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Chemikalienrückstände Persistent am Polarkreis – Expertentreff zu Schadstoffen in Arktis und Antarktis

Quelle: Pressemitteilung

Der Einfluss des Menschen geht weit über seinen Lebensraum hinaus. Selbst in der unbewohnten Antarktis finden sich noch Chemikalien, die längst verboten sind. Die Schadstoffbelastung an den Polen und Wissensgrundlagen, wie diese zu reduzieren ist, diskutierten Experten in einem internationalen Workshop.

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Schadstoffe an den Polen haben auch Auswirkungen auf den Menschen.
Schadstoffe an den Polen haben auch Auswirkungen auf den Menschen.
(Bild: Hereon/ Hanna Joerss)

Geesthacht – Schadstoffe finden sich nicht nur in Industriegebieten und Großstädten – auch in den Polargebieten reichern sich zunehmend schädliche Substanzen an. Die Eiswüsten sind aber keineswegs eine ewige Kältefalle für schädliche Substanzen. Mit dem Schmelzen der Gletscher und dem Auftauen von Permafrostböden durch die Erderwärmung werden Altchemikalien in Polargebieten freigesetzt, die bereits lange verboten sind. Diese können sich dann erneut in der Nahrungskette anreichern.

Manche Experten sprechen heute bereits vom „Chemischen Anthropozän“: dem Zeitalter, in dem Chemikalien maßgeblich unsere Gesellschaft, die Umwelt sowie die menschliche Gesundheit beeinflussen. Ein stärkeres Engagement politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsträger ist dringend erforderlich.

Langlebig und nur lückenhaft erfasst

Zwei Probleme sehen Wissenschaftler neben der Toxizität vieler in die Umwelt gelangter Chemikalien besonders kritisch. Zum einen ist ein erheblicher Anteil der Substanzen sehr langlebig und kann noch viele Jahre und Jahrzehnte nach seiner ursprünglichen Freisetzung Auswirkungen auf die Umwelt entfalten. Der temporäre Einschluss solcher Stoffe im arktischen Eis kann den Zeitverzug sogar noch weiter verlängern, weil Chemikalien bei den Tieftemperaturen meist langsamer abgebaut werden.

Zum anderen ist besonders in der unbewohnten Antarktis die Datenlage sehr dürftig: Messungen erfolgen dort nur sporadisch und sind i. d. R. nicht geographisch repräsentativ, da zumeist nur in der Nähe von Forschungsstationen Proben genommen werden. Auch seien die analytischen Methoden nicht über die Kampagnen hinweg harmonisiert und damit schwer vergleichbar, wie Ralf Ebinghaus vom Hereon Institute of Coastal Environmental Chemistry auf Anfrage erklärt.

Aufgabe der Wissenschaft muss es sein, wissenschaftliche Daten bereitzustellen und Maßnahmen für nachhaltige Lösungen gegen die Schadstoffbelastung zu entwickeln. Hier könnten einheitliche Konzepte wie das Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) helfen oder eine verstärkte passive Probennahme. Bei letzterer legt man passive Probensammler, beispielsweise aus Silikon, aus, die Stoffe mit geringer Wasserlöslichkeit über längere Zeiträume direkt aus dem (Schmelz)Wasser anlagern.

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Gefährliche Substanzen im Umlauf

Laut Ralf Ebinghaus vom Helmholtz-Zentrum Hereon sind etwa 3.000 bis 10.000 Substanzen in Umlauf, die als problematisch gelten. Manche davon reichern sich in bestimmten Regionen wie den Polen an (kalte Kondensation). Und ein Ende dieser Gefahr ist wohl noch nicht in Sicht. So rechnet die Europäische Umweltagentur damit, dass sich die weltweite Chemikalienproduktion von 2010 auf 2050 verdreifacht, womit potenziell auch mehr gefährliche Substanzen freigesetzt werden.

Altlasten und neue Chemikalien im Blick

Experten aus Amerika, Asien, Australien und Europa trafen sich am 25. und 26. Januar auf dem vom Umweltbundesamt (UBA) und dem Helmholtz-Zentrum Hereon gemeinsam veranstalteten Online-Workshop „Act now – Legacy and Emerging Contaminants in Polar Regions“. Sie thematisierten die möglichen Auswirkungen von so genannten Altchemikalien („legacy contaminants“), deren Produktion und Anwendung bereits verboten oder nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sind. Besonderes Augenmerk legten sie aber auf die Vielzahl neuartiger Chemikalien („emerging contaminants“), über deren Verhalten und Auswirkungen in der Umwelt noch wenig bekannt ist.

Entscheidungsgrundlage für Maßnahmen schaffen

Die internationalen Experten von Monitoring-Programmen, Umweltprobenbanken und Chemikaliendatenbanken diskutierten neue Forschungsansätze und Möglichkeiten einer verstärkten Kooperation, um die Chemikalienbelastung in der Arktis und Antarktis zu erforschen und zu bewerten. Gemeinsam mit Vertretern der Europäischen Kommission und des Stockholmer Übereinkommens über persistente organische Schadstoffe wurden Fragen der Umweltchemikalienpolitik und deren Auswirkungen auf die Polargebiete erörtert. So sollen zukünftig Untersuchungsprogramme der Schadstoffe in den Polargebieten enger mit den Aktivitäten der Umweltprobenbanken verknüpft und Datenlücken geschlossen werden.

Zum Abschluss des Workshops gaben die Teilnehmer Empfehlungen für zielgerichtete Forschungsaktivitäten, um dringende Fragen zu klären. Besonderes Augenmerk sei hierbei auf Organophosphat-Ester (OPEs) sowie Per- and Polyfluoroalkyl Substanzen (PFAS) zu legen. Bei letzterem seien bereits hohe Konzentrationen in Svalbard im Nordpolarmeer nachgewiesen worden. Ziel der Schadstoff-Forschung sei es nun, mögliche zukünftige Maßnahmen vorzuschlagen, um einen guten Umweltzustand der Arktis und Antarktis zu erhalten. Dies ist auch von besonderem Interesse für die Ende Mai 2022 durch Deutschland in Berlin ausgerichtete Antarktis-Vertragsstaatenkonferenz.

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