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Tiefseeforschung der Senckenberg Gesellschaft Einer unserer letzten Horizonte - ungewöhnliche Einblicke in die unbekannte Welt der Tiefsee

| Autor / Redakteur: Kerstin Pingel* / Marion Henig

Die Ausstellung „Tiefsee“, die die Senckenberg Gesellschaft gemeinsam mit dem Naturkundemuseum Basel ausgerichtet hat, vermittelt noch bis Ende September im Londoner Natural History Museum auf beeindruckende Weise aktuelle Forschungsergebnisse aus der Welt der Tiefsee. Wir sprachen hierzu mit Professor Michael Türkay, dem stellvertretender Direktor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, über Ökosysteme, die nichts mit Licht und grünen Pflanzen zu tun haben und über die technischen Herausforderungen an das Forschungsequipment.

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Prof. Michael Türkay an Bord der Meteor. Er ist Leiter der Abteilung Marine Zoologie und der Sektion für Crustaceen und stellvertretender Direktor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
Prof. Michael Türkay an Bord der Meteor. Er ist Leiter der Abteilung Marine Zoologie und der Sektion für Crustaceen und stellvertretender Direktor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
( Archiv: Vogel Business Media )

Laborpraxis: Die Ausstellung „Tiefsee“, die derzeit in London zu sehen ist, war in Frankfurt am Main und in Berlin ein großer Erfolg. Professor Türkay, wie erklären Sie sich das große Publikumsinteresse?

Prof. Michael Türkay: Die Schau hat erfolgreich vermittelt, dass die Tiefsee einer unserer letzten Horizonte ist. Die Leute waren sehr gespannt auf diese Welt, die uns so völlig unbekannt und rätselhaft ist. Auch die Technikfaszination hat viel zum Erfolg der Ausstellung beigetragen. Wir haben zeigen können, wie uns die moderne Technik plötzlich eine ganz neue Welt erschließt: Wir sind jetzt in der Lage, uns in die Tiefsee hineinzubegeben und dort Proben zu nehmen und zu experimentieren. Mit der modernen Transponder-Technologie und der Ortung können wir Punkte im riesigen Ozean metergenau wiederfinden.

Laborpraxis: Was zählt für Sie zu den wichtigsten Ergebnissen der Tiefseeforschung?

Prof. Michael Türkay: Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Tiefseebiologie der letzten Jahre ist, dass es Ökosysteme gibt, die nichts mit Licht und grünen Pflanzen zu tun haben, die unabhängig sind von der Produktion organischen Materials an der Wasseroberfläche. Stattdessen gibt es Leben an Stellen, wo man es überhaupt nicht für möglich gehalten hätte, wie an den erst 1977 entdeckten Heißwasserquellen, deren Energie aus dem Erdinneren kommt. An diesen Hydrothermalquellen hat man chemosynthetische Lebensgemeinschaften entdeckt, beispielsweise eine neue Gruppe von Borstenwürmern, die sich ihre Nahrung quasi selber machen. Bei dieser Tiergruppe ist der Darm ein blindgeschlossener Sack, in dem sie Bakterien züchten, diese mit Schwefelwasserstoff ernähren und dann verdauen. Vor einem Rätsel stand man allerdings, als man feststellte, dass diese Tiere Hämoglobin im Blut haben. Hämoglobin wird aber durch Schwefelwasserstoff vergiftet! Durch biochemische Untersuchungen hat man schließlich festgestellt, dass diese Lebewesen ein besonderes Hämoglobin mit zwei Bindungsstellen haben, eine für Sauerstoff, die andere für Schwefelwasserstoff. Diesen und andere faszinierende Mechanismen hat die internationale Wissenschaft erst nach und nach entdeckt. Des weiteren wird immer deutlicher, dass die Tiefsee ein Megabiodiversitätsraum ist, also zahlreiche Arten beherbergt.

Laborpraxis: Worauf stützt sich diese Annahme?

In der Tiefsee leben nur wenige Individuen einer Art pro Flächeneinheit, weil der Lebensraum sehr nährstoffarm ist – deshalb dachte man früher, dass die Tiefsee sehr artenarm sei. Aber diese Annahme beruhte auf einem methodischen Fehler: Während man im Flachwasser mit drei oder vier Proben die Fauna repräsentativ erfasst hat, benötigt man in der Tiefsee 20 bis 25 Proben. Und mit jeder Probe tauchen neue, bislang unbekannte Tiere auf! Man kann davon ausgehen, dass 90 Prozent der gefangenen kleineren Tiere völlig unbekannt sind, in der Meiofauna, also bei den Tieren kleiner als 1 mm, könnten es sogar 99 Prozent sein.

Aus Seite 2 werden folgende Fragen beantwortet:

  • Welche offenen Fragen gibt es noch in der Tiefseebiologie?
  • Welche technischen Herausforderungen sind zu meistern?
  • Welche Rolle spielt die Mikroskopie bei Ihren Forschungen?
  • Warum ist Tiefseeforschung auch Zukunftsforschung?

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