English China

Wachstum von Bäumen Warum der Wald nur nachts wächst

Autor / Redakteur: Michèle Kaennel Dobbertin* / Dr. Ilka Ottleben

Bäume wachsen – das ist die landläufige Meinung – so vor sich hin. Langsam und kontinuierlich. Weit gefehlt wie eine Studie der Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in der Schweiz nun herausgefunden hat. Vielmehr bevorzugen Bäume die Nacht für ihr Wachstum und auch die nicht immer.

Firmen zum Thema

Bäume wachsen keineswegs kontinuierlich den ganzen Tag. Vielmehr bevorzugen sie die Nacht, um an Größe zuzulegen. (Symbolbild)
Bäume wachsen keineswegs kontinuierlich den ganzen Tag. Vielmehr bevorzugen sie die Nacht, um an Größe zuzulegen. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Birmensdorf/Schweiz – Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Bäume mehrheitlich tagsüber wachsen. Eine Studie unter Leitung der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL hat nun gezeigt, dass das Wachstum von Bäumen vor allem im Dunkeln stattfindet, weil es bei Sonnenlicht durch die trockenere Luft gehemmt wird, selbst bei feuchten Bodenverhältnissen. Daher wachsen Bäume nur für eine geringe Anzahl von Stunden pro Tag und dies auch nur an vergleichsweise wenigen Tagen pro Jahr. Diese Erkenntnis könnte die Art und Weise verändern, wie wir die Auswirkungen des Klimawandels auf Wälder betrachten, insbesondere für die Vorhersage der Kohlenstoffspeicherung von Bäumen.

Bäume bilden neue Zellen, indem sie die Kohlenhydrate nutzen, welche die Blätter und Nadeln im Rahmen der Photosynthese mit Hilfe des in der Luft vorhandenen Kohlendioxids produzieren. Es ist jedoch nicht primär die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten, die das Wachstum begrenzt, sondern die Saugspannung des Wassers im Baum, das sogenannte Wasserpotenzial, wie dies eine kürzlich in der Zeitschrift New Phytologist veröffentlichte Studie zeigt. Das internationale Forscherteam um Roman Zweifel von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL ist zu dem überraschenden Ergebnis gekommen, dass Bäume überwiegend in der Nacht wachsen und dass dieser Trend vor allem durch die Luftfeuchtigkeit erklärt wird, die nachts höher ist als tagsüber.

Dickenwachstum von Bäumen – stündlich erfasst

In der weltweit ersten umfassenden Studie zum Dickenwachstum von Baumstämmen mit einer stündlichen Datenauflösung analysierten die Forschenden Daten, die bis zu 8 Jahre an 170 Buchen, Fichten und anderen häufigen Baumarten an 50 Standorten in der ganzen Schweiz aufgezeichnet wurden (> 60 Mio. Datenpunkte). An der Studie waren Forschende der ETH Zürich, des Instituts für Angewandte Pflanzenbiologie IAP, sowie weiterer Forschungseinrichtungen aus der Schweiz und Europa beteiligt.

Punktdendrometer an einem Stamm zur Messung von kontinuierlichen Stammradiusänderungen mit Mikrometerauflösung. Die Daten liefern Informationen zum Wachstum und zum Wasserhaushalt von Bäumen.
Punktdendrometer an einem Stamm zur Messung von kontinuierlichen Stammradiusänderungen mit Mikrometerauflösung. Die Daten liefern Informationen zum Wachstum und zum Wasserhaushalt von Bäumen.
(Bild: Roman Zweifel / Eidg. Forschungsanstalt WSL)

Die untersuchten Standorte sind Teil von TreeNet. In diesem Netzwerk erheben Forschende seit 2011 in Schweizer Wäldern neben Informationen über die Trockenheit von Luft (Dampfdruckdefizit, VPD) und Boden (Bodenwasserpotenzial) auch automatisiert die Radiusänderungen von Baumstämmen mit hochpräzisen Punktdendrometern.

Die Daten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit des Baumwachstums über die 24 Stunden eines Tages stark variiert: Der Radius von Stämmen schrumpft und dehnt sich unter dem Einfluss von Wasserstress in einem Bereich von 1-200 Mikrometer pro Tag. Diese Schwankungen werden vom Wachstum von Holz- und Rindenzellen, das durchschnittlich etwa 1-5 Mikrometer pro Stunde beträgt, überlagert.

Luftfeuchtigkeit ist der Schlüssel zum Baumwachstum

Das Forscherteam kam zu dem Schluss, dass die Luftfeuchtigkeit eine Schlüsselrolle spielt, da sie das Wachstum hauptsächlich in der Nacht ermöglicht. In ihrer Studie schränkte ein hohes VPD (trockene Luft) tagsüber das Dickenwachstum stark ein, außer am frühen Morgen. „Die größe Überraschung für uns war, dass die Bäume sogar in mäßig trockenen Böden wuchsen, sofern die Luft ausreichend feucht war. Umgekehrt blieb das Wachstum sehr gering, obwohl der Boden feucht, zeitgleich die Luft aber trocken war", erinnert sich Roman Zweifel, der Studienleiter von der WSL.

Warum Bäume nachts wachsen, zeigt auch dieses Video ((c) WSL):

Sobald die Luft trockener wird, verlieren die Bäume vorübergehend mehr Wasser durch Transpiration, als sie über ihre Wurzeln aufnehmen können. Der gesamte Baum gerät unter Spannung, das Stammwasserpotenzial sinkt, und sein Wachstum stoppt, unabhängig von der Verfügbarkeit von Kohlenhydraten. „Mit anderen Worten: Bäume hören auf zu wachsen, bevor die Photosynthese gehemmt wird“, fasst Roman Zweifel zusammen. Das könnte zum Beispiel erklären, warum Bäume in trockeneren Umgebungen zwar noch Kohlenhydrate speichern, aber kaum noch wachsen.

Neue Sicht auf Kohlenstoffdynamik von Wäldern

Diese Studie zeigt, dass Bäume nur während eines engen Zeitfensters von wenigen Stunden innerhalb der 24-Stunden eines Tages und somit nur während einer begrenzten Zeit über die gesamte Vegetationsperiode wachsen (aufsummiert ca. 15-30 Tage je nach Baumart). Da Kohlenstoffgewinn (Photosynthese während des Tages) und Kohlenstoffverbrauch (Wachstum während der Nacht) zu anderen Tageszeiten stattfinden, reagieren diese zwei Prozesse auch unterschiedlich auf die dann herrschenden Witterungsbedingungen.

Bisher verwendete Klima-Waldentwicklungsmodelle hingegen beruhen nur auf dem Wissen aus hauptsächlich Jahresmittelwerten des Wachstums, gehen also auf die tageszeitlich unterschiedlich vorkommenden Prozesse nicht ein. Diese Erkenntnisse könnten die Art und Weise verändern, wie die Auswirkungen des Klimawandels auf Wälder zu beurteilen sind, insbesondere wenn es um langfristige Vorhersagen der Kohlenstoffspeicherung von Wäldern unter zunehmend trockeneren Bedingungen geht.

Originalpublikation: Zweifel, R.; Sterck, F.; Braun, S.; Buchmann, N.; Eugster, W.; Gessler. A.; Häni, M.; Peters, R. L.; Walthert, L.; Wilhelm, M.; Ziemińska, K.; Etzold, S., 2021: Why trees grow at night. New Phytologist doi:10.1111/nph.17552

* M. Kaennel Dobbertin: Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, 8903 Birmensdorf/Schweiz

(ID:47474152)