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Mitarbeiterbeteiligung So gewinnen, motivieren und binden Sie qualifizierte Mitarbeiter

Autor / Redakteur: Jürgen Schreier / Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Während eine Erfolgsbeteiligung in vielen deutschen Unternehmen zum guten Ton gehört, ist bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung noch reichlich Luft nach oben. Viele Mittelständler zögern, ihre Beschäftigten zu Mitunternehmern zu machen Allerdings könnten der Fachkräftemangel und das Demografieproblem zu einem Umdenken führen.

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Bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist in Deutschland noch reichlich Luft nach oben.
Bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist in Deutschland noch reichlich Luft nach oben.
(Bild: © FotolEdhar - Fotolia)

Ratesendungen sind nach wie vor ein äußerst beliebtes Fernseh-Unterhaltungsformat und locken allabendlich ein Millionenpublikum vor den Bildschirm. Deshalb steht am Anfang folgende kleine Quizfrage: Wer hat die Mitarbeiterbeteiligung erfunden? Ganz ehrlich: Spontan hätte ich auf Robert Bosch getippt, der ja als besonders sozial denkender Unternehmer in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist. Weit gefehlt! Es war das große „Trio“ der deutschen Optik: der Mechaniker Carl Zeiss, der Physiker Ernst Abbe und der junge Glaschemiker Otto Schott.

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Als die drei sich vor 125 Jahren in Jena zusammentaten, um die besten Mikroskope der Welt zu bauen, konnten sie nicht ahnen, dass sie der erste Bundespräsident der Bundesrepublik – Theodor Heuss – als Vorreiter der sozialen Marktwirtschaft feiern würde. Und dass die Geschichte der Männer aus Jena später sogar zum Vorbild vieler Unternehmensverfassungen werden sollte, ist vor allem Ernst Abbe zu verdanken.

Teilhabe am Unternehmenserfolg

Vom Sohn eines einfachen Fabrikarbeiters zum Gründerzeit-„Kapitalisten“ aufgestiegen, entwickelte er seine eigene Unternehmensphilosophie. Vieles von seinem Gedankengut ist heute Konsens, zu seiner Zeit aber war es geradezu revolutionär.

Angefangen vom Verbot der Kinderarbeit über einen eigenen Pensionsfonds bis hin zur Betriebskrankenkasse machte der Selfmade-Unternehmer vieles anders als die meisten seiner Kollegen. So hatte Ernst Abbe bereits 1896 eine Mitarbeiterbeteiligung bei den Optischen Werkstätten Carl Zeiss in Jena ins Leben gerufen. Ziel war, die Beschäftigten bei guter Konjunktur am Gewinn des Unternehmens zu beteiligen.

Wie gesagt, das war vor über 100 Jahren. Doch wie funktioniert Mitarbeiterbeteiligung heute? Diente diese zu Abbes Zeiten primär dazu, den kargen Lohn aufzubessern, so fasst eine Definition des AGP – Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung, der Unternehmen bei der Einführung eines Mitarbeiterbeteiligungsprogramms berät, den Begriff sehr viel weiter. Bei der Mitarbeiterbeteiligung handele es sich um ein unternehmerisches Führungskonzept, das eine partnerschaftliche Unternehmenskultur schaffe, die es allen leicht macht, ihre Ideen, ihre Kraft und ihre Initiative ins Unternehmen einzubringen.

Mitarbeiterbeteiligung verbessert Produktivität und Wertschöpfung

„Eine Vielzahl von personalwirtschaftlichen Forschungen hat in den letzten Jahren die positiven Auswirkungen einer Mitarbeiterbeteiligung auf wesentliche unternehmerische Erfolgsfaktoren wie Produktivität, Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit belegt“, weiß AGP-Geschäftsführer Dr. Heinrich Beyer. Mitarbeiter, die sich in das betriebliche Geschehen einbringen können und betriebliche Entscheidungen mit verantworten, identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen, schärfen ihr Kostenbewusstsein und setzen sich für die Verbesserung von Betriebsabläufen ein.

„Eine solche partnerschaftliche Unternehmenskultur schafft Zufriedenheit am Arbeitsplatz, wodurch die Mitarbeiterfluktuation verringert wird und qualifizierte Fach- und Führungskräfte gebunden werden. Insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des schon jetzt real existierenden Fachkräftemangels sind diese beiden Aspekte von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit gerade von kleinen und mittelständischen Unternehmen“, erläutert Beyer.

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Mehr Eigenkapital für Unternehmen

Wer seine Mitarbeiter beteiligt, erhöht seine Attraktivität als Arbeitgeber und findet und bindet exzellente Mitarbeiter. Außerdem zeige man, so der AGP, gesellschaftliches Unternehmertum. Durch die Beteiligung der Mitarbeiter am Erfolg und am Kapital des Unternehmens werde Engagement belohnt und die Vermögensbildung der Mitarbeiter gefördert. So bestätigten beispielsweise 87 % der im Jahr 2013 von der Unternehmensberatungsgesellschaft Hay Group befragten Unternehmen, dass sich Mitarbeiter mit Belegschaftsaktien stärker mit ihrem Arbeitgeber identifizieren als Mitarbeiter, die keine solche Beteiligungsmöglichkeiten haben.

Wie aber funktioniert das Modell der Mitarbeiter­kapitalbeteiligung konkret? Eigentlich ganz einfach: Arbeitnehmer legen Teile ihrer Vergütung oder ihrer Erfolgsbeteiligung in „ihrem“ Unternehmen an und erhalten als Gegenleistung eine Rendite. Neben den personalwirtschaftlichen Vorteilen sei „ein weiterer wesentlicher Vorteil einer Mitarbeiterkapitalbeteiligung die Erhöhung der Eigenkapitalquote beziehungsweise der bankenunabhängige Zugang zu Fremdkapital“, erläutert AGP-Geschäftsführer Beyer.

Eigenkapitalbeteiligungen sind in Form von Belegschaftsaktien und GmbH-Anteilen möglich, die jedoch an die Rechtsform einer Kapitalgesellschaft gebunden sind. Darüber hinaus können Unternehmen aller Rechtsformen stille Beteiligungen und Genussrechte zur Stärkung ihrer Kapitalbasis einführen.

Erfolgsbeteiligung – ein eigenständiges Motivationskonzept

Von der Kapitalbeteiligung zu unterscheiden ist die Erfolgsbeteiligung. Dennoch ist die Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter nach Auffassung des AGP nicht nur eine wichtige „Vorstufe“ zur Kapitalbeteiligung, sondern vielmehr ein eigenständiges Konzept, bei dem die Leistungen des einzelnen Mitarbeiters, bestimmter Mitarbeitergruppen und der gesamten Belegschaft mit einem zusätzlichen Bonus in Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens honoriert werden.

Viele Unternehmen sind dazu übergegangen, die Höhe von Sonderzahlungen an die Mitarbeiter an betriebswirtschaftliche Kenngrößen – zum Beispiel an die Umsatzrendite – zu knüpfen. Dies führt in wirtschaftlich guten Zeiten zu höheren Ausschüttungen an die Mitarbeiter; hingegen zu einer Absenkung, wenn die Geschäfte schlechter laufen. Hauptvorteil für das Unternehmen: Es wird auf der Personalkostenseite entlastet und kann „atmen“.

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4500 Unternehmen machen mit

Trotzdem ist die Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland anders als in vielen anderen europäischen Ländern bis heute zu keinem Erfolgsmodell mit Breitenwirkung geworden. Laut aktueller AGP-Statistik haben etwa 4500 Unternehmen ein Programm zur Mitarbeiterkapitalbeteiligung eingeführt, doch machte eine internationale Expertenkonferenz, die der AGP im Oktober vergangenen Jahres veranstaltete, deutlich, dass noch reichlich Luft nach oben ist. So liege die Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland bei den meisten Kriterien – Verbreitung und steuerliche Rahmenbedingungen – nach wie vor noch deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Beispielsweise sind in den 2500 größten Unternehmen in der EU im Durchschnitt 28,2 % der Beschäftigten am Kapital beteiligt. In den 220 deutschen Unternehmen aus dieser Gruppe sind es dagegen nur 17,3 %.

Dabei hat die Zurückhaltung der Firmen bei dem Thema Mitarbeiterbeteiligung nach Meinung von AGP-Geschäftsführer Beyer weniger mit einzelnen Modellformen zu tun als vielmehr mit unbegründeten Vorbehalten und unzureichender Kenntnis des Konzeptes. „Viele Unternehmer und Entscheider verbinden mit dem Begriff immer noch eine weitere Ausweitung der Mitsprache der Mitarbeiter und befürchten, nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein, wenn sie ihre Mitarbeiter auch noch am Kapital des Unternehmens beteiligen.“

Dabei ist eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung keineswegs an die Ausgabe von Belegschaftsaktien gebunden. Bayer empfiehlt als ideales Mittelstandsmodell das einfache und vielfach erprobte Beteiligungsmodell der stillen Beteiligung. Bei diesem Modell beteiligen sich die Mitarbeiter als stille Gesellschafter am Kapital des Unternehmen – ohne Mitspracherechte oder sonstige gesellschaftsrechtliche Ansprüche.

Beyer: „Das Modell kann in drei bis fünf Arbeitssitzungen eingeführt werden.“ Aber auch die ungünstige steuerliche Behandlung von Mitarbeiterbeteiligungen in Deutschland dämpft seiner Meinung nach das Interesse der Beschäftigten, sich als Investoren zu betätigen. Andererseits wäre die Mitarbeiterbeteiligung vor dem Hintergrund der unzureichenden Vermögensbildung in Deutschland und des extrem niedrigen Zinsniveaus „eine renditestarke Alternative zu traditionellen Anlageformen“, sagt Beyer.

Mitarbeitern winken attraktive Renditen

Dass nicht nur bei Siemens & Co., sondern auch im klassischen Mittelstand und bei familiengeführten Unternehmen einiges in Sachen Mitarbeiterbeteiligung machbar ist, bewies zuletzt die 64. Jahrestagung der AGP. Seit mehr als 40 Jahren bietet die Homag AG aus Schopfloch, die sich von einer Dorfschmiede zu einem internationalen Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen entwickelt hat, stille Beteiligungen an, die von fast allen Beschäftigten wahrgenommen werden.

„Ohne Mitarbeiterbeteiligung wären wir nicht so weit gekommen”, ist Vertriebsvorstand Jürgen Köppel überzeugt. „Sie entschärft den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit.“ Die Mitarbeiter beteiligen sich an den einzelnen Homag-Tochterfirmen. Für die übergeordnete AG hingegen ist die Börse da. Bis zum Sechsfachen eines Monatsgehalts kann gezeichnet werden, dafür gibt es eine Verzinsung von 4,5 %, die mit anderen, vom Risiko her überschaubaren Anlagealternativen derzeit kaum zu erzielen wäre.

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Gewinnen und Halten qualifizierter Mitarbeiter im Fokus

Um das Gewinnen und Halten qualifizierter Mitarbeiter geht es vornehmlich der südbadischen August Faller KG bei ihrer Mitarbeiterbeteiligungsstrategie. In der Region liegt die Arbeitslosenquote derzeit deutlich unter 3 %. „Da fragt man sich schon, wo kommen die Mitarbeiter her und wie kann man sie halten”, sinniert Michael Faller, Chef des Familienunternehmens aus Waldkirch bei Freiburg. Die Lösung heißt für ihn Mitarbeiterbeteiligung. Seit Anfang 2014 beteiligt das Unternehmen, das Verpackungsmittel für den Pharmabereich herstellt, seine Mitarbeiter. „Das schafft eine Leistungskultur und Unternehmergeist”, ist Faller überzeugt. „Wir erhoffen uns dadurch Wettbewerbsvorteile.”

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Portal unserer Schwestermarke MM Maschinenmarkt.

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