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Eine unterschätze Geheimwaffe? Streitthema Impfungen: Wie sie helfen, wo sie schaden

Quelle: Pressemitteilung Deutsche Gesellschaft für Neurologie 7 min Lesedauer

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Impfungen schützen uns und andere täglich vor gefährlichen Erkrankungen und sind einer der Hauptgründe für eine niedrige Kindersterblichkeit. Dennoch führen Mythen und eine unausgewogene Berichterstattung zu einem Rückgang der Impfquote. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie zeigt sich besorgt, zumal auch errungene Impferfolge im Kampf gegen gefährliche Erreger damit aufs Spiel gesetzt werden.

Seit Edward Jenners erster Pockenimpfung von 1796 zeigen Impfungen, dass sie Infektionen und schwere Verläufe verhindern, Ausbrüche eindämmen, durch Gemeinschaftsschutz vulnerable Menschen schützen und Krankheiten wie die Pocken sogar ausrotten können.  (Bild:  frei lizenziert/Mathurin NAPOLY / Unsplash)
Seit Edward Jenners erster Pockenimpfung von 1796 zeigen Impfungen, dass sie Infektionen und schwere Verläufe verhindern, Ausbrüche eindämmen, durch Gemeinschaftsschutz vulnerable Menschen schützen und Krankheiten wie die Pocken sogar ausrotten können.
(Bild: frei lizenziert/Mathurin NAPOLY / Unsplash)

Die Entwicklung von Impfungen ist wohl eines der wichtigsten Schlüsselereignisse der modernen Medizin und der Erfolg von Impfungen lässt sich am besten am Beispiel der Pocken-Impfung verdeutlichen : Trotz Vorbehalten und Rückschlägen konnte die Pockenerkrankung, die noch im 20. Jahrhundert 300 Millionen Todesfälle gefordert hat, weltweit ausgerottet werden. Ein medizinischer Meilenstein, der sich auch „rechnet“: Den Kosten des WHO-Impfprogramms von 300 Millionen US-Dollar stand über viele Jahre die Einsparung von jährlich einer Milliarde US-Dollar gegenüber.

Impfungen können Erkrankungen ausrotten

Für die Neurologie von Bedeutung ist eine weitere impfpräventable Erkrankung, die fast vor der Ausrottung steht: die Poliomyelitis. Bis auf wenige verbliebene Fälle in Afghanistan und Pakistan durch den Poliovirus Typ 1 konnte die Kinderlähmung durch Wildtypviren mithilfe globaler Impfprogramme ausgerottet werden. Allerdings zeigt sich, dass für eine globale Ausrottung eine massive Kraftanstrengung notwendig ist und Lücken in der Durchimpfung weltweit zu Rückschlägen im Kampf gegen die Poliomyelitis führen können.

Im Bereich der bakteriellen Meningitis konnte durch die Impfung gegen Haemophilus-Influenza Typ B die Erkrankung sehr stark zurückgedrängt werden und in Mitteleuropa und insbesondere Deutschland finden sich jährlich nur noch Einzelfälle an bakteriellen Meningitiden, die durch Haemophilus-Influenza hervorgerufen werden. Bei den meisten Fällen handelt es sich um die seltenen Serotypen – also Untergruppen innerhalb der Erregerart-, die nicht im Impfstoff enthalten sind.

Impfempfehlungen zum Schutz gegen neuroinfektiöse Erkrankungen

Auch in Bezug auf Neisseria meningitidis haben die Impfungen einen deutlichen Effekt auf die Inzidenz invasiver Infektionen gehabt. In Deutschland waren in den letzten Jahren vor allem Erkrankungen durch die Serotypen B und C aufgetreten. Nachdem bereits seit Längerem eine Impfempfehlung gegen Serotyp C bestand, ist die Impfung gegen Typ B noch nicht allzu lange verfügbar und wird seit 2024 von der ständigen Impfkommission Stiko empfohlen.

Interessanterweise zeigt sich jedoch, dass es seit der Covid-19-Pandemie zu einer Zunahme von Erkrankungsfällen durch den Serotyp Y gekommen ist. Die Stiko hat gerade reagiert und empfiehlt seit 30. Oktober 2025 für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren eine Impfung mit einem quadrivalenten Konjugatimpfstoff gegen die Serogruppen A, C, W und Y – eine richtige Entscheidung laut den Experten der deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Eine weitere impfpräventable und in Deutschland heimische Infektion des zentralen Nervensystems ist die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Bis zu 20 % der Infektionen verlaufen schwer und es steht keine kausale Therapie zur Verfügung, Folgeschäden sind bei Patienten mit schwerem Verlauf nicht selten. „Die Impfquoten sind bisher noch nicht ausreichend – es erscheint dringend erforderlich, dass Personen mit möglichem Kontakt zu Zecken im süddeutschen Raum (inklusive Reisende) noch besser über die Impfmöglichkeiten gegen FSME aufgeklärt werden. Die Schutzwirkung der vollständigen Impfung beträgt 97 %“, erklärt Prof. Dr. Matthias Klein, München, Sprecher der DGN-Kommission Neuroinfektiologie.

Gefahren von Impflücken: Masern im Aufwärtstrend

Eine nicht ausreichend hohe Impfquote bezüglich Masern-Infektionen hat in den letzten Jahren weltweit und in einigen Bereichen der USA deutlich gemacht, wie schnell Impferfolge in Richtung einer Erregerausrottung zunichte gemacht werden können [1]. Die abnehmende Impfbereitschaft der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten bereitet hier Anlass zur Sorge – so kam es in mehreren amerikanischen Gemeinden mit niedriger Masern-Impfquote zu signifikanten Ausbrüchen. Weltweit verstarben im Jahr 2023 insgesamt 107.500 Menschen an Masern, hauptsächlich Kinder [2].

Das Argument der Masern-Impfgegner, die Vakzinierung führe zu Autismus, ist wissenschaftlich widerlegt. Bereits 2002 zeigte eine große dänische Studie [3] mit über 500.000 Kindern, dass es in der geimpften Gruppe nicht zu mehr Autismusfällen kam als bei Ungeimpften. Bis heute gibt es keine Studie, die Gegenteiliges belegt. „Wir stehen vor dem Problem, dass aufgrund von Mythen wissenschaftliche Fakten negiert werden. Damit kämpft die Impfmedizin übrigens schon, seitdem es sie gibt. Auch bei der Pocken-Impfung gab es heftige Widerstände, die u. a. mit Argumenten wie mangelnde Sicherheit oder ungewollte Einmischung in die Natur begründet wurden“, erklärt Klein.

Die Entwicklung und Überwachung von Impfungen ist streng

An die Entwicklung von Vakzinen sind hohe Sicherheitsanforderungen geknüpft. Sie durchlaufen wie Medikamente die Phasen der klinischen Prüfungen, die Gesundheitsbehörden schauen sehr genau auf mögliche Sicherheitssignale. Auch die behördliche Überwachung von Impfprogrammen (in Deutschland durch das Meldeportal des Paul-Ehrlich-Instituts) bietet verlässlichen Schutz: Kommt es unerwartet zu Impfkomplikationen, wird schnell reagiert.

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Als der Impfstoff Pandemrix, der während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 verwendet wurde, mit der Auslösung von Narkolepsien in Verbindung gebracht wurde, handelten die Behörden. Seit 2012 wird er in Deutschland nicht mehr verwendet. Nach dem Auftreten von Sinusvenenthrombosen nach Gabe eines Vektorimpfstoffs (Vaxzevria) gegen SARS-CoV-2 bei jüngeren Menschen im April 2021 empfahl das Robert Koch-Institut bereits Ende April, also binnen weniger Wochen, den Impfstoff nicht mehr bei Personen unter 60 Jahren einzusetzen. Seit dem 1. Dezember 2021 wird der Impfstoff in Deutschland gar nicht mehr verwendet.

Neurologische Impfreaktionen vs. Impfkomplikation am Beispiel von SARS-CoV-2

Während Impfreaktionen in der Regel harmlos, aber häufig sind, sind schwere Nebenwirkungen nach einer Impfung äußerst selten. Beispielsweise konnten nach der SARS-CoV-2-Impfung mit den mRNA-Impfstoffen keine Zusammenhänge zwischen der Impfung und dem Auftreten von Guillain-Barré-Syndromen (GBS) oder von demyelinisierenden Erkrankungen gefunden werden. „Mittlerweile liegen dazu viele Studien an mehreren Millionen geimpften Personen vor. Aus neurologischer Sicht gilt die Impfung als sicher“, schlussfolgert Klein.

Der Experte betont, dass Erkrankungen nach einer Impfung nur sehr selten Impffolgen seien. „Viele Krankheiten treten sporadisch, also ohne benennbaren Grund, auf. Menschen haben aber das Bedürfnis nach Erklärungen. Eine typische Frage nach einer lebensverändernden Diagnose lautet: ‚Warum gerade ich?‘ Eine erfolgte Impfung kann als einfache Begründung dienen, nach der dann gern gegriffen wird.“ Wie der Experte darlegt, wurde z. B. 2021 von Impfgegnern kolportiert, dass die mRNA-Impfung krebsauslösend sei. Fakt ist aber, dass die Zahl von Krebsneudiagnosen bis heute relativ stabil geblieben ist. Ähnliches gilt für Schlaganfälle oder Herzinfarkte.

„Dennoch erlebe ich immer wieder, dass sich Menschen mit diesen per se häufigen Krankheiten als Impfopfer verstehen, obwohl es keinen wissenschaftlichen Hinweis auf eine Kausalität gibt“, erklärt Prof. Klein. „Man kann nicht jede Krankheit, die nach einer Impfung auftritt, als Impffolge deklarieren.“ Wie der Experte einräumt, gibt es aber natürlich auch seltene Fälle von Impfkomplikationen und wenn ein wissenschaftlicher Nachweis der Ursache-Wirkungs-Kette besteht, haben die Betroffenen Anspruch auf Unterstützung durch die Solidargemeinschaft, z. B. in Form einer Versorgungsrente, wie sie z. B. den Narkolepsie-Betroffenen nach Schweinegrippe-Impfung zugestanden wurde.

Der Nutzen von Impfungen wird oft nicht wahrgenommen

Natürlich würde zu Recht ein großes Augenmerk der öffentlichen Wahrnehmung auf die Sicherheit von Impfprogrammen gelegt, sagt Klein. Für die Betroffenen seien Impffolgen ein schweres Schicksal. Doch durch die Fokussierung auf die negativen Folgen komme es zu einem Ungleichgewicht in der öffentlichen Wahrnehmung. So gebe es über den Nutzen von Impfungen wenig Berichterstattung.

Auch über die Erfolge von Impfungen muss geredet werden.

Prof. Dr. Matthias Klein, München, Sprecher der DGN-Kommission Neuroinfektiologie

Eine Studie der WHO [4] hatte z. B. gezeigt, dass in Europa durch das Covid-19-Impfprogramm zwischen Dezember 2020 und März 2023 insgesamt 1,4 Millionen Todesfälle verhindert werden konnten. Auch kommt es immer wieder vor, dass unerwartet positive Folgen einer Impfung in Studien entdeckt werden. So kann eine Zoster-Impfung nicht nur vor Gürtelrose schützen, sondern möglicherweise auch das Demenzrisiko reduzieren [5]. Für Aufsehen sorgte im Oktober 2025 eine Meldung des europäischen Krebskongresses, dass die mRNA-Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wirkung von Immuntherapien gegen Krebs verbessern könnte. Die Studie wurde hochkarätig in „Nature“ publiziert [6].

Wie jedes Medikament bergen auch Impfungen sowohl Nutzen als auch Risiken. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass sie uns und unsere Mitmenschen vor vielen schweren Erkrankungen schützen. Die Entscheidung auf Basis einer individuellen Kosten-Nutzen-Abwägung obliegt jedoch jedem selbst.

Quellen

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