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Neues Polymermaterial Ein Schwamm für Giftstoffe und Münzmetalle

Quelle: Pressemitteilung Universität Ulm 3 min Lesedauer

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Mit einem neuen Polymer gewinnen Forscher der Uni Ulm wertvolle Metalle wie Palladium, Gold und Silber aus Lösungen der Pharmaindustrie zurück. Ihr neues poröses Material eignet sich zudem als Baustein für umweltfreundliche Batterien und absorbiert giftige Halbmetalle aus Schlacken in Müllverbrennungsanlagen.

Die Illustration zeigt die Struktur des schwammartigen Materials mit den beiden Anwendungen in einer Batteriekathode (l.) und zur Abscheidung von Metallionen (r.).(Bild:  Dr. Johannes Richers und Dr. Christoph Kühne)
Die Illustration zeigt die Struktur des schwammartigen Materials mit den beiden Anwendungen in einer Batteriekathode (l.) und zur Abscheidung von Metallionen (r.).
(Bild: Dr. Johannes Richers und Dr. Christoph Kühne)

Forschende der Universität Ulm haben ein organisches Material mit außergewöhnlichen Eigenschaften entwickelt: Das Polymer kann äußerst wirksam wertvolle Edelmetalle wie Gold oder Palladium aus Lösungen zurückgewinnen, giftige Halbmetalle abscheiden und darüber hinaus Batterien umweltfreundlicher machen. Ungewöhnlich sind der hohe Schwefelgehalt und die schwammartige Struktur dieses Polymers.

„Unser Material basiert auf einer bislang in der Polymerchemie nicht genutzten Reaktionsklasse – der so genannten Thioorthoester-Chemie“, erklärt Prof. Max von Delius vom Institut für Organische Chemie der Universität Ulm. „Dabei kommen Moleküle zum Einsatz, die wie ein Dreibein aus einem Kohlenstoff- und drei Schwefelatomen aufgebaut sind. Diese Zusammensetzung verleiht dem Material von Natur aus einen extrem hohen Schwefelgehalt und führt zu einer starken Vernetzung innerhalb des Polymers. Diese sorgt für eine hohe Stabilität, Wasserunlöslichkeit und eine extrem fragmentierte Oberflächenstruktur.“

Während der hohe Schwefelgehalt ein Ziel der Forschenden war, entstand die mit einem Naturschwamm vergleichbare poröse Beschaffenheit eher zufällig im Laufe der Synthese und entpuppte sich als glücklicher Nebeneffekt. „Diese große Kontaktfläche bewirkt, dass die Schwefelatome Metallionen besonders effektiv binden können“, sagt Gruppenleiter von Delius.

Wertvolle Metalle zurückgewinnen, giftige Substanzen filtern

Eine mögliche Anwendung des neuen Polymers ist das gezielte Abscheiden so genannter Münzmetalle wie Palladium, Gold und Silber aus Lösungen. Bei Palladium, das in der pharmazeutischen Industrie weit verbreitet und ähnlich teuer wie Gold ist, erreicht das Material bessere Ergebnisse als die vorhandenen so genannten Scavenger. Das sind Metallfänger-Substanzen, die beispielsweise Pharmafirmen einsetzen, um Palladiumreste aus Arzneirohstoffen zu entfernen. Analysen zur Metallbindung, die ein Team von Prof. Kerstin Leopold am Institut für Analytische und Bioanalytische Chemie durchführte, ergaben für das Thioorthoester-Polymer eine maximale Palladium-Bindungskapazität von 41,2 Milligramm pro Gramm. Das ist fast doppelt so viel wie die eines etablierten kommerziellen Scavengers.

Foto des neuen „schwammartigen“ Materials (ca. ein Zentimeter breit), vor und nach Abscheidung von Palladium. Das weiße, flockige Material (links) ist ein Polymer mit außergewöhnlich hohem Schwefelanteil von rund 50 Prozent und einer stark zerklüfteten Oberfläche.(Bild:  Dominic Iannitto)
Foto des neuen „schwammartigen“ Materials (ca. ein Zentimeter breit), vor und nach Abscheidung von Palladium. Das weiße, flockige Material (links) ist ein Polymer mit außergewöhnlich hohem Schwefelanteil von rund 50 Prozent und einer stark zerklüfteten Oberfläche.
(Bild: Dominic Iannitto)

Das Polymer eignet sich auch für Umweltanwendungen, zum Beispiel, um Problemstoffe wie das giftige Halbmetall Antimon aus Schlacken in Müllverbrennungsanlagen zu entfernen. In Tests nahm das neue Material bis zu 2,23 Milligramm Antimon pro Gramm Polymer auf – und das mehrfach. Bis zu 83 Prozent der gebundenen Stoffe ließen sich wieder aus dem Material lösen, bei nur geringem Leistungsverlust nach mehreren Einsätzen. „Die Eigenschaft, bestimmte Metalle selektiv abzuscheiden, ist ein großer Vorteil“, sagt Chemieprofessorin Leopold.

Umweltfreundliche Batterie mit Schwefel statt Metall

Auch als Bestandteil moderner Energiespeicher zeigt das neue Polymer vielversprechende Eigenschaften. Im Rahmen des Exzellenzclusters Polsis („Post Lithium Storage“) testeten die Forschenden das Material als metallfreie Kathode in Lithium-Ionen-Batterien. „Wir haben über 1.000 Lade- und Entladezyklen eine stabile Kapazität von rund 100 mAh pro Gramm beobachtet“, berichtet von Delius. „Und im Gegensatz zu klassischen Kathodenmaterialien enthält das neue Polymer keine kritischen Metalle und belastet die Umwelt deutlich weniger.“

Das neu entwickelte Material wurde bereits zum Patent angemeldet, vor allem aufgrund seiner herausragenden Eigenschaften als selektives Bindemittel für Metalle wie Palladium und Antimon. Auch die Anwendung als metallfreie, organische Kathode in Lithiumbatterien ist Teil der Patentanmeldung. Derzeit bereitet das Forschungsteam Gespräche mit potenziellen Industriepartnern vor, um das Verfahren in verschiedenen Bereichen – von der chemischen Produktaufbereitung über die Wasserreinigung bis hin zur Energiespeicherung – in Richtung Marktreife weiterzuentwickeln.

Originalpublikation: Jan Kraus, Andreas Gruber, Ruth Gomes, Dominic Iannitto, Kerstin Leopold, Max von Delius: Thioorthoester Polymers as Sulfur-Rich Materials in Metal Scavengers and Battery Cathodes, Angewandte Chemie Novit (2025); DOI: 10.1002/anov.70000

(ID:50500709)

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