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Symptomatische kognitive Beeinträchtigungen erkennen Test für zuhause soll Hinweis auf mögliche neurodegenerative Erkrankungen geben

Redakteur: Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Experten prognostizieren, dass in Deutschland pro Jahr rund 40.000 Menschen neu an Demenz erkranken. Je früher solche neurodegenerativen Krankheiten diagnostiziert werden können, desto wirksamer können sie therapiert werden. Ein internationales Wissenschaftler-Team hat nun ein neues Verfahren entwickelt, mit dem von zuhause aus altersbedingte kognitive Beeinträchtigungen mithilfe eines Tests festgestellt werden können. Dabei erhält der Patient die Aufforderung, Töne und Lichtsignale auf dem Laptop oder Telefon zu erkennen.

Durch die demographische Entwicklung werden neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz zu immer größeren Problemen für unsere Gesellschaft.
Durch die demographische Entwicklung werden neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz zu immer größeren Problemen für unsere Gesellschaft.
(Bild: ©freshidea - stock.adobe.com)

London/Großbritannien – Nach aktuellen Zahlen leben alleine in Deutschland rund 1,6 Millionen Demenzkranke. Da durch die demographische Entwicklung pro Jahr mehr Erkrankte hinzukommen, wird der Druck nach verbesserter Diagnostik und optimierten Therapien immer größer.

Die von Forschern aus der Schweiz und dem Vereinigten Königreich durchgeführte Studie zeigt, dass der einfache und kostengünstige Test dazu beitragen kann, die Genauigkeit der Frühdiagnostik der „leichten kognitiven Beeinträchtigung“ (MCI) zu verbessern und somit rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Diese neue Erkenntnis ist vor allen Dingen vor dem Hintergrund interessant, dass MCI bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen in eine Alzheimer-Erkrankung mündet.

Bisher nötig: Langwierige neuropsychologische Tests

Die in erster Linie von den zwei britischen Wissenschaftlerinnen Dr. Trudi Edginton (City, University of London) und Dr. Alison Eardley (University of Westminster) durchgeführten Untersuchungen bringen uns neue Erkenntnisse über die Verarbeitung von Informationen, die über die Sinnesorgane empfangen werden, im Gehirn älterer Menschen.

Für die Diagnose von MCI existiert derzeit noch kein Bluttest wie für Diabetes. Bisher gab es nur eine einzige Möglichkeit, MCI zu diagnostizieren: Erforderlich sind langwierige neuropsychologische Evaluierungen, die auf der Grundlage von Tests zur kognitiven Kontrolle und zur Merkfähigkeit sowie auf Fragen zu Alltagsaktivitäten und zur Stimmung erstellt werden. Die kostspieligen Tests setzen aber eine entsprechende Vorbildung des Mediziners voraus, sind zeitintensiv für Patient und Klinik-Mitarbeiter und haben zudem den Nachteil, dass die Ergebnisse von Faktoren wie dem IQ des Einzelnen, seinem sozio-ökonomischen Status und sogar dem Fachpersonal, das die Evaluierung durchführt, beeinflusst werden können. Angesichts einer weltweit alternden Gesellschaft und der Annahme, dass rund 50 Millionen Menschen auf der Erde unter Demenz leiden, war die Entwicklung eines neuen Tests dringend erforderlich.

Neues Verfahren mit Ton- und Lichtsignalen

Für die Studie wurden 123 Teilnehmer aufgefordert, bei einem Ton- oder Lichtsignal eine Taste zu betätigen. Zum Teil traten akustisches und visuelles Signal getrennt auf, zum Teil zeitgleich. 51 Studienteilnehmer waren gesunde, junge Erwachsene, 49 gesunde, ältere Erwachsene und 23 ältere Erwachsene mit MCI.

Unter der Leitung von Professor Micah Murray der Universität Lausanne in der Schweiz haben die Wissenschaftler aus den Studienergebnissen der unterschiedlichen Teilnehmer anschließend zwei Maßnahmen abgeleitet. Zwei Fragestellungen dienten ihnen dabei als Grundlage:

1.) Erkennen die Teilnehmer schneller das visuelle oder schneller das akustische Signal.

2.) Fiel ihnen das Erkennen bei einem akustisch-visuellen Stimulus leichter als beim getrennten Auftreten von Licht- und Tonsignal? Dr. Paul Matusz von der Universität Lausanne erklärt, dass das Forscherteam mit diesen beiden Maßnahmen sehr präzise vorhersagen konnte, ob eine Person bei den klassischen klinischen Tests die Diagnose MCI erhalten würde oder nicht.

Der Professor für Radiologie und klinische Neurowissenschaften am Universitätsspital und der Universität Lausanne freut sich über die neu gewonnenen Erkenntnisse: „Wir sind mit der Studie sehr zufrieden, weil sie zeigt, dass mit der Durchführung ganz einfacher Tests die klinische Praxis deutlich vereinfacht werden kann – und das bei einem breiteren Patientenkreis und niedrigeren Kosten. Wir freuen uns, dass die Ergebnisse unserer Untersuchung den Zusammenhang zwischen Sehen und Hörvermögen und ihre Rolle bei der Stimulierung des Gedächtnisses klar herausstellen konnten: es liegt auf der Hand, dass der Erhalt unserer kognitiven Fähigkeiten im Verlauf des Alterungsprozesses von der Leistungsfähigkeit unserer Sinne abhängt. Das ist eine Ergänzung zu den Erkenntnissen, die wir bereits bei Untersuchungen an Kindern im Schulalter gewonnen hatten.“

Dr. Alison Eardley, Psychologin an der University of Westminster in London erläutert ihre Gründe zur Teilnahme an der Studie: „Die aktuell verwendeten Instrumente, mit denen beurteilt werden soll, ob es sich um einen anormalen Alterungsprozess handelt oder nicht, werden kontrovers diskutiert und sind in keiner Weise ausreichend. Keine der zurzeit im Einsatz befindlichen Evaluierungsinstrumente erlaubt eine eindeutige Diagnose. Vor allen Dingen aber ist weiterhin heftig umstritten, zu welchem Hauptdiagnoseinstrument man greifen sollte.“

Die Neurowissenschaftlerin für klinische Kognition und Psychologie an der City, University of London Dr. Trudi Edginton erklärt: „Unsere Forschungsergebnisse machen Hoffnung; nämlich, dass eine einfache, wahrnehmungsbasierte Aufgabe ein zusätzliches wertvolles Tool zur MCI-Diagnose und –Bewertung sein kann. Natürlich ersetzt der Test, den wir entwickelt haben, noch nicht die aktuell im Klinikalltag verwendeten Verfahren. Das Team arbeitet jetzt an neuen Techniken zur Validierung dieses innovativen Früherkennungsinstruments und beschäftigt sich mit der Rolle des Neurotransmitter-Systems bei der alters- oder krankheitsbedingten Beeinträchtigung der sensoriellen und kognitiven Funktionen. Ihr Ziel: Sie möchten mehr über mögliche Optionen zur frühzeitigen Diagnose und Behandlung in Erfahrung bringen.“

Hinweis: Die Studie entstand in internationaler Zusammenarbeit unter Mitwirkung des Universitätsspitals Lausanne „Centre hospitalier universitaire vaudois“ und der Universität Lausanne (Lausanne, Schweiz), der University of Westminster (London, Vereinigtes Königreich), der City, University of London (London, Vereinigtes Königreich) und der Universität für Angewandte Wissenschaften „Université des Sciences appliquées de Suisse occidentale“ (Sierre/Siders, Schweiz) mit der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung SNF, der schweizerischen Stiftung „Fondation Pierre Mercier“ und einem von Carigest SA beratenen Mäzen.

Originalpublikation: Murray M. M., Eardley A. F., Edginton T., Oyekan R., Smyth E., Matusz P. J. (2018) Sensory dominance and multisensory integration as screening tools in aging. Nature Scientific Reports, www.nature.com/articles/s41598-018-27288-2.

(ID:45371565)