Steigende Investitionen in deutsche Biotechs, aber die Frühphasenfinanzierung bereitet mit dem niedrigsten Wert seit sechs Jahren Sorgen. Dies sind zwei Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2024, der die Branche und ihren Zustand in einem weiteren „Nach-Corona-Jahr“ analysiert und der nun vorgestellt wurde.
Wie steht es um die deutsche Biotechnologie-Branche nach dem Boom der Corona-Jahre? Der Deutsche Biotechnologie-Report 2024 von EY gibt Antworten. (Symbolbild)
(Bild: ktsdesign - stock.adobe.com)
Die deutsche Biotechindustrie ist nach dem Hype der Corona-Jahre zu einer gewissen Normalität zurückgekehrt. Doch wie steht es aktuell um die Finanzierung der Branche? Wie haben sich im vergangenen Jahr Unternehmen, Kapitalaufnahme, M&A-Aktivitäten, Börsengänge und Allianzen entwickelt? Und wie steht es aktuell um die Wirkstoffpipeline? Diese und weitere Fragen greift der Deutsche Biotechnologie-Report 2024 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf, der in enger Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland erstellt wurde.
„Insgesamt ist in der deutschen Biotech-Industrie in diesem Jahr ein positives Bild sichtbar“, sagt Klaus Ort, Partner und Leiter des Marktsegments Life Sciences & Gesundheitswesen Europe West bei EY anlässlich eines Presseevents am 5. Juni 2024. Doch es gebe auch Wermutstropfen und Warnhinweise zu verzeichnen: „Insbesondere Venture Capital Investitionen in der frühen Entwicklungsphase gehen zurück und auch beim Thema Börsengänge besteht Nachholbedarf“, erklärt Ort. 2023 sammelten Biotech-Startups in der Frühphase demnach nur 203 Millionen Euro Risikokapital ein – ein Rückgang um 29 Prozent gegenüber 2022 und niedrigster Wert seit sechs Jahren. Auch der M&A Markt sei in 2023 noch sehr verhalten gewesen. Hier zeichne sich jedoch seit Anfang diesen Jahres durch die Übernahme von MorphoSys durch Novartis eine mögliche Kehrtwende ab.
Mehr frisches Kapital für die deutsche Biotechnologie-Branche
Die Kapitalaufnahme stieg im Jahr 2023 auf 1,1 Milliarden Euro – ein Plus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als 921 Millionen Euro eingesammelt werden konnten. Der aktuelle Wert liegt damit wieder in etwa auf dem Vor-Pandemie-Niveau – allerdings deutlich unter den Summen, die während der Corona-Krise 2020 (3,1 Milliarden Euro) und 2021 (2,3 Milliarden) in der Biotechnologie-Branche in Deutschland erzielt wurden. Im Verlauf der Krise konnten zahlreiche hiesige Unternehmen des Sektors mit ihrer Expertise einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie weltweit leisten.
Investitionen in Form von Venture Capital stiegen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls an, von 465 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 533 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Allerdings: Fast die Hälfte dieser Summe (255 Millionen Euro) ging an ein einzelnes Unternehmen, die ITM Isotope Technologies Munich SE aus München. Und auch im internationalen Vergleich erscheinen die Investitionssummen eher gering: In Deutschland wurden 0,01 Prozent des BIP in Biotech investiert, während es im restlichen Europa immerhin 0,02 Prozent und in den USA sogar 0,05 Prozent waren.
Besorgniserregende Lage bei der Frühphasenfinanzierung
Herausfordernd bleibt die Lage vor allem, was die Frühphasenfinanzierung zu Beginn der Unternehmensgründung betrifft: 2023 wurde Kapital in Höhe von 203 Millionen Euro von Biotech-Startups in der Frühphase eingesammelt, was den geringsten Wert der vergangenen sechs Jahre darstellt und auch deutlich unter dem Schnitt dieses Zeitraums (325 Millionen Euro) liegt. Insgesamt gab es achtzehn Investitionsrunden in der Frühphase, das durchschnittliche Transaktionsvolumen schrumpfte auf elf Millionen Euro und lag damit deutlich unter dem 6-Jahres-Durchschnitt von 21,2 Millionen Euro.
Insgesamt lag der Gesamtumsatz der Biotech-Branche im Jahr 2023 bei 12,7 Milliarden Euro – ein Minus von 51 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Der Umsatzeinbruch ist vor allem auf die rückläufige Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen zurückzuführen“, erklärt Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender von Bio Deutschland e.V.. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stieg dagegen um zehn Prozent auf 61.705 Angestellte in inzwischen 996 Unternehmen (plus drei Prozent). Die Unternehmenszahl setzt sich aus 784 Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland und 212 deutschen Tochtergesellschaften zusammen.
Zweites Jahr in Folge ohne Biotech-Börsengang
Zum zweiten Mal in Folge gab es keinen Börsengang (engl. initial public offering, IPO) eines deutschen Biotech-Unternehmens. Dieser Trend ist v. a. vor dem Hintergrund, dass IPOs eine wichtige Exit-Möglichkeit für Investoren darstellen, herausfordernd. Die Tatsache, dass die letzten zehn Börsengänge allesamt an der US-amerikanischen NASDAQ stattfanden – und das letzte Debüt an einer deutschen Börse im Jahr 2016 - unterstreicht den Negativ-Trend. Zum Vergleich: In Europa gab es im vergangenen Jahr nur zwei Börsengänge, in den USA waren es dagegen 16 IPOs.
Noch unbefriedigende Finanzierungssituation erfordert Handeln
Klaus Ort: „Die Finanzierungsschwierigkeiten junger Biotech-Startups stellen eine große Herausforderung für das nachhaltige Wachstum der Branche in Deutschland dar, auch mit Blick auf die wirtschaftlich schwierige Gesamtgemengelage. Speziell die Situation in der Frühphase ist alarmierend, denn dies ist die Phase, die enorm wichtig für das zukünftige Wachstum des Sektors ist. Sie ist entscheidend, wenn es darum geht, innovative Ideen zu potenziellen Produkten mit entsprechenden Umsatzchancen weiterzuentwickeln. Denn Fakt ist: Das Potenzial und die Stärke sind in der Branche vorhanden.“
Stand: 08.12.2025
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Ein Grund für die noch unbefriedigende Finanzierungssituation der Branche sei unter anderem, dass es großen Geldgebern wie etwa Pensionsfonds, Versicherungen und anderen institutionellen Investoren noch verwehrt ist, stärker in risikobehaftete Assetklassen, wie Biotech-Unternehmen, zu investieren, erläutert Oliver Schacht: „Grundsätzlich sind wir aber in Deutschland auf dem richtigen Weg. Der Zukunftsrat des Bundeskanzlers hat wichtige Maßnahmen für einen starken Biotech-Standort skizziert. Die EU-Kommission hat eine deutliche Stärkung von Biotechnologie und Bioproduktion empfohlen. Der Anschluss an die USA und China kann noch gelingen, wenn wir jetzt endlich ins Handeln kommen und die vielen richtigen Empfehlungen umsetzen.“
Gut gefüllte Pipelines sorgen für Optimismus
Trotz aktueller Herausforderungen und zurückhaltender Investoren: Die Pipelines deutscher Biotechs sind derzeit noch besser gefüllt als in den Vorjahren. Vor allem in klinischen Phase 1 (60 klinische Studien, sechs mehr als im Jahr 2022) und Phase 2 (92 klinische Studien, zwölf mehr als im Jahr 2022). Die Anzahl der klinischen Studien in Phase 3 blieb 2023 im Vergleich zum Vorjahr konstant und liegt bei 17. Die breit aufgestellte klinische Pipeline umfasst dabei innovative Therapien aus allen Arten von Medikamentenklassen. Der Fokus liegt nach wie vor auf dem Gebiet der Krebsforschung mit 94 laufenden klinischen Studien zur Therapie verschiedener Arten von Krebs. Die Suche nach Möglichkeiten, Infektionskrankheiten zu bekämpfen, folgt auf Platz zwei, hier laufen aktuell 23 klinische Studien.
Schacht: „Gut gefüllte Pipelines sind ein starkes Signal der Branche – an potenzielle Investoren, aber auch an die Gesellschaft. Denn deutsche Biotechs leisten mit ihrer Forschungsarbeit bei wichtigen Gesundheits- und Ernährungsthemen einen entscheidenden Beitrag für die Suche nach Lösungen für Herausforderungen, die uns alle betreffen.“ So arbeiten Biotech-Unternehmen aus Deutschland beispielsweise an nachhaltigen Alternativen zu konventionellen Lebensmitteln. Wichtig sei aber auch, dass wir unsere Erfindungen „Made in Germany“ durch Patente schützen können, ergänzt Schacht. Denn nur dann seien sie für Investoren interessant und hätten dadurch eine Chance einmal als Innovation Patientinnen und Patienten und Verbraucher und Konsumentinnen zu erreichen.
KI wird zahlreiche Bereiche der Biotechnologie revolutionieren
Weiteres Top-Thema der Branche sind die Anwendungsmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz – und diese sind bei Biotechs so verschieden und riesig wie in wenigen anderen Branchen. Nicole Damani, Partnerin bei EY und Life Sciences Strategy and Transactions Lead: „Künstliche Intelligenz hilft Biotech-Unternehmen schon heute: Die neue Technologie kann den Entwicklungsprozess von Arzneimittelkandidaten beschleunigen, Ausfallraten verringern, und sogar bessere Ergebnisse, zum Beispiel in Form völlig neuer oder optimierter Medikamente, liefern. Schon heute werden jedes Jahr fast 500 Medikamentenkandidaten mithilfe Künstlicher Intelligenz entwickelt – Tendenz steigend.“
Klaus Ort von EY ergänzt: „Ob es um die Simulation klinischer Studien, die Auswertung großer Datenmengen oder die Entwicklung personalisierter Medikamente geht: Die Biotech-Branche steht am Anfang dieser Entwicklung, die ein riesiges Potenzial birgt, um die nächste Phase der biowissenschaftlichen Innovation einzuläuten. Bei allem angebrachten Optimismus müssen wir dabei allerdings gerade im Gesundheitsbereich die ethischen und gesellschaftlichen Folgen durch den Einsatz von KI immer vor Augen haben.“
„Wir gehen zudem davon aus, dass KI in der Biotech-Branche nicht die entscheidende, sondern die unterstützende Instanz sein wird“, erläutert Damani.
Was – neben innovativen Produkten, KI-Anwendungsmöglichkeiten und gut gefüllten Pipelines – außerdem Hoffnung macht: Die Beliebtheit von 'Biotech Made in Germany' bei internationalen Investoren und Kooperationspartnern bleibt unverändert hoch, was sich in der Zusammensetzung der Finanzierungskonsortien bei den gut finanzierten VC-Runden und den anhaltend hohen Transaktionsvolumen bei den Partnerschaften widerspiegelt. Zudem fand anfang dieses Jahres die größte M&A-Transaktion in der Geschichte der deutschen Biotech-Industrie statt: MorphoSys unterzeichnete eine Übernahmevereinbarung mit Novartis in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. Darüber hinaus fand auch der größte M&A-Exit eines deutschen Biotech-Unternehmens seit 2020 statt, die Übernahme von Cardior Pharmaceuticals aus Hannover durch Novo Nordisk für eine Milliarde Euro.
Den vollständigen Deutschen Biotechnologie-Report 2024 – in diesem Jahr erstmals verfasst in englischer Sprache – können Sie hier herunterladen.