Warum gibt es immer noch Tierversuche? In Göttingen stellen sich Forscher den Fragen der Öffentlichkeit und klären über das Thema Tierversuche auf. Die Wissenschaftler entwickeln unter anderem neue Hörimplantate für Menschen sowie nachhaltige Ernährungskonzepte für Nutztiere.
Die Diskussion um Tierversuche ist emotional aufgeladen. In Göttingen treten Forscher in den offenen Diskusr mit Bürgern und beantworten Fragen. (Symbolbild)
(Bild: Tri - stock.adobe.com)
Tierversuche in der Forschung sind ein Thema, bei dem es oft weniger um Fakten als um emotional aufgeladene Meinungen geht. Dass dies so ist, liegt auch daran, dass sich Wissenschaftler bei dem Thema oft zurückhaltend oder gar nicht äußern. Die wissenschaftlichen Einrichtungen am Göttingen Campus haben sich zu Transparenz im Umgang mit Tierversuchen verpflichtet und berichten unter anderem auf ihren Websites und bei Veranstaltungen über ihre Forschung mit Tieren. So stellen sich die Göttinger Forschenden bei „Science goes City“ am 5. Mai 2024 den Fragen der Bürger.
Biologische Komplexität erfordert noch immer Versuchstiere
Am Göttingen Campus forschen Wissenschaftler an drängenden biomedizinischen und agrarwissenschaftlichen Fragen, für deren Beantwortung Tierversuche einen kleinen, aber essenziellen Teil des Methodenspektrums darstellen. Dabei werden verschiedene Tierarten verwendet, zum Beispiel Mäuse, Ratten und Weißbüschelaffen in der Hörforschung und Rinder, Ziegen, Geflügel und Fische in den Agrarwissenschaften. Bei allen Forschungsvorhaben wird das Wohl der Tiere bestmöglich berücksichtigt.
Ein verantwortungsbewusster Umgang mit den Tieren ist für alle Forschenden verpflichtend. Wann immer möglich, werden Alternativ- und Ergänzungsmethoden verwendet und entwickelt. Diese Methoden haben jedoch ihre Grenzen. „Insbesondere wenn es um komplexe Vorgänge im Körper geht, beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder in der Hirnforschung, können wir auf Tierversuche in absehbarer Zeit nicht verzichten“, sagt Prof. Dr. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums und Sprecher der Informationsinitiative „Tierversuche verstehen“.
Den Hörsinn wiederherstellen: von der Maus über den Affen bis zum Menschen
An Weißbüschelaffen wird die Sicherheit und der Nutzen von optischen Cochlea-Implantaten untersucht, bevor diese am Menschen getestet werden.
(Bild: Anton Säckl)
Ein möglichst natürliches Hören für taube Menschen – dies ist das Ziel einer Gruppe von Forschenden an der Universitätsmedizin Göttingen. Sie entwickeln eine neue Art von Hörprothese, ein optisches Cochlea-Implantat. Die Idee dahinter: Der auf das Ohr eintreffende Schall wird in Lichtimpulse umgewandelt, welche dann die Hörnervenzellen im Ohr stimulieren. Da Nervenzellen jedoch vorwiegend auf elektrische Impulse und nicht auf Licht reagieren, müssen die Hörnervenzellen im Ohr erst optogenetisch verändert werden, das heißt es müssen „Lichtschalter“ eingebracht werden. Dies gelingt bereits bei Wüstenrennmäusen, ob es auch bei einer dem Menschen evolutionsbiologisch näherstehenden Art funktioniert, wird gerade an Weißbüschelaffen getestet. Sollte es funktionieren, wäre der Weg zur Behandlung von Patienten geebnet.
Für nachhaltiges Fischfutter und gesunde Legehennen
Um Forellen nachhaltig zu ernähren, werden Fütterungsversuche an der Universität Göttingen durchgeführt.
(Bild: AG Aquakultur Universität Göttingen)
Am Department für Nutztierwissenschaften der Universität Göttingen wird erforscht, wie sich Nutztiere nachhaltiger und klimaschonender ernähren lassen. Neben den klassischen Nutztieren stehen dabei auch Fische im Fokus verschiedener Projekte. Insbesondere das Futter fleischfressender Arten, wie Forellen, enthält Fischmehl. Dieses wird zu großen Teilen durch nicht nachhaltige Gammel- oder Industriefischerei gewonnen, die massiv in marine Ökosysteme eingreift. Als Alternativen für Fischmehl kommen Insekten oder Mikroalgen, aber auch Wasserlinsen in Betracht. Die Substitution ist jedoch nicht trivial und erfordert umfangreiche Tests der neuen Futtermittel. In der Arbeitsgruppe Aquakultur um Prof. Dr. Jens Tetens gehen die Forschenden der Frage nach, welchen Einfluss die Genetik der Forellen und ihr Darmmikrobiom auf die Verdaulichkeit und Verträglichkeit neuer Futterkomponenten haben.
In einem anderen Projekt wird untersucht, wie sich parasitäre Infektionen auf lokale Hühnerrassen auswirken. Freilandhaltung von Legehennen spielt insbesondere in der ökologischen Landwirtschaft eine immer größere Rolle. Die Tiere sind dabei jedoch auch einem erhöhten Infektionsdruck ausgesetzt. Man schreibt lokalen oder alten Rassen oft eine höhere Robustheit oder Resistenz zu, in vielen Fällen gibt es dafür aber keine Belege. In der Abteilung Functional Breeding werden daher die Auswirkungen auf das Befinden und die Leistung der Tiere sowie die Immunantwort in drei lokalen Rassen untersucht.
Beide oben genannten Fragen lassen sich nur am lebenden Organismus beantworten und erfordern Versuchsansätze, bei denen verschiedene Testgruppen unterschiedliche Futtermittel erhalten oder mit Magen-Darm-Würmern infizierte Tiere mit Kontrollen verglichen werden. Obwohl keine invasiven Eingriffe am lebenden Tier vorgenommen werden und die Auswirkungen auf die Tiere sehr begrenzt sind, handelt es sich um Tierversuche.
Zur Diskussion einladen
Das umstrittene Thema Tierversuche wird von der Kampagne Tierversuche verstehen sachlich aufgearbeitet und erklärt. Und auch die Universität Göttingen nimmt teil an einem öffentlichen Diskurs. „Wir laden alle Interessierten ein, mit uns über Tierversuche zu diskutieren und alle Fragen zu stellen, die in dem Zusammenhang aufkommen“, sagt Carolin Schuon, Tierschutzbeauftragte an der Universität Göttingen. Anlässlich des Tages des Versuchstieres stellen sich die Göttinger Forscher bei „Science goes City“ am 5. Mai 2024 den Fragen der Bürger. Der Informationsstand über Tierversuche ist von 12 bis 18 Uhr auf dem Göttinger Marktplatz geöffnet.
Stand: 08.12.2025
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