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Vom „Normpatient“ zur personalisierten Medizin Das Ende des 70-Kilo-Mannes?

Quelle: dpa 3 min Lesedauer

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Eine Impfung für alle? Das war einmal. Zumindest unterstützt eine aktuelle Studie des Uniklinikums Jena die Forderung nach stärker personalisierter Medizin. Geschlechtsspezifische Unterschiede müssten deutlich stärker berücksichtigt werden – der generische 70-kg-Mann als Normpatient sei nicht mehr zeitgemäß.

Für viele Impfdosierungen oder Medikationen wird noch immer der 70-kg-Mann als Normpatient zugrunde gelegt. Das greift aber oft zu kurz. Insbesondere Geschlechterunterschiede können eine signifikante Auswirkung haben, die eine stärker personalisierte Medizin sinnvoll macht. (Symbolbild)(Bild:  GPT Image Editor / KI-generiert)
Für viele Impfdosierungen oder Medikationen wird noch immer der 70-kg-Mann als Normpatient zugrunde gelegt. Das greift aber oft zu kurz. Insbesondere Geschlechterunterschiede können eine signifikante Auswirkung haben, die eine stärker personalisierte Medizin sinnvoll macht. (Symbolbild)
(Bild: GPT Image Editor / KI-generiert)

Eine Impfung bzw. ein Medikament wirkt unterschiedlich, je nachdem wer sie bekommt. Nicht nur sind für Kinder besonders niedrige Dosen und hohe Schutzanforderungen einzuhalten, auch zwischen Erwachsenen kann es von Person zu Person unterschiedlich starke Wirkungen oder Nebenwirkungen geben. Einer aktuellen Arbeit von Forschern der Uniklinik Jena zufolge sollen Ärzte daher stärker als bislang auf Alter und Geschlecht ihrer Patienten achten, wenn sie Medikamente verordnen.

Leiter der Studie war Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene des Klinikums. Bei Impfempfehlungen beispielsweise wäre es aus seiner Sicht grundsätzlich sinnvoll, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Das könne zum Beispiel bedeuten, für Männer ab einem Alter von 50 Jahren eine Impfempfehlung zur Immunisierung gegen bestimmte Krankheiten auszusprechen, während es eine solche Empfehlung für Frauen erst ab einem Alter von 55 oder 60 Jahren gebe. „Das wäre für beide Geschlechter von Vorteil“, sagte Pletz. Forscher in seinem Bereich hätten in einer Studie zeigen können, dass das Immunsystem von Frauen und Männern unterschiedlich schnell altere.

Dosis oder Zeitpunkt der Behandlung individuell anpassen

Eine andere Möglichkeit auf diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu reagieren, könne sein, die Impfdosen anzupassen, sagte Pletz. Es sei in der Forschung seit längerem bekannt, dass Frauen oft stärkere Impfreaktionen zeigten als Männer. Dazu gehörten bei ihnen stärkere Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle oder auch eine stärkere Abgeschlagenheit infolge solcher Immunisierungen.

Beide Optionen – entweder den Zeitpunkt der Gabe von medizinischen Substanzen oder deren Dosis anzupassen – gebe es auch dann, wenn Patienten infolge einer Erkrankung Medikamente bräuchten, sagte Pletz. Ihm zufolge sind die Mediziner bei der Behandlung von Krebspatienten auf dem Weg zu einer möglichst stark personalisierten Medizin bereits weit. In vielen anderen Bereichen dagegen werde noch zu oft von 70 Kilogramm schweren Männern als Normpatienten ausgegangen.

„Bei der Sepsis bräuchten wir definitiv eine personalisierte Medizin“, sagte Pletz. Eine solche umgangssprachlich als Blutvergiftung bekannte Krankheit entwickele sich oft innerhalb von Stunden. „Da fehlt uns schlichtweg die Zeit für Behandlungen, die nicht schnell anschlagen.“ Bei einer Sepsis handelt es sich um die schwerste Form einer Infektion. Sie kann aus jeder Infektion entstehen und endet fast immer tödlich, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird.

Immunsystem von Männern altert teils schneller

Für die aktuellen Forschungen der Uniklinik zum unterschiedlichen Altern des Immunsystems von Männern und Frauen haben Forscher um Pletz auf Daten zurückgegriffen, die sie während der Corona-Pandemie bei etwa 230 Männern und Frauen in Neustadt am Rennsteig erhoben hatten. Der Ort im Ilm-Kreis war zu Beginn der Pandemie im März 2020 von der Außenwelt abgeriegelt worden, nachdem dort mehrere Infektionen mit Sars-CoV-2 festgestellt worden waren. Daraufhin waren unter der Leitung von Pletz dort Daten gesammelt worden. Die aktuellen Forschungsergebnisse sind eine Art Nebenprodukt dieser Sammlung.

Eine zentrale Erkenntnis dieser Forschungen ist, dass sich zumindest ein Teil des Immunsystems von Männern und Frauen über das gesamte Leben hinweg unterscheidet und auch unterschiedlich schnell altert. Eine für die körpereigene Abwehr besonders wichtige Art von so genannten T-Zellen würden bei Männern schneller zurückgehen als bei Frauen, sagte Pletz. Männer seien deshalb im höheren Alter anfälliger gegenüber Infektionen und würden dann auch häufiger daran sterben als Frauen.

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Weiterführende Information: Hansen, C.S., Sellau, J., Langanz, A. et al.: Sex shapes CD64 expression and vaccine-induced monocytic responses. Biol Sex Differ 17, 77 (2026); DOI: 10.1186/s13293-026-00897-7