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Hund und Mensch Will oder kann er nicht? Hunde verstehen Intention des Menschen

Autor / Redakteur: Thomas Richter* / Dr. Ilka Ottleben

Einem Hund macht man nichts vor. Er erkennt mit welchen Absichten wir ihm begegnen und schätzt uns dementsprechend ein. Doch wie weit reicht diese Fähigkeit des Vierläufers sich in uns „hinein zu versetzen" wirklich? Ist er beispielsweise in der Lage, zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Verhalten unsererseits zu unterscheiden? Genau das haben Forscher aus Göttingen und Jena nun an 51 privaten Familienhunden untersucht.

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Hunden kann man nichts vormachen, heißt es. Sie durchschauen uns immer. Doch verstehen sie wirklich unsere Absichten? Das hat ein Forscherteam nun anhand von Verhaltensstudien untersucht.
Hunden kann man nichts vormachen, heißt es. Sie durchschauen uns immer. Doch verstehen sie wirklich unsere Absichten? Das hat ein Forscherteam nun anhand von Verhaltensstudien untersucht.
(Bild: ©tierfotosheinig - stock.adobe.com)

Göttingen – Menschen und Hunde blicken auf eine lange gemeinsame Vergangenheit zurück, in deren Verlauf Hunde spezielle Fähigkeiten entwickelt haben, um in der menschlichen Umgebung zu leben und eine Bindung zum Menschen zu entwickeln. Das Ausführen von Kommandos wie „Sitz“ und „Platz“ ist nur ein Beispiel für ihre Fähigkeit auf den Menschen adäquat zu reagieren.

Unklar ist jedoch, ob Hunde wirklich die Absichten des Menschen verstehen oder lediglich auf bestimmte Hinweisreize reagieren. Die Fähigkeit, die Intentionen anderer zu verstehen oder zumindest wahrzunehmen, ist eine Komponente der sogenannten „Theory of Mind“, also der Fähigkeit, mentale Zustände wie Wissen, Wünsche und Intentionen anderen zuzuschreiben. Theory of Mind wurde lange als eine einzigartige menschliche Fähigkeit betrachtet.

Frage der Studie war: Verstehen Hunde, wann Menschen absichtlich oder unabsichtlich handeln und verfügen damit über eine grundlegende Komponente der Theory of Mind? Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten die Wissenschaftler der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte Jena, wie Hunde reagieren, wenn ihnen Futter vorenthalten wurde, und zwar entweder absichtlich oder unabsichtlich. Sie fanden heraus, dass Hunde tatsächlich deutlich unterschiedliche Reaktionen zeigten.

Kann nicht oder will nicht?

Das Forschungsteam nutzte dazu den sogenannten „Unable vs. Unwilling“ Test, bei dem ein Mensch entweder zu etwas nicht fähig (unable) oder nicht willens ist (unwilling). Bei diesem Test wird untersucht, ob Tiere (oder Kinder) unterschiedlich auf eine Person reagieren, die ihnen eine Belohnung vorenthält. Dies tut die Person entweder absichtlich (weil sie nicht willens ist) oder unabsichtlich (weil sie nicht in der Lage dazu ist, die Belohnung zu übergeben). Obwohl dieser Test bereits etabliert ist – sowohl bei der Erforschung von Menschen als auch von Tieren – wurde er noch nie mit Hunden durchgeführt. Dabei sind gerade für Hunde die menschlichen Intentionen vermutlich relevanter als für jede andere Art.

Hund und Versuchsleiterin saßen auf gegenüberliegenden Seiten der Trennwand, durch deren Öffnung die Versuchsleiterin den Hund fütterte.
Hund und Versuchsleiterin saßen auf gegenüberliegenden Seiten der Trennwand, durch deren Öffnung die Versuchsleiterin den Hund fütterte.
(Bild: Katharina Schulte)

In der Studie wurden 51 private Familienhunde getestet. Jeder Hund durchlief drei Situationen. In jeder dieser Situationen waren Hund und Versuchsleiterin durch eine transparente Trennwand voneinander getrennt. Die Hunde lernten zunächst, dass die Versuchsleiterin ihnen immer durch eine Öffnung in der Trennwand einzelne Futterstücke gibt. In allen drei Varianten wurde dieser Fütterungsprozess dann unterbrochen und die Belohnungen blieben auf dem Boden vor der Versuchsleiterin liegen.

Die Hunde erhielten Futterstücke durch die Öffnung in der Trennwand, bis die Versuchsleiterin die Futterstücke plötzlich absichtlich oder unabsichtlich nicht mehr fütterte.
Die Hunde erhielten Futterstücke durch die Öffnung in der Trennwand, bis die Versuchsleiterin die Futterstücke plötzlich absichtlich oder unabsichtlich nicht mehr fütterte.
(Bild: Josepha Erlacher)

In der „Will nicht“-Situation zog die Versuchsleiterin das Futterstück in einer absichtlichen Bewegung zurück und legte es vor sich auf den Boden. In der „Kann-nicht-ungeschickt“-Variante versuchte die Versuchsleiterin, das Futter durch die Öffnung zu reichen, scheiterte dann aber, weil sie zu ungeschickt war, und die Belohnung fiel „aus Versehen“ vor ihr auf den Boden. In der dritten Variante „Kann-nicht-blockiert“ scheitert die Versuchsleiterin, weil die Öffnung in der Trennwand plötzlich geschlossen worden war.

Unterscheiden Hunde zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Verhalten?

„Wenn Hunde den Menschen tatsächlich Absichtlichkeit zuschreiben können“, so Dr. Juliane Bräuer vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, „würden wir erwarten, dass sie eine andere Reaktion bei der ,Will-nicht‘-Variante als die bei der ,Kann-nicht‘-Variante zeigen. Und dies war tatsächlich der Fall.“ Als erste Reaktion erfassten die Wissenschaftler, wie lange die Hunde warteten, bevor sie sich der zuvor verwehrten Belohnung näherten – indem sie um die Absperrung herumliefen.

Die Hunde liefen schneller um die Trennwand herum um die Futterstücke zu erreichen, wenn diese unabsichtlich nicht gegeben wurden als wenn sie ihnen absichtlich vorenthalten wurden.
Die Hunde liefen schneller um die Trennwand herum um die Futterstücke zu erreichen, wenn diese unabsichtlich nicht gegeben wurden als wenn sie ihnen absichtlich vorenthalten wurden.
(Bild: Josepha Erlacher)

Die Hypothese war folgende: Wenn Hunde menschliche Absichtlichkeit erkennen können, dann sollen sie länger warten, bevor sie sich der willentlich verwehrten Belohnung nähern. Bei dem Futter, das die Versuchsleiterin ihnen eigentlich geben wollte, aber nicht konnte, gibt es hingegen keinen Grund zu zögern.

Tatsächlich warteten die Hunde länger in der „Will nicht“-Situation als in beiden „Kann nicht“-Situationen. Außerdem zeigten sie auch weitere Verhaltensunterschiede zwischen den einzelnen Varianten. In der „Will nicht“-Situation setzten oder legten sie sich mit größerer Wahrscheinlichkeit hin – beides Handlungen, die oft als Beschwichtigungsverhalten interpretiert werden. Außerdem hörten sie auf, mit dem Schwanz zu wedeln, wenn ihnen das Futter willentlich verwehrt wurde.

„Die Hunde in unserer Studie reagierten eindeutig verschieden, je nachdem, ob die Versuchsleiterin absichtlich oder unabsichtlich gehandelt hat“, sagt Dr. Britta Schünemann, Erstautorin von der Universität Göttingen. „Das deutet darauf hin, dass Hunde tatsächlich in der Lage sein könnten menschliche Absichtlichkeit zu erkennen“, fügt Co-Autor Prof. Dr. Hannes Rakoczy hinzu.

Ergebnisse unter Vorbehalt zu interpretieren

Das Team gibt zu bedenken, dass ihre Ergebnisse unter Vorbehalt interpretiert werden müssen. Weitere Forschung ist notwendig, um Alternativerklärungen auszuschließen. Zum Beispiel könnten die Hunde unbewusste Hinweise im Verhalten der Versuchsleiterin genutzt haben. Vermutlich spielt auch die persönliche Erfahrung der getesteten Hunde eine Rolle.

Originalveröffentlichung: Britta Schünemann, Judith Keller, Hannes Rakoczy, Tanya Behne, & Juliane Bräuer: Dogs distinguish human intentional and unintentional action. Scientific Reports (2021). Doi: https://doi.org/10.1038/s41598-021-94374-3

* T. Richter: Georg-August-Universität Göttingen, 37073 Göttingen

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