So lecker, und so ungesund: Zucker sorgt für Dopaminschübe im Gehirn und erhöhtes Diabetes-Risiko in der Bevölkerung. Doch wussten Sie, dass übermäßiger Zuckerkonsum sogar das Gehirn schädigt? Ein Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie gibt einen Einblick in den Stand der Forschung.
Zucker und Gehirn – eine (neuro)toxische Beziehung. Was Zucker mit Demenzprävention zu tun hat, verrät dieser Übersichtsbeitrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
(Bild: ideogram.ai / KI-generiert)
Die Prävention von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Demenz, Schlaganfall oder Migräne ist ein wichtiger Hebel im Gesundheitsmanagement. Welche Rolle dabei der Verzicht auf Zucker als „neurotoxische“ Substanz spielt, hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie zusammengefasst.
„Natürlich ist es so, dass hier die Dosis das Gift macht, denn das Gehirn als Höchstleistungsorgan des Körpers benötigt Glukose, um zu funktionieren. Das ist der Grund, warum unterzuckerte Menschen ohnmächtig werden“, erklärt Prof. Dr. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung. „Doch bei einer dauerhaften Erhöhung des Blutzuckerspiegels durch zu viele und zu üppige Mahlzeiten und durch das ständige Naschen und ‚Snacken‘ nebenbei bringen wir das Fass zum Überlaufen und befeuern die Entstehung von neurologischen Krankheiten, allem voran auch von Demenz und Schlaganfällen.“
Der Zucker-Pro-Kopf-Verbrauch lag im Wirtschaftsjahr 2021/22 bei 33,2 kg – und war damit fast doppelt so hoch wie empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) spricht sich dafür aus, dass maximal zehn Prozent der Energie aus Zucker stammen sollte [1]. Bei 2.000 Kilokalorien (durchschnittlicher Kalorienbedarf pro Tag) sind das 50 Gramm pro Tag, also 18 kg im Jahr. Dazu zählt nicht nur der zugesetzte Zucker, sondern auch der natürlich enthaltene, z. B. in Früchten, Honig oder Säften. Diese Tagesempfehlung ist mit nur eineinhalb Dosen Cola bereits überschritten.
Doch was macht Zucker im Gehirn? Zum einen schädigen hohe Blutzuckerspiegel die Hirngefäße und führen zu Ablagerungen an den Gefäßwänden, die die Gefäße verengen und die Blutzufuhr und damit die Versorgung der Gehirnzellen mit Nährstoffen drosseln. Das kann zu verschiedenen Einschränkungen führen – je nachdem welcher Teil des Gehirns „unterversorgt“ ist – und am Ende sogar eine vaskuläre Demenz nach sich ziehen. Diese ist nach der Alzheimer-Form die häufigste Ursache einer Demenz ist. In Deutschland erkranken jährlich etwa 250.000 Menschen an einer Demenz, davon 15 bis 25 Prozent an einer solchen gefäßbedingten Demenz [2]. Das sind allein zwischen 40.000 und 60.000 neu Erkrankte pro Jahr.
Hinzu kommt, dass komplexe Zuckermoleküle im Gehirn, so genannte Glykosaminoglykane, auch direkt die Kognition einschränken können. Sie beeinträchtigen die Funktion der Synapsen, den Schaltstellen zwischen den Nervenzellen und somit die neuronale Plastizität. Es handelt sich dabei um die Fähigkeit von Nervenzellen und Gehirnarealen, sich anzupassen und bei Bedarf zu erweitern, eine wichtige Eigenschaft für die kognitive Entwicklung und das Lernen. Das zeigten experimentelle Daten, die 2023 auf dem Kongress der „American Chemical Society“ vorgestellt wurden [3].
Bereits vor 20 Jahren hatte eine Studie ergeben, dass eine fett- und zuckerreiche Kost die neuronale Plastizität stört und langfristig auch die Funktion unseres Gedächtnisareal im Gehirn, den Hippocampus, beeinträchtigt [4]. Eine aktuelle, große Metaanalyse [5] kommt zu ähnlichen Erkenntnissen: In den zwei bis zwölf Stunden nach Zuckerkonsum erhöht sich zwar kurzfristig die geistige Leistungsfähigkeit, aber durch einen dauerhaften Zuckerkonsum wird die kognitive Funktion nachhaltig geschädigt.
Außerdem gibt es noch eine indirekte hirnschädigende Wirkung von zu hohem Zuckerkonsum, via Diabetes mellitus. Seit den 90iger Jahren ist bekannt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes ein deutlich erhöhtes Demenzrisiko aufweisen und man nimmt an, dass der Glukose-Stoffwechsel auch in den Neuronen gestört ist und so zur Entstehung der Alzheimer-Erkrankung beiträgt [6], zumal auch Insulin bei der Entstehung der Alzheimerplaques eine Rolle spielt [7].
Die DGN und die Deutsche Hirnstiftung raten zu einem bewussten, möglichst geringen Zuckerkonsum. Leider fällt das vielen Menschen schwer – und die Gründe dafür sind ebenfalls im Gehirn zu verorten. So konnte man nachweisen, dass schon nach einer kleinen „Dosis“ Zucker der Darm über den Vagusnerv Signale an das Gehirn sendet, um dort ein starkes Verlangen nach weiterem Zuckerkonsum auszulösen [8]. „Das könnte der Grund dafür sein, dass manche nach einem Stück Schokolade schnell mal die ganze Tafel aufgegessen haben“, kommentiert Neurologe Erbguth diese Forschungsergebnisse. „Außerdem wird bei Zuckerkonsum im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, ein ‚Wohlfühlhormon‘, was dazu führt, dass man immer mehr davon haben möchte. Es ist sinnvoll, durch weitgehenden Verzicht auf Zucker diesem Teufelskreis zu entgehen“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär und Pressesprecher der DGN. „Die Anstrengung lohnt sich, allein 40 Prozent aller Demenzfälle und 90 Prozent aller Schlaganfälle sind vermeidbar und viele von ihnen gehen auf das Konto von Industriezucker.“
Stand: 08.12.2025
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Gemeinsam mit der Deutschen Hirnstiftung unterstützt die DGN die politische Forderung, Steuer auf besonders zuckerhaltige Getränke zu erheben. Doch auch viele andere Lebensmittel enthalten versteckten Zucker, z. B. Joghurts oder Tomatenketchup. Auch Alkohol lässt den Blutzuckerspiegel stark ansteigen.
Eine bewusste, zuckerreduzierte Ernährung, die sich an den DGE-Empfehlungen orientiert, ist also gar nicht so einfach umzusetzen. Tipps und Beispiele für einen gesunden Speiseplan gibt der DGE-Ernährungskreis. Darin sind „weniger empfehlenswerte Lebensmittel wie süße und fettreiche Snacks sowie zuckergesüßte Getränke“ allerdings erst gar nicht mit abgebildet. Solange die Kalorien- und Nährstoffbilanzen stimmen, sei aber selbst nach den strengen DGE-Empfehlungen nichts dagegen einzuwenden, Süßigkeiten gelegentlich in kleinen Mengen zu genießen.