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Chemieindustrie in Russland Russlands Chemieindustrie erweitert und modernisiert Produktionsanlagen

Redakteur: Wolfgang Ernhofer

Experten von Germany Trade and Invest prognostizieren weniger Wachstum für die russische Chemieindustrie als im letzten Jahren. Allerdings modernisieren viele Unternehmen ihre Produktionsanlagen und erweitern die Produktionskapazitäten.

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Die Chemieindustrie in Russland boomt. Für das das nächste Jahr erwarten Experten aber ein weniger dynamisches Wachstum.
Die Chemieindustrie in Russland boomt. Für das das nächste Jahr erwarten Experten aber ein weniger dynamisches Wachstum.
(Bild: Wikipedia)

Moskau (GTAI) – Russlands Wirtschaft wird 2012 und 2013 voraussichtlich weniger dynamisch wachsen als 2011. Großveranstaltungen wie die Fußball WM 2018 und die Entwicklungsprogramme in vielen Branchen bieten trotzdem gute Geschäftschancen. Eine wichtige Rolle spielt der WTO-Beitritt, von dem Impulse besonders für die russischen Düngemittelfabrikanten erwartet werden. In der Petrochemie führt die Einführung des Euro-3-Standards bei Treibstoffen ab 2013 voraussichtlich zu Engpässen und steigenden Spritkosten.

Die russische Chemieproduktion ist laut Föderalem Statistikdienst der Russischen Föderation in den ersten sieben Monaten 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 1,8% gestiegen. Im Juli 2012 lag das Produktionsergebnis um 5,9% über dem Ergebnis von Juli 2011. Neue Projekte gibt es in den Bereichen Petrochemie, Kunststoffe und Kautschuk.

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Petrochemie wächst

Der Erdölproduzent Tatneft will seine Reifensparte massiv ausbauen. Zum Jahr 2015 sollen bereits 15 Mio. Reifen hergestellt werden, sagte Generaldirektor Schafagat Tachautdinow Ende August 2012. Im Werk OOO Nischnekamski Sawod Schin ZMK würden 2012 rund 1,2 Mio. Reifen und bei Kama-Evro 2013 rund 3 Mio. Reifen produziert. Um die Kapazitäten auf 15 Mio. Reifen auszubauen, investiert Tatneft 35 Mrd. Rubel (knapp 860 Mio. Euro), so der Firmenchef.

Chancen für die Düngemittelindustrie

Während die Produktion von Pflanzenschutzmitteln von Januar bis Juli 2012 um 13% zulegte, sank die Herstellung von Düngemitteln im selben Zeitraum um 1,4% auf 10,8 Mio. t. Es wurden 4,78 Mio. t Stickstoffdüngemittel (+1,7%), 1,8 Mio. t Phosphordünger (-2,9%) und 4,2 Mio. t Kalidünger produziert. Jahrelang war der Output gestiegen. Allerdings waren die Zuwächse schon seit geraumer Zeit rückläufig. In den ersten sieben Monaten 2012 stand nun erstmals ein Produktionsminus zu Buche.

Der weltweit größte Hersteller von Chlorkali, OAO Uralkali, will in den kommenden zehn Jahren 6 Mrd. US$ investieren. Jahr für Jahr sollen rund 400 Mio. US$ für neue Projekte und Lagerstätten sowie 200 Mio. US$ in die Erweiterung und Renovierung bestehender Kapazitäten ausgegeben werden. Uralkali wird 2012 rund 10 Mio. t Kalidüngemittel produzieren.

Das Unternehmen OAO OChK Uralchim, ebenfalls einer der größten russischen Düngemittelproduzenten, will von 2012 bis 2014 jährlich zwischen 150 Mio. und 200 Mio. US$ investieren. Das sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Dmitri Osipow, Ende Juni 2012 in Sankt Petersburg. Laut Osipow fließen die kompletten Gelder in die Erweiterung der Produktionskapazitäten und Modernisierung der Ausrüstung - verteilt auf alle Fabriken des Konzerns. Dazu zählt auch die Permer Tochter "Permskije Minudobrenija", für die 2013 ein Teil der Gelder bestimmt ist. Ziel von Uralchim sei die Erweiterung der Ammoniak-Produktion auf 630.000 t pro Jahr, so Osipow.

Der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation birgt für kaum eine Branche so viel Entwicklungspotenzial wie für die russischen Düngemittelfabrikanten. Schließlich zählen sie seit jeher zu wichtigen Exporteuren auf die Weltmärkte. Doch für einen der weltweit größten Konzerne, OAO Fosagro, dürfte sich durch den Beitritt kaum etwas ändern. Schließlich produziere sein Konzern heute bereits am Limit, sagte Generaldirektor Maksim Wolkow Ende August 2012. Probleme oder Barrieren, die den Export auf die Weltmärkte behinderten, gebe es kaum.

Farben und Lacke: Nachfrage steigt

Die Produktion von Farben und Lacken in Russland legte in den ersten sieben Monaten 2012 um knapp 13% zu. Der Bereich Industrielacke bildet rund ein Viertel des Marktes. Die Nachfrage nach diesen Industrielacken ist auch im 1. Quartal 2012 wieder ordentlich gewachsen - um 10% auf 61.000 t. Im Jahr 2011 wurden 307.500 t verkauft. Das war fast ein Viertel mehr als im Jahr 2010. Es wurden 147.000 t Industrielacke nach Russland eingeführt. Damit lag die Importquote bei fast 50%, sagte Wiktoria Tschernowa, Expertin der Fachzeitschrift Chimkurier auf der 3. Internationalen Creon-Konferenz "Industrielacke 2012" in Moskau. Die Nachfrage dürfte auf Jahressicht 2012 um 10 bis 11% zulegen, prognostizierte Tschernowa.

Die wichtigsten Hersteller von Industrielacken in Russland sind die Firmen Russkije kraski mit einem Marktanteil von 7%, Jarli (6%), Kronos SPB (4%), Petrokom-Lipezk (4%), Wega (4%), Jarowslawskaja lakokrasotschnaja kompanija (3%) und Empils (3%). Dennoch sind die Firmen Akzo Nobel und der deutsche BASF-Konzern dank starker Exporte nach Russland die wichtigsten Anbieter am Markt.

Kunststoffproduktion legt zu

Die Nachfrage nach Kunststoffen in Russland steigt weiter auf breiter Basis. Auch die Produktion hat 2011 kräftig zugelegt - um 9% auf 5,4 Mio. t. Das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. In den kommenden Jahren werden eine Reihe weiterer Werke in Betrieb genommen. In den ersten sieben Monaten hingegen gab es einen leichten Dämpfer: Die Produktion von Kunststoffen sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,5%. Während der Output von Polystyrol und Polyvinylchlorid zweistellig zulegte, ging die Produktion von Polyethylen um fast 13% zurück, die von Polypropylen um 9%.

Das Unternehmen Techstroi aus Tatarstan plant ein neues Werk zur Produktion von Polyethylenrohren im Gebiet Nowosibirsk. Das meldet die Nachrichtenagentur Prime. Die Investitionen belaufen sich auf bis zu 12 Mio. Euro. Hergestellt werden sollen nicht nur Kunststoffrohre, sondern auch Profile und Platten.

Das russische Chemieunternehmen Uralchimplast hat in den ersten sieben Monaten 2012 die Produktion von Kunststoffen um ein Viertel erhöht. Für das laufende Jahr plant der Chemieriese Investitionen in Höhe von 114 Mio. Euro. Das Geld fließt in die Modernisierung bestehender Anlagen. Außerdem will das Unternehmen mit dem Bau einer neuen Gießharzanlage sowie einer Anlage für Formaldehyd mit einer Kapazität von 50.000 t beginnen. Über die Tochterfirma Uralmetanolgroup soll noch 2012 der Bau eines Werkes zur Produktion von 600.000 t Methanol pro Jahr beginnen; Kostenpunkt: 300 Mio. Euro.

Die Lukoil-Tochter Stawrolen will im Industriepark Kislowodsk in der Region Stawropol (Stawropolski krai) ein riesiges Gasverarbeitungswerk errichten. Das erste nordkaukasische Werk zur Produktion von Ethylen, Polyethylen und Polypropylen soll rund 110 Mrd. Rubel kosten; das sind rund 2,7 Mrd. Euro. Im Jahr 2016 soll der Komplex in Betrieb gehen. Ein erster Resident hat sich auf dem Industriepark bereits ein Gewerbegrundstück gesichert: Dabei handelt es sich um das Unternehmen OOO Polypropylen. Das Unternehmen will 12 Mio. Euro investieren und ein Werk für Polypropylenrohre und Verpackungssäcke aus Polyethylen und Papier herstellen.

Russland verbannt schlechten Sprit

Im August 2012 hat Gazprom von der Bank of Scottland und der Sberbank einen weiteren Kredit in Höhe von 830 Mio. US$ erhalten. Das Geld wird für die Fertigstellung des Gaschemiekomplexes Nowyurengoi benötigt. Das Werk für 400.000 t Polyethylen soll 2013 fertig gestellt werden. Damit würde ein Drama zu Ende gehen. Denn der Beschluss zum Bau des Werkes wurde 1993 gefasst, die komplette Ausrüstung in den Folgejahren geliefert. Doch wegen eines Finanzierungsengpasses stoppte Gazprom das Projekt 1996. Wie es heute heißt, könnten die Kapazitäten in einer zweiten Ausbaustufe auf 1 Mio. t Polymere steigen.

Russland verabschiedet sich mit der Brechstange von schlechtem Sprit. Ab 1.1.13 dürfen an Russlands Zapfsäulen nur noch Treibstoffe nach Euro-3-Standard verkauft werden. Das hat die russische Antimonopolbehörde FAS Ende August 2012 noch einmal bekräftigt. Doch bereits heute ist klar: Nicht alle Erdölverarbeiter werden die neuen Normen fristgerecht einhalten können. Viele schaffen es nicht, alle Raffinerien zum besagten Stichtag zu modernisieren. Doch auch wenn Engpässe und ein massiver Anstieg der Spritpreise die Folge sein werden - die russischen Wettbewerbshüter wollen hart bleiben.

Einige große Konzerne sind bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, haben Milliarden investiert. Gazprom Neft und TNK-BP haben ihre Petrochemiefabrik Jaroslawnefteorgsintes am 1.7.12 auf Euro-5 umgestellt. Dasselbe gilt für die Anlage SNPS in Saratow. Baschneft verkauft an seinen knapp 500 Tankstellen nur noch Diesel und Benzin nach dem Euro-Standard 5. Der Erdölriese Lukoil hat sich ebenfalls komplett von Euro-4 und niedriger verabschiedet.

Treibstoffverbrauch soll gedrosselt werden

Dennoch dürften 2013 rund 600.000 t Treibstoff der Euro-3-Norm fehlen, glauben Experten. In jenen Regionen, die der Modernisierung hinterherhinken, dürften die Treibstoffkosten entsprechend ansteigen. Vielleicht werden die Defizite aber auch geringer ausfallen. Denn einige russische Städte wollen den Verbrauch von Diesel und Benzin insgesamt drosseln. So will etwa die Stadt Tscheljabinsk im Ural den Busfuhrpark komplett auf Methan als Treibstoff umstellen.

Das Unternehmen Objedinjonnaja neftechimitscheskaja kompanija (Vereinigte Petrochemische Gesellschaft), ein Gemeinschaftsunternehmen von Baschneft und Petrochemical Holding, will in Ufa und Dserschinsk zehn bis zwölf Erdölchemieunternehmen gründen. Von 2013 bis 2018 beabsichtigt der Konzern rund 5 Mrd. US$ zu investieren.

Der staatliche Erdölkonzern Rosneft will in den kommenden drei Jahren eine neue Raffinerie im Moskauer Gebiet bauen; Kostenpunkt: 7 Mrd. US$. Die Kapazitäten sollen bei 12 Mio. t liegen. Das gab der Konzern Ende Juni 2012 auf dem Internationalen Petersburger Wirtschaftsforum bekannt. Die Produktion soll 2015, spätestens aber 2016 aufgenommen werden.

Die Firma Omsktechuglerod hat einen Kredit über 10 Mio. US$ erhalten. Damit will das Omsker Unternehmen die Produktionskapazitäten erhöhen. Künftig sollen in dem Betrieb 265.000 t technische Kohlenstoffe hergestellt werden. Momentan liegen die Kapazitäten bei 203.000 t. Zu den Abnehmern von Omsktechuglerod gehören Konzerne wie Sibur-Holding, Nokian Tyres, Michelin, Continental und Pirelli.

Der Konzern TNK-BP will für die Modernisierung der Reinigungsanlage im Erdölverarbeitungswerk Saratow bis 2016 rund 40 Mio. US$ investieren. Dort werden jährlich 6 Mio. t des schwarzen Goldes verarbeitet. Dank der Modernisierung sollen die Abwässer (als Brauchwasser) später wieder im Produktionsprozess bei TNK-BP verwendet werden können. Außerdem soll die Umweltbelastung sinken.

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in Russland finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

Lesen Sie auch den Länderreport Russland: Russlands Chemieindustrie boomt und Die Top 5 Chemie-Länderreports des Jahres 2012

* Quelle: Germany Trade and Invest

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