forderung eines Zukunftskontos erklärte Georg Müller, dass über diese Frage in der letzten Tarifrunde schon sehr hart mit der Gewerkschaft diskutiert worden sei. Auch nach der jetzt stattgefundenen regionalen Runde sei den Arbeitgebern nicht klar, wie das überhaupt funktionieren solle. Die Branche ist nach den Worten von Müller in einer Phase von massivem Fachkräftemangel und jede zusätzliche freie Zeit für die Fachkräfte in der Chemie bedeute, dass Kapazität aufgefüllt und sichergestellt werden müssten.

Für die Gehälter verlangte die Gewerkschaft ebenfalls spürbare Verbesserungen. Müller sagte dazu, dass der Verteilungsspielraum gegen Null gehe. Er betonte, dass die Lager sehr ernst sei. Alle wichtigen Kennziffern in der Chemie seien in den Minusbereich gegangen und die Branche nehme weniger Geld ein als 2018, aber die Kosten seien höher. Die Landesbezirksleiterin der IG BCE in Baden-Württemberg, Catharina Clay, kritisierte, dass sich die Arbeitgeberseite auf Zahlen beziehe, die die Gewerkschaft nicht nachvollziehen könne, weil sie nicht öffentlich zugänglich seien. Die Gewerkschaft beziehe sich dagegen auf Daten des statistischen Landesamtes. Danach betrage das Umsatzwachstum für die Branche in diesem Bundesland 2,8 %.

Müller erwartet von der Gewerkschaft, dass sie erkennt, dass die Branche in einer Krisensituation sei und ihre Ansprüche reduziert. Aus Sicht der Gewerkschaft geht es um eine Krisenfestigkeit der Industrie in viel längerer Perspektive. Die Arbeitgeber hätten die Botschaften nicht verstanden und die Zeichen der Zeit in keiner Weise erkannt, gab Beate Rohrig, Leiterin des IG-BCE-Landesbezirks Bayern, am Ende der ersten Verhandlungsrunde zu bedenken. Sparen an den Beschäftigten sei Sparen an falscher Stelle, denn sie seien die wichtigste Ressource für die Zukunftsfähigkeit der Branche. Angesichts der weit auseinanderliegenden Positionen wird eine Lösung auch nach der Auffassung von Müller sehr schwer zu finden sein.

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