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Digitale Wende The Digital Turn - Transformation von der Informations- zur Wissensgesellschaft

Autor / Redakteur: Prof. Volker M. Banholzer / Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Die Agenda ist von Schlagworten wie Digitalisierung, Big Data, Robotics, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz etc. bestimmt. In der Tat scheint es, als ob durch eine fortschreitende Digitalisierung eine tiefgreifende Veränderung in Geschäftsprozessen, in der Gestaltung von Arbeit, im Empfinden von Zeit und vor allem im Umgang mit Informationen ausgelöst hat.

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Nutzer produzieren, reproduzieren und teilen Inhalte, daraus entsteht eine enorme Fülle an Informationen.
Nutzer produzieren, reproduzieren und teilen Inhalte, daraus entsteht eine enorme Fülle an Informationen.
(Bild: lev dolgachov/Fotolia.com)

Wir beobachten eine digitale Wende, die von vielen als tiefgreifend erlebt wird. Newsletter, Tweets, Pushmails, Posts, V-Logs gehören zum Alltag in der Kommunikation. Dinge, die vor der Digitalisierung nicht zu unserem Alltag gehörten. Oder? Der spanische Politikwissenschaftler Manuel Arias-Maldonado mahnt, nicht auf eine akademische Wendeindustrie hereinzufallen. Trotzdem scheint die Digitalisierung Veränderungen hervorzurufen, die viele, wenn nicht alle Gesellschaftsbereiche beeinflusst. Zu fragen bleibt, wie sich Medien in diesem Kontext wandeln können, oder müssen, um ihre Funktionen noch erfüllen zu können, damit Wandel nicht zur Verunsicherung, sondern zur Irritation wird. Ein Grund, das etwas genauer zu analysieren.

Digitalisierung – ein eindeutig mehrdeutiger Begriff

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es derzeit ohne das Label „Digitalisierung“ oder „4.0“ nicht geht. Die Industrie 4.0, die Arbeit 4.0 erfordert, Wirtschaft 4.0. die Journalismus 4.0 braucht. Von der ‚digitalen Wirtschaft‘, über eine ‚digitale Revolution‘, die wiederum ‚digitale Strategien‘ erfordert oder ‚digitale Kompetenzen‘ von Beteiligten einfordert, was dann zu einer ‚digitalen Identität‘ wird. Das ‚Digitalisierungszeitalter‘ wird in ‚Digitalisierungskongressen‘ erörtert und es wird vor einem ‚digitalen Debakel‘ in Deutschland gewarnt, wenn wir nicht lernen, die ‚digitalen Werkzeuge‘ anzuwenden, um endlich zur ‚digitalen Gesellschaft‘ zu werden.

Dabei ist der Begriff ‚Digitalisierung‘ eindeutig mehrdeutig, wie der Wirtschaftswissenschaftler Hansjürgen Paul feststellt. „Digital“ ist der Gegensatz zu „analog“. „Analog“ bedeutet „stetig“, „kontinuierlich“; „digital“ steht für „gestuft“ und „diskret“. Digitaluhren, so Paul, stellen den Zeitverlauf gestuft dar, Analoguhren kontinuierlich. Vinyl-Schallplatten geben Audiosignale kontinuierlich, stetig wieder, CDs gestufte Abbildungen des ana-logen Signals. Computersysteme arbeiten digital, Daten sind in ihnen nicht in physikalischen Größen, sondern in Kombinationen von Bits dargestellt. Damit bezeichnet „Digitalisierung“ den Vorgang der Aufbereitung von nahezu jeder Form von Information zum Zweck der Speicherung und Verarbeitung in digitaler Form, wie Texte, Bilder, Audio- und Videodaten.

Diese technische Aufbereitung von Information von einer analogen Existenz in ein digitales Abbild auf unterschiedlichen Speichermedien eines Computers ist nur eine Seite der Medaille. Dies wird im Englischen als „digitization“ bezeichnet. „Digitalization“ meint dagegen die Annahme oder verstärkte Nutzung von Computertechnologie durch eine Volkswirtschaft, einen Wirtschaftszweig oder eine Organisation sowie die Art, in der sich viele Gesellschaftsbereiche um digitale Kommunikation und mediale Infrastruktur neu ausrichten.

Die zwei Phasen der Digitalisierung

Im Deutschen wird so nicht unterschieden und dementsprechend beschreibt „Digitalisierung“ entweder den primär technischen Vorgang der Aufbereitung von Information in digitale Daten oder den Prozess des sozio-ökonomischen Wandels, der durch Einführung digitaler Technologien, darauf aufbauende Anwendungssysteme und ihre Vernetzung angestoßen wird. Diese Form der „Digitalisierung“ ist allerdings nicht gleichzeitig und gleichmäßig in allen Wirtschaftsbereichen.

Der Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen beschreibt zwei Phasen der Veränderung. Die erste Phase seit Ende der 1990er Jahre umfasst den Bereich, in dem Produktion, Konsum und Kommunikation unmittelbar auf immateriellen Transaktionen und der Nutzung von Daten und Informationen basieren. Musikproduktion und -distribution, Verlage oder Finanzdienstleistungen. Aktuell können wir die zweite Phase dieser Digitalisierung beobachten. Die Phase, in der sich in so unterschiedlichen Bereichen wie industrieller Produktion, Medizin, Infrastruktur und Wohnen neue Nutzenpotenziale eröffnen und Digitalisierung sich auf Kernbereiche ökonomischen Handelns ausrichtet. Dabei kommen auch sogenannte Cyber-Physische Systeme zum Einsatz.

Digitalisierung produziert eigene Ideologien

Die Wirkungen dieser Digitalisierung erstrecken sich in viele Gesellschaftsbereiche. Das Leben wird durch digitale Technologien gemessen und vermessen, was Einfluss nicht nur auf die Prozesse in einem Bereich, sondern auch auf die Subjekte, die Personen hat, die darin agieren. Zudem wandeln sich durch die Digitalisierung die tradierten politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Organisations- und Umgangsformen.

Hier ist vor allem die soziale Produktion von Wissen, dessen Archivierung und dessen Reproduktion zu betrachten, die neue Formen annimmt. Und, um Arias-Maldonado zu folgen, die Digitalisierung produziert eigene Ideologien, die die Wahrnehmung von Realität und des Selbst beeinflussen und dabei neue soziale Interaktionsformen und Sitten erzeugen. Es verändert sich die Art und Weise, wie wir Probleme, Konzepte, Erklärungen definieren und wie wir Wissen generieren, zugänglich machen, vermitteln und bewahren.

Der Code ist das Gesetz

Die letzten Jahre waren geprägt durch eine Informationsfülle, produziert durch die Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern, Inhalte zu produzieren, zu reproduzieren, zu teilen. Eine Entwicklung der Konnektivität. Der Blick muss sich aber auf die Mechanismen dahinter richten. „Die Programmierung ist die wahre Triebkraft der digitalen Revolution.“ (Manuel Arias-Maldonado) „Der Code ist das Gesetz“ (Lawrence Lessig), das den Raum konturiert, den wir nutzen können, um Zugang zu Informationen zu bekommen. Dieses Gesetz definiert den Standard, wie Informationen verwaltet, moduliert und verteilt werden.

Dabei dürfen die Codes nicht ausschließlich als Programmzeilen gelesen werden, sondern auch in ihrer übertragenen, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Der Code hat die Fähigkeit, dass etwas geschieht, eine Wirkmacht, die von der Einblendung eines Werbebanners in einem Artikel bis hin zu automatischen Softwareupdates reicht. Der Code definiert auch den Handlungsrahmen einer Person. Bei der Bestellung eines Buches über einen Online-Shop, folgen wir einer Entscheidungsarchitektur, die von dritten entworfen worden ist, die subtil Richtungen vorgibt und vor allem auch andere Richtungen ausschließt.

Aber: die virtuellen Technologien transformieren nicht das Dasein bzw. ersetzen nicht reales Handeln, sondern ergänzen es. Es entsteht laut Arias-Maldonado ein Paradoxon: Je mehr Virtualität es gibt, desto mehr Realität gibt es. Die digitalen Aktionen produzieren Daten, die zu Metadaten geordnet werden, was durch Klassifizierung und Filter die Inhalte für Suche und Zugriff aufbereitet, die Grundlage für neue reale Handlungen bilden. Die dunkle Seite der Medaille ist die Rückverfolgbarkeit der Aktivitäten über die hinterlassenen Datenfragmente und Spuren.

Der zentrale Aspekt ist die Analyse dieser unzähligen hinterlassenen Spuren, der Massendaten. Isolierte Daten bringen keinen Nutzen. Die Zusammenstellung der Daten für die Analyse produziert aber oftmals Ex-Post-Muster, die auch unvorhergesehene Bedeutungen erschließen. Mit Behavioural Targeting etwa werden Nutzungsgewohnheiten, Interessen und demographische Merkmale durch kommerzielle Suchmaschinen evaluiert.

Die neuen, digitalen Anwendungen sind durch die Auswertbarkeit (positiv) und Rückverfolgbarkeit (negativ) keine bloßen funktionalen Werkzeuge, sondern sie bringen dabei echte Ideologien hervor, die mit Lebensgewohnheiten verbunden sind, deren Basis der Glaube an die neue Leistungsfähigkeit einer Technologie ist. Alleine schon in der Tatsache, dass es die Reichweite einer Kommunikation, das dem Menschen wesenseigen ist, vervielfacht, liegt revolutionäres Potenzial.

Beziehung zwischen Technik, Moderne und Emanzipation

Ein Beispiel für eine durch Digitalisierung entstandene Ideologie ist die Forderung nach Transparenz, eigentlich eine Institution der Aufklärung. Die Existenz einer Technologie, die Transparenz ermöglicht, macht aus der Möglichkeit allmählich die Pflicht zur Transparenz, für politische Institutionen oder Unternehmen, in der Annahme, dass dies moralisch die bessere Position sei. Der Berliner Historiker Herfried Münkler hatte schon vor drei Jahren auf das Problem hingewiesen, dass auch politische Entscheidungsträger im Geheimen verhandeln dürfen sollen, um bessere Ergebnisse erzielen zu können.

Eine Transparenzdiskussion, die jetzt mit CETA und TTIP aktueller denn je ist. Gleichzeitig formiert sich die Bewegung, die die Privatsphäre schützen will, wie der breite Protest gegen Googles Streetview-Aufnahmen. Darin zeigt sich die Ambivalenz der Moderne. Eine Technologie, die private Telefonate vor dem Zugriff der Geheimdienste schützt, bietet auch einen Schirm für kriminelle Aktivitäten vor Strafverfolgung. Die digitale Wende dreht sich wieder um das alte Thema der Beziehung zwischen Technik, Moderne und Emanzipation. Diese Beziehung lässt sich nur in einer gesellschaftlichen also politischen Debatte ausloten.

Was ist neu?

Bereits der Gebrauch von Federkiel und Papier habe den menschlichen Geist domestiziert, so der Soziologe Bruno Latour. Analog ist die Digitalisierung zu sehen, als Technologie, die wir zum Denken benutzen, die wie das Papier dazu dient, Bedeutungen zu stabilisieren und Wissen leichter übermitteln zu können. Dabei erlaubt die Digitalisierung eine leichtere Visualisierung von Wissen, womit der aktuelle Trend zu neuer Visualität in und mit Infografiken, Bildern oder Videos einhergeht. Data Journalism als neues Genre ist ohne diese Entwicklung nicht denkbar.

Andere Phänomene sind weniger neu. Soziale Netzwerke zum Beispiel hatten immer Bestand. Nur die Form passt sich den technischen Möglichkeiten an, zwischenmenschliche Kommunikation ist ein Wesenszug und eine kulturelle Konstante und dass dabei die Instrumente stets verfeinert werden hat sich über die Geschichte hinweg nicht verändert. Auch die Umgangsformen bzw. die gewählten Genres sind dieselben. Die heutigen sozialen Netzwerke bieten wie die früheren die Gelegenheit oder bieten den Raum, um sich über das Stilmittel des Dramas zu unterhalten.

Der Soziologe Irving Goffman beschreibt die Teilnahme am modernen Leben als eine ständige Praxis der Dramatisierung, eine Interpretation unterschiedlicher Rollen, die sowohl Identität als auch Selbstbild der Teilnehmer bestimmen. Die heutigen sozialen Netzwerke vervielfältigen die Möglichkeiten der Darstellung, verlängern die Darstellungszeit und erweitern die Zielgruppen.

Verändertes Zeitempfinden

Wie steht es aber um die einzelne Person? Die digitale Erfahrung erscheint als radikal individualisierte Form von Massenkommunikation, Personalisierung, Individualisierung und gleichzeitig stetige Verfügbarkeit von Wissen und Information (Adrian Athique). Was sich dabei radikal verändert ist das Empfinden von Zeit. Das Zeitgefühl ändert sich durch die Gleichzeitigkeit laufender Kommunikationen. Die digitale Zeit ist eine im Zusammenhang mit der Erwartung organisierte Zeit, so Arias-Maldonando.

Der Mensch ist immer verfügbar und offen gegenüber allen Kontakten. Wesensmerkmal dieser Situation ist die abwartende Haltung, in einem phantomhaften Raum voller Nachrichten, Informationen und Kommentare, die aus dem Nichts kommen und gleichzeitig nach einer umgehenden Antwort verlangen. Die die digitale Zeit wird beschleunigt und hat dazu beigetragen, die analoge Zeit des Alltags ebenfalls zu beschleunigen. Gleichzeitig hat die Digitalisierung einen verlängernden Effekt. Das Hinterlassen von Spuren und deren Rückverfolgbarkeit fordert von den Teilnehmern eine für die gesamte Zeit anhaltende tugendhafte Verhaltensweise und schafft Verunsicherung.

Auf der anderen Seite erzeugt die permanente Kommunikation mit vertrauten Menschen und Gruppen ein starkes Sicherheitsgefühl (Athique), was auch eine Erklärung für die Offenheit in sozialen Netzwerken ist, was in kommunikationswissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde. Das Gefühl von Isolation existiert gleichzeitig mit der Empfindung, sich mit Angehörigen und dem Freundeskreis in ständiger Verbindung und Kommunikation zu sein, Gesellschaft und Gemeinschaft koexistieren.

Individualisierte Massenkommunikation

Im Gegensatz zu früherer Massenkommunikation, die auf dem Konzept des großen Publikums beruhte und damit eine gewisse Distanz beinhaltete, ist die digitale und somit individualisierte Form der Massenkommunikation eher als intim zu beschreiben. Die Digitaltechnologien verweisen auf eine zunehmende soziotechnische Hybridisierung. Das Subjekt ist in einer Welt mit den Dingen. Diese Dinge sind zudem noch selbst aktiv, sprechen die Subjekte ständig an und schaffen eine ständige Verbindung. Diese technischen Objekte haben die Qualität von autonomen Aktanten, bewusstseinslose, nichtmenschliche Akteure, die aber einen Einfluss auf die sozialen Prozesse ausüben. Was die Diskussion um Social Bots in der Debatte um Brexit oder den Wahlkämpfen deutlich macht.

Das hat Auswirkungen auf die politischen Systeme. Die Demokratie durchläuft aktuell das Zeitalter des Zuschauers (Jeffrey Greene). In Zeiten der Hyperkommunikation ist alles als Show konzipiert, die für die Augen der übrigen Teilnehmer geplant wird. Gleichzeitig ist die Demokratisierung des Produktionsprozesses von Inhalten zu beobachten. Jeder hat durch die Digitalisierung weitergehende Möglichkeiten, Meinungen zu äußern und zu verbreiten. Unterschiedliche Kanäle verschmelzen oder verflechten sich. Die TV-Debatte wird auf Twitter kommentiert, weil dieser Kanal Inhalte benötigt, die den Nutzern gemeinsam sind, und will dadurch verhindern, dass sich die Nutzer in Mikrogruppen zersplittern, die nicht verbunden werden können. Gleichzeitig werden die Tweets und Posts wieder in der TV-Debatte thematisiert.

Medien und die Vetokratie

Digitale Medien haben zu einer Fragmentierung des Informationsangebotes geführt. These ist, dass diese Fragmentierung die traditionellen Medien geschwächt und somit deren Beitrag zur Mäßigung untergraben habe, ist hier der Grund für die Radikalisierung des öffentlichen Gesprächs ist. Zudem führt dies zu einer aggressiven Pluralisierung, für die die aktuelle Demokratie noch keine Lösung gefunden hat. Das Differenzierungsverlangen jeder einzelnen Gruppe führt dabei von einer Demokratie zu einer de facto Vetokratie. Lärm tritt an die Stelle des Gesprächs. Trolle nutzen die Plattformen, was bei manchen Medien zur Einstellung der Kommentarseiten geführt hat.

Die Netzwerke sind weniger rationale Beratungsmöglichkeit, sondern eher ein öffentlicher Gemütszustand. Die Digitaltechnologie ermöglicht die Ablehnung der repräsentativen Vermittlung zugunsten eines ‚Do it yourself‘. Vermittlung wird die Legitimation abgesprochen und das angesichts dessen, dass sich Wissen immer weiter ausdifferenziert, spezialisiert und Zusammenhänge komplexer werden. Die neuen Machtmodelle beruhen auf kollektiver Koordinierung und Massenbeteiligung. Sie beruhen auf dem gemeinsamen Teilen, Miteigentum, kollektiver Finanzierung von fremden Projekten, neuen Mischung bereits bestehender Dinge um neue Produkte zu erhalten. Transparenz und Recht auf Partizipation und Selbstorganisation sind die neuen Elemente, die bestimmend sind.

Die Digitalisierung wird Organisationsformen umgestalten, wirtschaftlich den Wechsel von Pipeline zu einer Plattformökonomie beschleunigen, politisch das Entstehen von Mikromächten und die Fragmentierung der Öffentlichkeit unterstützen sowie sozial Globalisierung und das Entstehen von Onlinegemeinschaften befördern.

Die zwei Seiten der Medaille fordern Politik und Medien heraus

Dabei ist die Digitalisierung ebenso wie die Moderne allgemein durch eine Ambivalenz in vielerlei Hinsicht gekennzeichnet. Die zwei Seiten einer Medaille müssen gesehen und bewertet werden. Sozialpolitisch wird durch Digitalisierung der größtmögliche Zugang zu Information ermöglicht, was für eine Wissensgesellschaft elementar ist. Das geht aber einher mit dem Kollaps der Grenzkosten und dem massiven Abbau von nichtqualifizierten Arbeitsplätzen.

Wissen schafft Automatisierung, die Maschinen erledigen die Arbeit. Das stellt aber auch die gewohnte Welt, in der die Existenzberechtigung der Person an der Erwerbsarbeit hängt, infrage. Die Transformation von der Einheits- zur Universalmaschine, von der Industrie 1.0 zur Industrie 4.0 rückt das Wissen in den Mittelpunkt. Die deutsche Arbeits- und Wirtschaftskultur aber fremdelt noch mit der Wissensgesellschaft und deren Möglichkeiten aber auch Anforderungen.

Die digitale Wende bringt neue Aufgaben

Was sind also die Aufgaben von Politik, Medien und Fachmedien angesichts des Digital Turn? Angesichts der Ambivalenz der digitalen Entwicklung und deren Auswirkungen müssen beide auch Doppelstrategien entwickeln. Politik und Medien müssen sich entschleunigen, wie Karl-Theodor zu Guttenberg einfordert. Die 24/7-Taktung nähre die Verunsicherung von Menschen, sie würden sich von Technologiesprüngen überfordert fühlen. Das erfordere kompetente Bewertung und „gnadenlose Priorisierung“. Verbindende Linien seien gefragt, nicht panische Einzelaufnahmen. Etwas erstaunt zeigt sich zu Guttenberg, dass in Deutschland Künstliche Intelligenz noch nicht Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte ist. Bernd Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Bitkom, und Richard Clemens, Vorstandsmitglied der Telekom, fordern unisono von der Politik mehr „digitale Visionen“. Und das jenseits des Denkens in Legislaturperioden.

Sie nehmen aber auch die Unternehmen in die Pflicht, die sich vom Denken in Quartalszahlen verabschieden sollen. Beides unterstreicht die Wirkmächtigkeit der Digitalisierung. Was aber wichtig ist, ist nicht eine Höhertaktung von Beschlüssen und Konzepten, sondern eher das bewusste Nachdenken, das auch trotz der beschriebenen Beschleunigung wichtig ist. Digitalisierung wird aber Folge geleistet, wenn dieser Prozess unter Beteiligung der unterschiedlichen Interessengruppen und soweit möglich transparent geschieht. Wie Politik unter Druck gerät dokumentiert der Wunsch einiger Verantwortlicher, die sich von Experten die Diskussion zu Digitalisierung erwarten und von diesen konkrete Handlungsanleitungen einfordern.

Das wird dem Phänomen nicht gerecht, dass die zwei Seiten der Digitalisierungsmedaille eben politisch, gesellschaftlich diskutiert und gestaltet werden müssen. Dieser Wunsch verkennt auch, dass die Zeiten von zentraler politischer Technologiesteuerung abgelöst sind, von einer Governance-Struktur, in der viele Player involviert sind und die koordiniert werden müssen.

Anforderungen an die Medienberichterstattung

Hier liegt die Anforderung für Medien und Journalismus, sowohl für die Massenmedien als auch die Verlags- und Medienäuser der Fachinformationen. Medien fällt die Aufgabe zu, trotz Beschleunigung und der oben beschriebenen permanenten Erwartungshaltung verbindende Linien zu zeigen, Trends deutlich zu machen, Konsequenzen vorzudenken und nicht nur hektische Einzelaufnahmen zu generieren. Das erfordert, dass Medienberichterstattung nicht nur selbstreferenziell ihren Twitterkanal für die Kommentierung der eigenen TV-Debatte verwertet. Das verlangt aber eine Qualifikation in den Redaktionen, die sich nicht nur auf das crossmediale Bedienen von Ausspielkanälen beschränkt, sondern auch fachliche Qualifikation, die politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Konsequenzen benennen kann.

Medien sind Ressource, Irritation und Gefühlsraum für Entscheider

Fachmedienhäuser zum Beispiel müssen sich an ihren Nutzern, den Entscheiderinnen und Entscheidern orientieren. Diese wollen sich schnell und vor allem selbstbestimmt mit aktuellen Informationen versorgen. Und das meist digital. Für Entscheiderinnen und Entscheider erfüllen Medien drei Funktionen. Die Ressourcenfunktion, die ihnen hilft Informationen zu sammeln und sich für Diskussionen zu wappnen, die Innovationsfunktion, die Trends und Zusammenhänge aufzeigt bzw. irritiert und neue Impulse gibt sowie die Stimmungsfunktion, die eine Versicherung der eigenen Position über eine Community schafft.

Ressourcenfunktion

Die Ressourcenfunktion erfüllen Medien über das Bereitstellen von Information. Newsletter, Push-Nachrichten, RSS-Feeds sind die Assistenzsysteme für dieses Bedürfnis. Das ist mittlerweile Standard bei Nachrichtenmedien aus dem Publikumsbereich, viele Fachmedien haben hier nachgeholt. Die Produktion dieser Informationen ist Routine und folgt nach gewissen Standards. Neben der reinen aktuellen Information braucht die Gruppe der Entscheider allerdings Wissen, das sich dadurch aufbaut, dass Informationen kommentiert und kritisch konturiert werden.

Nur so erfüllen journalistische Leistungsangebote die Innovationsfunktion, indem sie durch Aufzeigen von Zusammenhängen oder Trends bzw. durch Hinweisen auf fachfremde aber relevante Entwicklungen die Rezipienten irritieren können. Dieser Nutzen wird sich je nach Rezipient deutlich unterscheiden und andere Schwerpunkte haben. Das heißt eine auf Standardisierung, Routine und auf Effizienz orientierte Informationsproduktion kann dies nicht erfüllen.

Um die Innovationsfunktion erfüllen zu können, müssen journalistische Leistungsangebote kommentieren, einordnen, vergleichen, positionieren und auch andere Medienbeiträge kuratieren. Wenn die Kuratierung allerdings nur auf Basis von Algorithmen geschieht ist dies wie die obigen Ausführungen zum Code deutlich gemacht haben, erneut eine Begrenzung des Erkenntnisraumes und birgt die Gefahr der Echohöhle, die nur eigene Positionen widerspiegelt. Wenn die Kuratierung auch Beiträge umfasst, die dem eigenen Spektrum widersprechen, neue fachfremde Beiträge einbringt, Impulse aus anderen Disziplinen einbringt, dann erzeugt dies Nutzen im Sinne der Innovationsfunktion. Sowohl die Produktion dieser Leistung als auch die Rezeption erfordern Zeit, der Sekundentakt als Produktionsrhythmus scheidet aus und auch eine Begrenzung auf 140 Zeichen.

Innovationsfunktion

Medien sind aktuell vielfach noch in einem Zeitalter der maschinellen Massenproduktion verfangen. Deren Grundlage, eine Sache gut und effizient herzustellen und zu verteilen ist das Beispiel der Information. Das hat zwei Effekte. Durch die Digitalisierung ist die Verbreitung von Informationen leichter und günstiger geworden, Mobile Reporting leistet ebenso einen Beitrag, so dass Informationen, Breaking News im Sekundentakt produziert werden. Das macht die journalistische Leistung austauschbar. Durch andere Medien aber auch durch Unternehmen, die selbst zu Sendern werden. Dies führt zudem zu einem Preiswettbewerb.

Der Preis steht im Mittelpunkt und nicht der Wert einer Nachricht. Der Wert eines journalistischen Leistungsangebotes ist aber nicht pauschal, sondern höchst individuell bemessen. Wert, Nutzen ist eine individuelle Kategorie, wie Martin Kornberger, Wirtschaftswissenschaftler an der Copenhagen Business School, unterstreicht. Gefragt sind in der digitalen Welt individuelle Produkte, die vor allem durch Vernetzung hergestellt werden können. Die Norm verliert an Bedeutung. Noch sind Medien in einem alten Denken verfangen, worin Reichweite mit Relevanz verwechselt wird, wie es der Tech-Blogger Sascha Pallenberg auf den Punkt bringt.

Relevant werden journalistische Leistungsangebote, wenn sie beim Rezipienten Nutzen erzeugen. Nutzen entsteht dann, wenn journalistische Leistungsangebote die Rezipienten in die Lage versetzen, differenzierte Bewertungen vornehmen zu können, ihre Rezipienten irritieren können. Nur so können Innovationen entstehen. Dazu müssen sich die Medien, ob Fach- oder Massenmedien, zumindest in dem Teil, in dem sie Wissen bereitstellen wollen, der Individualisierung und der Personalisierung stellen. Eine Produktionswirtschaft, die sich der Personalisierung verweigert oder das Individuum nicht vorstellen kann, wird verschwinden.

Nicht Reichweite, sondern Relevanz, nicht Information, sondern Wissen sind die Leitplanken im digitalen Zeitalter. Das fordert einen kompetenten, kreativen, konstruktiven, kritischen und kommunikativen Journalismus. Entsteht beim Rezipienten Nutzen, so ist dieser auch bereit, dies zu entlohnen. Ob das dann einheitlich geschieht oder gestaffelt nach dem jeweiligen Nutzen sei dahingestellt. Vielleicht hilft hier auch ein Blick auf den angloamerikanischen Journalismus, der viel meinungsfreudiger ist, Freigabeprocedere bei Interviews etc. kaum oder nicht kennt.

Stimmungsfunktion

Es fehlt noch die letzte Medienfunktion für Entscheider: der Gefühlsraum. Oben wurde der Effekt von Digitalisierung beschreiben, der in Individualisierung und damit auch in eine Isolation führt. Diese braucht den Gegenpol der Gemeinschaft. Diese Funktion können Medien, Fachmedien durch ihren schärferen Zielgruppenzuschnitt besser als Massenmedien, durch das Bilden von Communities erfüllen. Für Entscheiderinnen und Entscheider bieten Medienangebote auch einen Raum für Vergewisserung, Sinnstiftung oder Stimmungsregulation. Dies kann über Onlinecommunities oder Events gerade auch von Fachmedien geleistet werden, da der Kontakt zu den Rezipienten traditionell enger ist.

Fazit

Trotz aller Skepsis gegenüber akademischen Kreisen, die schnell eine Wende nach der anderen diagnostizieren, ist angesichts der Veränderungen, die Digitalisierung sowohl in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft als auch bei den Individuen auslöst, von einer Wende zu sprechen. Der veränderte Blick auf das Subjekt, seine Erfahrungswelten, die Wahrnehmung von Zeit, die realen Auswirkungen von virtuellen Artefakten lassen sich unter dem Begriff Digital Turn subsummieren.

Diese Wende beschreibt auch den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft, in der Medien und die journalistischen Leistungsangebote eine zentrale Rolle spielen. Medienleistungen sind die Grundlage für die Wahrnehmung von Trends und Zusammenhängen, sie ermöglichen die Wahrnehmung von Konkurrenz und sind so Voraussetzung für Innovation, Verbesserung und das Entstehen neuer Märkte. Medien sind auch die Plattform, die Entwicklungen thematisiert, die einer gesellschaftlichen und in der Folge politischen Entscheidung bedürfen. Jeff Bezos (Amazon), Bill Gates (Microsoft), Dag Kittlaus (Apple/Siri-Erfinder), Elon Musk (PayPal), Larry Page und Sergey Brin (Alphabet/Google), Mark Zuckerberg (Facebook), sie sind äußerst erfolgreiche Entwickler und /oder Chefs von Technologieunternehmen.

Sie haben neben ihrer Unternehmertätigkeit auch eine politische Position und Mission. Tech-Visionäre, die getragen von einem unerschütterlichen Fortschrittsglauben auch die Welt verbessern wollen, so die Journalistin Alexandra Riegler. Anlass genug, dass Technikvisionen thematisiert und vor allem gesellschaftlich und politisch diskutiert werden - zumindest, wenn die bereits oben beschriebenen Entwicklungen der Sprachassistenzsysteme ernst genommen werden.

Die Akteure in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sind auf journalistischen Leistungsangebote angewiesen, die jenseits der Algorithmen kreativ Quellen identifizieren, kompetent Zusammenhänge analysieren, kritisch und konstruktiv neue Perspektiven aufzeigen, diese mit identifizierbaren Meinungen vertreten und zielgruppengerecht kommunikativ aufbereiten. Das ist auch die Versicherung gegenüber einer Automatisierung des Journalismus. Roboterjournalismus kann Breaking News, Produktmeldungen, Börsen- und Sportnachrichten sowie klassische Informationen schneller als im Sekundentakt produzieren.

Algorithmen sind effizient aber in der Echohöhle gefangen. Ein journalistisches Leistungsangebot stellt Zusammenhänge her, die nicht so offensichtlich aber vielleicht entscheidend für das Verständnis von Akteuren und Aktionen sind. Ein Beispiel? Das Silicon Valley gilt als die Zukunftswerkstatt der USA, vielleicht der Welt. Die Entwicklungen von Google und die Geschäftspraktiken werden bestaunt und die Welt rätselt über die Erfolgsfaktoren. In einem Buch wird die heutige Yahoo-Chefin und ehemalige Google-Mitarbeiterin Marissa Mayer so zitiert: „Sie verstehen Google nicht, wenn Sie nicht wissen, dass Larry Page und Sergey Brin Montessori-Kinder sind.“ Irritiert? Gut so!

* Prof. Volker M. Banholzer leitet den Studiengang Technik­journalismus/Technik-PR an der Technischen Hochschule Nürnberg

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