Mehr als zwei Millionen Tiere werden jedes Jahr in Versuchen eingesetzt. Notwendig für die medizinische Forschung, sagen die einen. Längst überholte Praxis, meine die anderen. Doch welche Alternativen zum Versuchstier gibt es tatsächlich? Und wo sind wir womöglich noch auf Tierexperimente angewiesen? Ein Überblick zum Tag des Versuchstiers.
Sind Tierversuche heutzutage noch nötig und gerechtfertigt? Die Antort lautet: Es kommt drauf an. Zum Tag des Versuchstiers blicken wir auf die Möglichkeiten und Grenzen von Tierversuchen sowie Alternativen.
(Bild: filin174 - stock.adobe.com)
Berlin (dpa) – Ob es um Medikamente gegen Brustkrebs geht, um jährlich millionenfach eingesetzte Narkosemittel oder um Impfstoffe gegen Corona: Sie alle wurden mithilfe von Tierversuchen entwickelt. Doch die biomedizinische Forschung ohne Tiere entwickelt sich weiter, neue Hightech-Methoden kommen hinzu – was Forderungen lauter werden lässt, auf Tierversuche zu verzichten.
Wo steht die Wissenschaft dazu heute? Ist ein Ausstieg aus der Forschung mit Tieren überhaupt vorstellbar? Fragen und Antworten zum Internationalen Tag des Versuchstiers am 24. April.
Wozu gibt es Tierversuche?
„Forschung arbeitet zwangsläufig mit Modellen, so auch die biomedizinische Forschung“, erläutert Stefan Hippenstiel, Professor für Infektiologie und Pneumologie an der Charité in Berlin. In der Humanmedizin könne man bestimmte Dinge aus ethischen und praktischen Gründen nicht untersuchen – und greife deswegen zum Tiermodell.
Roman Stilling von der Initiative „Tierversuche verstehen“ ergänzt, dass es zwar Alternativen gebe wie Computer-Simulationen und 3D-Zellkulturen. Aber wenn es um das Zusammenspiel im Körper gehe, etwa die Erforschung von Nervensystem oder Immunsystem, dann stießen diese an Grenzen. „Diese Prozesse sind zum Großteil noch unverstanden, das muss man leider sagen.“ Deswegen seien dafür Tierversuche nötig.
Diese Meinung teilen längst nicht alle Fachleute. „Tierversuche sind eine sehr veraltete Methode“, kritisiert Gaby Neumann vom Verein „Ärzte ohne Tierversuche“. Die Forschung tue sich schwer mit neuen Methoden, weil Tierversuche eine lange Tradition hätten und junge Forschende kaum in tierversuchsfreien Verfahren ausgebildet würden.
Die meisten Tiere (40 Prozent) werden für die Grundlagenforschung genutzt, knapp 32 Prozent wurden für Organentnahmen getötet (was gemäß Definition kein Tierversuch ist)., andere für Qualitätskontrolle und Giftigkeitsprüfungen. Mit knapp 12 Prozent der Versuchstiere wurden Qualitätskontrollen, Toxikologische Untersuchungen und andere Unbedenklichkeitsprüfungen durchgeführt. Das geht aus dem „Kompass Tierversuche 2025“ hervor. So wurden etwa die Sicherheit und Wirksamkeit der ersten mRNA-Impfstoffe in Europa gegen das Coronavirus an Tieren überprüft.
Die Zahl der eingesetzten Tiere in Deutschland sinkt laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung seit einigen Jahren. 2023 waren es rund 2,13 Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer. Mit Abstand am häufigsten waren es Mäuse (circa 1,64 Millionen), aber auch Zebrafische (142.000), Kaninchen (68.000), Haushühner (14.000) und Schweine (11.000).
Affen als Versuchstiere
Auch Affen werden in der Forschung als Versuchstier verwendet, aber deutlich seltener. Vor allem handelte es sich zuletzt um Javaneraffen (1.479), Marmosetten und Tamarine (159) sowie Rhesusaffen (87). Mit Abstand häufigster Versuchszweck ist bei Affen, neue Arzneimittelkandidaten zu testen, ehe sie erstmals Menschen gegeben werden. Dabei geht es vor allem um mögliche Nebenwirkungen bei wiederholter Gabe sowie um mögliche Schäden während der Entwicklung eines Kindes im Mutterleib.
Menschenaffen – also Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans – werden in der Europäischen Union nicht für Tierversuche gezüchtet oder gehalten. Laut Stilling von „Tierversuche verstehen“ dürften Versuche an Menschenaffen weltweit eingestellt worden sein.
Wann werden Tierversuche endgültig obsolet?
Die EU hat im Jahr 2010 das Ziel ausgegeben, Tierversuche schrittweise und letztlich vollständig zu ersetzen. Einen Ausstiegsplan gibt es aber nicht. Aktuell werden etwa bestimmte Medikamententests, die so genannten Kaninchen-Pyrogentests, zum 1. Juli 2025 komplett durch tierfreie Alternativen ersetzt. Kaninchen wurden bisher eingesetzt, um zu testen, ob Arzneimittel mit Substanzen verunreinigt sind, die Fieber auslösen können.
Die Europäische Bürgerinitiative (EBI), die mehr als 1,2 Millionen Unterschriften sammelte, forderte unter anderem einen Masterplan zum Ausstieg aus Tierversuchen mit konkreten Zielvorgaben. Die EU-Kommission antwortete, sie habe in den vergangenen 20 Jahren mehr als eine Milliarde Euro in die Entwicklung, Validierung und Einführung von Alternativen zu Tierversuchen investiert.
Stand: 08.12.2025
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Auch wenn sich Tierversuche grundsätzlich per Gesetz verbieten ließen, wäre das nicht automatisch ein Vorteil für das Tierwohl – und die Durchführung mancher medizinischer Forschung wäre erschwert. So erklärte die zuständige Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2022 in einem Thesenpapier: „Ein grundsätzliches Verbot von Tierversuchen bewirkt nicht gleichzeitig das Ende der Notwendigkeit von Tierversuchen.“ Vielmehr seine Forschende in Deutschland dann von der biomedizinischen Forschung in anderen Ländern abhängig. Dort habe man keinen Einfluss darauf, wie es den Versuchstieren geht.
Mäuse etwa leben oft in einer Box mit Einstreu. Dazu bekommen sie ein Papierpaket mit Holzwolle und anderen Materialien, sodass sie ein Nest bauen können, ebenso eine Rolle und Spielmaterial. Kaninchen bekommen die Möglichkeit herumzuhoppeln.
Bei Schweinen und Schafen seien die Haltungsbedingungen in der Forschung besser als in der konventionellen Landwirtschaft, sagt Stilling von der Initiative „Tierversuche verstehen“. „Da wird sehr genau auf Hygiene und Fütterung geachtet.“ Neumann von „Ärzte ohne Tierversuche“, die Tierärztin ist, ergänzt, dass es zwar sehr um Hygiene und Praktikabilität gehe, aber die Lebensbedingungen nicht artgemäß seien.
Charité-Forscher Hippenstiel sagt: „Niemand hat so ein hohes Interesse daran, dass es den Tieren gutgeht, wie die Forschenden, die die Tierversuche durchführen.“ Denn sie seien auf eine gute Haltung angewiesen, damit es bei den Ergebnissen keine Verfälschungen gibt. Hippenstiel ist auch Sprecher von Charité 3R, dessen Ziel darin besteht, die Umsetzung des 3R-Prinzips in Forschung und Lehre an der Charité zu stärken. Dabei geht es darum, Tierversuche zu ersetzen (Replace), die Anzahl der Versuchstiere zu reduzieren (Reduce) oder die Belastung für Versuchstiere zu mindern (Refine).
In welchen Bereichen sind Tierversuche schon verboten?
Bereits heute dürfen keine Tiere eingesetzt werden, um Kosmetika und Waschmittel zu entwickeln. „Die Leitidee ist: Wir wollen kein Tierleid für Luxus“, sagt Stilling. Allerdings können im Zuge des Arbeitsschutzes Tierversuche angeordnet werden.
Ebenfalls verboten sind Tierversuche, um Waffen und Munition herzustellen und zu erproben. Das Gleiche gilt für Tabakerzeugnisse. Doch um die Gefahren, die davon ausgehen, zu erforschen, finden laut Tierärztin Neumann noch Tierversuche statt. So müssten Tiere bei Rauchversuchen stundenlang Zigarettenrauch einatmen.
Die meisten Tiere werden nach den Versuchen getötet, um Organe zu entnehmen und zu untersuchen. Normalerweise werden die Körper dann verbrannt. Mäuse können nur dann als Futter etwa für Raubvögel an Zoos und Tierparks abgegeben werden, wenn sie nicht gentechnisch verändert wurden – doch genau das trifft auf einen Großteil zu. Die EU-Gentechnik-Verordnungen erlauben dann eine Verfütterung nicht.
„Tiere wie Katzen, Hunde, Affen werden häufiger mehrfach für verschiedene Tierversuche eingesetzt. Ein Affe kann mehrere Jahrzehnte genutzt werden“, erklärt Tierärztin Neumann. „Nur in wenigen Ausnahmefällen werden Tiere aus dem Labor vermittelt.“
Neumann weist auch auf so genannte Überschusstiere hin, die zum Beispiel nicht die nötige Genveränderung aufwiesen. Diese werden gezüchtet, können aber nicht verwendet werden. 2023 waren das 1,38 Millionen Tiere. Diese werden laut Neumann direkt getötet.
Warum ist die Maus das am häufigsten verwendete Versuchstier?
Von 2,1 Millionen Versuchstieren im Jahr 2023 waren 77 Prozent Mäuse. Fische und Ratten machten nur 9 bzw. 7 Prozent der Versuchstiere aus. Das hat vor allem praktische Gründe. Die Haltung von Mäusen ist nicht so aufwendig wie die von Großtieren – sie sind günstig und gut zu handhaben. Außerdem pflanzen sie sich sehr schnell fort.
Hinzu kommt die Gewohnheit: Weil schon so lange an Mäusen geforscht wird, haben Wissenschaftler viele Daten und viele molekulare Werkzeuge für diese Forschung. Und nicht zuletzt: Man fand früh heraus, wie man Mäuse genetisch manipulieren kann.
Wie zuverlässig sind Ergebnisse aus Tierversuchen auf Menschen übertragbar?
Viele Funktionen seien in Mäusen sehr ähnlich, sagt Stilling. „Eine Maus ist auch ein Säugetier und hat größtenteils die gleichen Organe wie ein Mensch.“ Unter dem Mikroskop könne man eine Maus-Nervenzelle nicht von einer menschlichen Nervenzelle unterscheiden. „Trotzdem sind Menschen keine 70 Kilogramm schweren Mäuse“, sagt er. Sie unterschieden sich nicht nur in der Größe, sondern etwa auch im Stoffwechsel. „Das ist den Forschenden durchaus bewusst.“ Das Mäuse-Modell sei nur ein Abbild – und deswegen nie zu 100 Prozent korrekt. „Das gilt für alle Modelle – nicht nur für Tierversuche. Deswegen kombiniert man verschiedene Methoden.“
Tierversuchsfreie Methoden gewinnen an Bedeutung, darunter Organchips, Zellkulturen und computergestützte Modelle. „Zum Beispiel verwenden wir eine Alternativmethode aus künstlichen menschlichen Herzmuskelzellen“, sagt Charité-Forscher Hippenstiel. „Damit kann man untersuchen, wie sich Medikamente auf Herzmuskelzellen auswirken. Aber die Methode ist völlig ungeeignet, um zu zeigen, wie sich eine mitwachsende Herzklappe verhält.“ Dazu sei ein Großtier nötig, das leben und wachsen müsse.
Außerdem werden vermehrt Mini-Organe gezüchtet (Organoide), an der Charité etwa Mini-Lungen. „Die sind noch nicht perfekt, sie haben keinen Blutkreislauf, atmen nicht, bewegen sich nicht, dort können keine Zellen aus anderen Organen einwandern“, sagt Hippenstiel. Als Modell seien die Mini-Organe für bestimmte Forschung gut – und für andere eben nicht.
Neumann von „Ärzte gegen Tierversuche“ hingegen meint: „Das Potenzial dieser modernen Methoden ist enorm. Und der entscheidende Vorteil zum Tierversuch ist, dass sie auf menschlichen Daten und Zellen basieren. Also für den Menschen relevante Ergebnisse liefern.“
Einig sind sich die verschiedenen Ärzte und Wissenschaftler darin, dass 3D-Humanmodelle und Stammzelltechnologien zunehmend wichtiger werden. In solche technischen Innovationen sollte viel mehr investiert werden, meinen sowohl Hippenstiel als auch Neumann. Derzeit werde noch zu wenig Geld bereitgestellt, um die Forschung an tierversuchsfreien Methoden rasch voranzutreiben.