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Länderreport Hongkong Zukunft der Chemieindustrie steht auf wackeligen Beinen

Autor / Redakteur: Achim Haug, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Die Chemieindustrie Südchinas blickt in eine unsichere Zukunft. Die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise waren bereits 2010 überwunden. Doch die Kosten steigen stetig und viele Exportbetriebe mit dünner Kapitaldecke mussten die Fabriktore schließen oder verlagerten die Produktion ins chinesische Inland und in andere Länder.

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(Bild: wikimedia commons)

Hongkong – Die Sonderverwaltungsregion (SVR) Hongkong versorgt die benachbarte südchinesische Chemieindustrie mit den wichtigsten Vorprodukten. Hersteller von Kunststofferzeugnissen bilden die mit Abstand bedeutendste Abnehmergruppe. Für diese Produzenten entwickelte sich das Jahr 2011 verhalten.

Hongkong ist ein wichtiger Absatzmarkt für Arzneimittel und Kosmetika. Die Brancheneinfuhren aus Deutschland nach Hongkong stiegen 2011 nur um 2,3%, nachdem 2010 noch ein Plus von 17% erreicht werden konnte.

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Marktentwicklung/-bedarf

Branchenkenner erwarten unterschiedliche Entwicklungen. Unternehmen, die vor allem für den Export produzieren, müssen mit niedrigen Wachstumsraten rechnen.

Der chinesische Binnenmarkt dürfte sich hingegen sehr lebhaft entwickeln. Auch zwischen den einzelnen Sparten gibt es Unterschiede. Gerade für die Hersteller von Kunststoffprodukten, die die größte Gruppe in der südchinesischen Chemieindustrie stellen, entwickelte sich das wirtschaftliche Umfeld 2011 verhalten. Die weltwirtschaftlichen Unsicherheiten stellen die Branche dabei vor besondere Herausforderungen, da Kunststoffe für viele Exportprodukte benötigt werden.

Die im Durchschnitt kleinen Betriebe arbeiten häufig an der Gewinngrenze und sind von den klassischen Kreditversorgungskanälen abgeschnitten. Bereits 2010 war die Anzahl der mittleren bis großen Hersteller in Guangdong um 8% gefallen.

Zahlreiche Betriebe aus Abnehmerbranchen wie der Textil- und Spielzeugindustrie sind in den letzten Jahren bereits abgewandert. An ihre Stelle sollen nach dem Willen der Provinzregierung Sparten mit höherer Wertschöpfung treten. So genießt die Petrochemie im Rahmen der strategischen Wirtschaftsplanung Priorität, wird aber aufgrund der Umweltauswirkungen zwiespältig gesehen. Daneben sollen die Hersteller von Kosmetika und pharmazeutischen Produkten gefördert werden. Doch die industrielle Umstrukturierung braucht Zeit, und das Geschäft mit Kunststoffen dürfte mittelfristig dominant bleiben.

Neben den Herstellern von Kunststoff- und Gummierzeugnissen fragen viele weitere Branchen große Mengen Kunststoffe (zumeist in Primärform) sowie Lacke und Farben nach. Dazu gehört in erster Linie die Komsumelektronik. Ein Großteil der landesweit erzeugten Waren stammt aus Guangdong.

Bei Telefonen und Hifi-Anlagen lag die Quote 2009 bei jeweils 90%. Besonders dynamisch hat sich der Bereich Haushaltselektrogeräte entwickelt. Viele Unternehmen produzieren bereits erfolgreich unter ihrer eigenen Marke und haben ihren Umsatz in den letzten Jahren kräftig gesteigert. Die Wertschöpfung innerhalb der Branche ist hoch, da zahlreiche Komponenten selbst gefertigt werden. Darum will die Regierung in Guangzhou sie weiter fördern.

Die südchinesische Automobilindustrie befindet sich auf Expansionskurs. Bereits 2011 lag der Pkw-Ausstoß bei 1,7 Mio. Einheiten, und in den nächsten Jahren kommen zahlreiche neue Werke hinzu. Die Nachfrage nach hochwertigen Kunststoffen dürfte daher stetig zulegen.

Hongkong ist ein wichtiger Absatzmarkt für Kosmetika und pharmazeutische Produkte. Der Einzelhandelsumsatz mit Kosmetika und Medikamenten (werden zusammen erfasst) stieg 2011 laut dem Statistikamt nominal um 21,3% auf 3,8 Mrd. US$. Angetrieben wird der Bedarf durch steigende Einkommen, die Alterung der Gesellschaft und die wachsende Anzahl chinesischer Touristen. Diese setzen auf das verlässliche Angebot und die zum Teil größere Auswahl in der SVR.

Produktion/Branchenstruktur

In Hongkong stellen traditionell nur wenige Firmen chemische Erzeugnisse her. Lediglich einige Pharmaproduzenten erzeugen in großen Mengen preiswerte Generika für die öffentlichen Krankenhäuser.

In der benachbarten südchinesischen Provinz Guangdong existiert dagegen eine große - aber nicht sehr breit gefächerte - Chemieindustrie. Insgesamt gab es dort im Jahr 2010 knapp 8.000 größere Branchenunternehmen (Jahresumsatz: ab circa 750.000 US$), die zusammen 1,4 Mio. Menschen beschäftigten.

Die Hersteller von Kunststoffprodukten bilden die wichtigste Sparte. Zumeist handelt es sich aber um weniger kapitalintensiv produzierende Firmen, die stark von Zulieferungen abhängen und Hongkonger Eigentümer haben. Sie führen rund 70% aller Beschäftigten der Chemieindustrie auf ihren Lohnlisten und stellen knapp 60% der Unternehmen. Beim Ausstoß liegt die Quote dagegen bei unter einem Drittel. In nahezu allen Sektoren wurde 2010 mehr investiert, nur bei Chemiefasern sanken die Investitionen gegenüber 2009.

Die Versorgung mit den Grundstoffen der Chemieindustrie soll in Südchina ausgebaut werden. Die Petrochemie, die aus rund 100 meist großen und sehr kapitalintensiven Betrieben besteht, bekommt daher Zuwachs. Die Betriebe liegen am Rande des Perlflussdeltas, dem ökonomischen Zentrum Südchinas. Nachdem jahrelang kein neues Projekt mehr in Guangdong auf den Weg gebracht wurde, überschlugen sich Anfang 2012 die Meldungen. Dabei kommen bei zwei Großprojekten ausländische Partner zum Einsatz, die jeweils die Versorgung mit dem Grundstoff Öl sicherstellen.

Die Regierung in Guangzhou hat die Petrochemiesparte zu einer Schlüsselindustrie ausgerufen und sich im "Guangdong Development Plan 2008 to 2020" eine aktivere Politik zur Industrieansiedlung vorgenommen. Allerdings sind in den vergangenen Jahren trotz hoher Nachfrage keinen neuen Kapazitäten entstanden.

Ende April 2012 war Grundsteinlegung für eine Raffinerie, die das Joint Venture von China National Petroleum Corp. (CNPC) mit Petroleos de Venezuela in Jieyang (Huilai) baut. Bis 2016 entstehen Gesamtkapazitäten von 400.000 Barrel pro Tag. Die Produktion soll 2014 beginnen. Bis dahin ist geplant, 57 Mrd. Renminbi Yuan (RMB; knapp 6,9 Mrd. Euro; durchschnittlicher Devisenkurs Januar bis Ende April 2012: 1 Euro = 8,27 RMB) zu investieren. Neben 50 Mio. t Raffineriekapazitäten soll 1 Mio. t Ethylen pro Jahr erzeugt werden.

Aus Kuwait kommt das Öl für das zweite Projekt beim Tiefseehafen Zhangjiang. Für 9 Mrd. US$ werden dort von Kuwait Petroleum Corp. und Sinopec eine Raffinerie für 300.000 Barrel pro Tag und ein 1-Mio.-t-Ethylenkomplex errichtet, der die Kunststoff-, Kunstfaser- und Gummiherstellung versorgen wird. Geplanter Produktionsstart ist 2015. Auch die Sinopec-Raffinerie in der Hafenstadt Maoming wird ausgebaut beziehungsweise verbessert. Sie ist eine der fortschrittlichsten Anlagen von Sinopec mit derzeit 13,5 Mio. t/Jahr Kapazität.

Auch die China National Offshore Oil Corporation CNOOC will nicht zurückstehen und plant für die Raffinerie in Huizhou eine Phase 2, in der bis 2014 die jährliche Kapazität um weitere 10 Mio. t gesteigert werden soll.

Außenhandel

Die Chemieindustrie Guangdongs produziert überwiegend für den einheimischen Bedarf, muss jedoch große Mengen an Chemikalien einführen. Das Gros davon importiert Guangdong über den Hafen Hongkong. Im Jahr 2011 waren es Branchenprodukte im Wert von 24,4 Mrd. US$, was einem Zuwachs von rund 25% entsprach.

Die Einfuhren schwächten sich im Jahresverlauf jedoch ab. Auch Anfang 2012 hielten sich die Firmen mit Bestellungen zurück und die Importe sanken um 10,5% im 1. Quartal 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Einige Kommentatoren gehen von einer Erholung aus, falls die Wirtschaft bereits die Talsohle überschritten haben sollte. Darauf deuten verschiedene Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex hin.

Mehr als 80% der Brancheneinfuhren sind traditionell nichtchinesischen Ursprungs. Davon sind wiederum etwa drei Viertel zum Weitertransport in die VR China bestimmt. Der Rest (zumeist Kosmetika, Arzneimittel, Farben und Lacke für die Bauindustrie sowie chemische Grundstoffe für die Pharmaziebranche) bleibt in Hongkong. Die Brancheneinfuhren aus Deutschland stiegen 2011 nur um 2,3%, nachdem 2010 noch ein Plus von 17% erreicht werden konnte.

Kunststoffe machen über die Hälfte des Hongkonger Chemiehandels aus. Deutschland liegt in dieser Sparte nur auf den mittleren Rängen der Importstatistik. Die Entwicklung der anderen Produktgruppen war dabei gemischt.

Bei Arzneimitteln erreichten deutsche Hersteller Platz fünf und konnten 2011 die Einfuhren um 29,2% steigern. Allerdings brachten sie es nur auf einen Lieferanteil von knapp 7%, da der Markt stark zersplittert ist. Bezüge organischer Erzeugnisse gingen dagegen um 21,7% auf 49 Mio. zurück, im 1. Quartal 2012 sah es noch schlechter aus. In der Kategorie "Farben und Lacke" lag Deutschland mit einer Quote von 8,5% an vierter Stelle.

Geschäftspraxis

Informationen über technische Standards in Hongkong können beim Product Standards Information Bureau (PSIB) eingeholt werden. Hongkong erhebt weder Zölle noch eine Mehrwertsteuer. Dennoch sind sämtliche eingeführten Waren bei der Zollverwaltung in elektronischer Form anzumelden. Hierzu stehen als Dienstleister die Global e-Trading Services Ltd oder die Tradelink Electronic Commerce Ltd zur Wahl.

Für die übrige VR China gelten abweichende Regelungen.

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in Hongkong finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

* Quelle: Germany Trade and Invest

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