Der Arktische Ozean galt lange Zeit als entlegener und nahezu unberührter Raum. Doch Messungen zeichnen ein anderes Bild: Das Nordpolarmeer nimmt einen großen Teil des vom Menschen in Umlauf gebrachten Bleis aus dem Nordatlantik auf.
Der Einsatz des Forschungseisbrechers „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts war unerlässlich für die Probennahme und zur Beurteilung des Bleieintrags aus dem Nordatlantik in den Arktischen Ozean.
(Bild: Stephan Krisch/TU Braunschweig)
Das Nordpolarmeer wirkt unberührt, ist es aber nicht. Menschengemachte Emisssionen finden ihren Weg bis in entlegenste Gebiete, ob es sich dabei um Mikroplastik handelt oder wie jetzt eine aktuelle Studie belegt um Blei: An einigen Stellen ist die Konzentration des giftigen Schwermetalls im Meeresboden so hoch, dass bodenlebende Organismen geschädigt werden könnten. Der Klimawandel und der damit einhergehende Verlust des Meereises bergen zudem die Gefahr, dass bleihaltige Sedimente zu einer Quelle von hochgiftigem, gelöstem Blei werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Technischen Universität Braunschweig, des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und weiterer internationaler Partner, die jetzt in „Nature Communications“ veröffentlicht wurde.
Blei ist ein giftiges Schwermetall, das sich im menschlichen Körper anreichert, das Nervensystem schädigt und Krebserkrankungen verursachen kann. Seit Beginn der Industrialisierung gelangen tausende Tonnen von Blei in die Atmosphäre, und das jährlich. Vor allem durch verbleites Benzin kam es im 20. Jahrhundert zu einem dramatischen Anstieg der Emissionen, sodass jährlich hunderttausende Tonnen des Schwermetalls in die Atmosphäre gelangten.
Der Nordatlantik ist stark von den Bleiemissionen der Vergangenheit betroffen. Dies liegt an seiner Nähe zu den großen Emissionshotspots in Nordamerika und Europa. Der Wind transportierte die Bleibelastung von den Kontinenten über das offene Meer. Ein großer Teil dieses atmosphärischen Bleis lagerte sich schließlich im Ozean und seinen Sedimenten ab. Die Rolle der Meeresströmungen beim Transport des Bleis aus dem Atlantik in benachbarte Ozeanbecken wie den „unberührten” Arktischen Ozean blieb jedoch aufgrund fehlender Bleimessungen in arktischen Gewässern bislang unklar.
LP-Info: Bleiemissionen
Blei (Pb) ist ein giftiges Element ohne bekannte biologische Funktion. Obwohl seine Gefahren für die Gesundheit bereits seit der Römerzeit bekannt sind, haben Menschen durch die Verhüttung von Metallen Millionen Tonnen Blei in die Atmosphäre abgegeben, insbesondere seit der industriellen Revolution. Die größten Bleiemissionen stammen jedoch aus der Verbrennung von verbleitem Benzin im 20. Jahrhundert, als Tetraethylblei dem Benzin zugesetzt wurde, um die Effizienz von Motoren zu steigern. In den 1960er- und 1970er-Jahren, als der Verbrauch von verbleitem Benzin seinen Höhepunkt erreichte, wurden jährlich hunderttausende Tonnen Blei in die Atmosphäre ausgestoßen. Dies führte zu einer weitreichenden Kontamination von Land und Wasser, die selbst in den entlegensten Regionen der Erde nachweisbar ist, sogar in den Tiefseegewässern und deren Sedimenten sowie im Eis der Arktis und Antarktis.
Expeditionen durch die arktisch-atlantischen Meerengen
Im Rahmen einer internationalen Initiative führten 2015 und 2016 drei Expeditionen mit dem deutschen Forschungseisbrecher „Polarstern“ und dem kanadischen Küstenwachschiff „Amundsen“ durch die arktisch-atlantischen Meerengen. Dank dieser Expeditionen konnten Wissenschaftler nun erstmals eine quantitative Schätzung des Bleieintrags aus dem Atlantik in die Arktis vorlegen. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass sich im Arktischen Ozean verstärkt vom Menschen verursachte Blei-Emissionen sammeln.
Die Probennahme auf See erfordert spezielles Equipment, dass gänzlich auf Metall verzichtet, wie diese spurenmetall-freien Probennahme-Flaschen, die an einem Teflon-beschichteten Gestell montiert sind.
(Bild: Stephan Krisch/TU Braunschweig)
Ein Großteil der Proben wurden in der Framstraße zwischen Spitzbergen und Nordost-Grönland genommen, wie hier auf dem nordost-grönländischen Schelf, wo die Wetter- und Eisbedingungen unerwartet gut waren.
(Bild: Stephan Krisch/TU Braunschweig)
Dr. Stephan Krisch vom Institut für Geoökologie der TU Braunschweig ermittelte auf der Grundlage der Ergebnisse eines internationalen Wissenschaftlerteams, das im Rahmen des GEOTRACES-Konsortiums arbeitet, nun den Bleifluss in den Arktischen Ozean. „Wir waren überrascht von der Menge an Blei, die aus dem Atlantik in den Arktischen Ozean gelangt“, sagt Dr. Stephan Krisch, Erstautor der kürzlich in „Nature Communications“ veröffentlichten Studie. „Erstaunlich war für uns, dass dieser Bleieintrag noch Jahrzehnte nach dem Ende der Verwendung von verbleitem Benzin in Europa und Nordamerika mit dem größtenteils natürlichen Eintrag von Blei durch Flüsse mithalten kann. Dieser natürliche Eintrag erfolgt beispielsweise durch die Verwitterung von Gesteinen oder durch Mineralien. Wir hatten erwartet, dass der Nettozufluss aus dem Atlantik deutlich geringer ist als der Flusseintrag, weil die Löslichkeit von Blei im Meerwasser um den Faktor 30-100 schlechter ist, als die Löslichkeit von Blei in Flusswasser.“
Stand: 08.12.2025
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Die Autoren schätzen, dass der Arktische Ozean zwischen 1970 und 2015 einen Nettozufluss von 75.000 Tonnen Blei, das von Menschen in Umlauf gebracht wurde, aus dem Nordatlantik erhalten haben könnte. „Dieser Bleieintrag macht den Arktischen Ozean zwar nur zu einer kleineren Senke im Vergleich zu den Hunderttausenden Tonnen Blei, die sich im Nordatlantik abgelagert haben. Jedoch erklärt er die großflächige Kontamination der arktischen Tiefseesedimente mit Blei, die an einigen Stellen Werte erreicht, die für bodenlebende Organismen schädlich sein können.“
„Fingerabdruckmethode“ mit hochpräzisen Messungen
Günstige Wetterbedingungen ermöglichten dem GEOTRACES-Team auch die Beprobung von Gletscherschmelzwasser, wie hier am „79°N Gletscher“, der die größte schwimmenden Eiszunge des Grönländischen Eisschild hat.
(Bild: Stephan Krisch/TU Braunschweig)
Dass diese Bleibelastung tatsächlich auf durch Menschen verursachte Emissionen in Nordamerika zurückzuführen ist, konnte am Imperial College London durch die sogenannte „Fingerabdruckmethode“ anhand von Blei-Isotopen sowie durch Blei-Isotopenmessungen im Meerwasser nachgewiesen werden. Dr. Arianna Olivelli, Mitautorin der Studie: „Hochpräzise Messungen der Blei-Isotopenzusammensetzung sind zwar mühsam, ermöglichen es uns aber, nicht nur zwischen natürlichen und anthropogenen Quellen zu unterscheiden, sondern auch den relativen Beitrag anthropogener Bleiemissionen aus verschiedenen Ländern zu ermitteln. Dies ist möglich, da die weltweite Produktion von Tetraethylblei, das in verbleitem Benzin verwendet wurde, nur auf wenigen Bleierzen mit einzigartigen geologischen Merkmalen beruhte.“
Die Messung von Blei und Blei-Isotopen in Meerwasser ist äußerst anspruchsvoll, da die Bleikonzentrationen in der Regel im Nanogramm-pro-Liter-Bereich liegen. Dies erfordert spezielle Probenahmegeräte und Analysetechniken, um eine Kontamination und Fehlinterpretation der Ergebnisse durch das allgegenwärtige Vorkommen von Blei in der Umwelt zu verhindern. Die Technologie zur präzisen Messung der Bleikonzentrationen im Ozean ohne Kreuzkontamination durch Geräte wurde erst in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt – dank der Fortschritte in der analytischen Chemie und global einheitlicher Standards, wie sie beispielsweise von GEOTRACES festgelegt wurden.
Auswirkungen des Klimawandels
„Ohne starke Partner wie das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, das NIOZ Royal Netherlands Institute for Sea Research und das Imperial College London sowie deren Fachwissen, Schiffszeit und Laborkapazitäten wäre diese Forschung nicht möglich gewesen“, fasst Professor Harald Biester, Leiter der Abteilung für Umweltgeochemie an der TU Braunschweig, zusammen. „Solche Kooperationen sind auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil, da unser Institut die Meeresforschung vorantreibt, um die menschlichen Emissionen und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit der Ozeane besser zu verstehen.“
„Wir hoffen, dass sich zukünftige Expeditionen mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Bleikreislauf in der Arktis befassen werden“, fügt Dr. Stephan Krisch hinzu. „Der rasante Verlust von Meereis und die Zunahme von Sedimenterosion auf dem Schelf können die erneute Freisetzung von Blei aus arktischen Sedimenten begünstigen – mit noch unbekannten Folgen für den Bleigehalt im Meerwasser und in der marinen Biodiversität der Arktis.“