Seit über 150 Jahren gibt es das Periodensystem der chemischen Elemente. Doch schon vorher versuchten Gelehrte, Ordnung ins Chaos der Elemente zu bringen – stets limitiert durch das jeweilige Wissen ihrer Zeit. Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Mathematik in den Naturwissenschaften hat nun potenzielle Periodensysteme des 19. Jahrhunderts modelliert.
Der chemische Raum stellt die Grundlage – das verfügbare Wissen – für das Periodensystem der chemischen Elemente dar (Symbolbild).
(Bild: Thomas Endler / Max Planck Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften)
Leipzig – In den 1860er Jahren stellten die Chemiker Lothar Meyer und Dmitri Mendelejew unabhängig voneinander das erste Periodensystem der chemischen Elemente (PSE) vor. Seitdem gilt die allseits bekannte tabellarische Anordnung als Leitbild der Chemie. Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Mathematik in den Naturwissenschaften und des Interdisziplinären Zentrums für Bioinformatik der Universität Leipzig hat sich die Entwicklung dieser Übersicht nun genauer angesehen. Auf Grundlage umfangreicher Datensätze der Chemie-Datenbank Reaxys liefern die Wissenschaftler computergestützte Ansätze, welche die Formulierung der ersten Periodensysteme der Elemente erklären. Ihre Ergebnisse sind sowohl für die Wissenschaftsgeschichte als auch die künftige Entwicklung chemischen Wissens relevant.
Ordnung im chemischen Raum
Die Wissenschaftler blicken in ihrer Veröffentlichung auf die Anfänge des Periodensystems chemischer Elemente zurück, dessen Struktur durch ein Geflecht von Ähnlichkeits- und Ordnungsbeziehungen zwischen den Elementen gekennzeichnet ist. Periodensysteme entstanden aus dem Wissen über die zum damaligen Zeitpunkt bekannten existierenden oder potenziell möglichen chemischen Elemente und Verbindungen. Die Gesamtheit dieser Komponenten bildet den so genannten chemischen Raum. Ordnungsbeziehungen zwischen den Elementen wurden ursprünglich auf Basis von deren Atomgewichten aufgestellt, während Ähnlichkeiten in Bezug auf Gemeinsamkeiten in der chemischen Zusammensetzung betrachtet wurden. So wie das Wissen über chemische Stoffe im Laufe der Wissenschaftsgeschichte wuchs, so entwickelten sich auch potenziell mögliche Periodensysteme – beeinflusst durch den Zustand des chemischen Raumes der jeweiligen Zeit – immer weiter.
„Uns reizte die Frage, wie die Ausdehnung des chemischen Raumes zur Entstehung der ersten Periodensysteme beigetragen hat. Hierüber war bis dato wenig bekannt“, sagt Guillermo Restrepo, Projektleiter am Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften. „Also haben wir insbesondere den chemischen Raum zwischen 1800 und 1869 untersucht und hinterfragen, wie gut das Periodensystem mit den chemischen Daten zum Zeitpunkt seiner Formulierung übereinstimmt“
Periodensysteme zwischen 1800 und 1869
Ihre Analysen der Kenntnisse über den chemischen Raum deckten auf, dass das Periodensystem der chemischen Elemente bereits in den 1840er Jahren zu einer deutlich sichtbaren Grundstruktur konvergierte und somit bereits etwa zweieinhalb Jahrzehnte vor seiner Formulierung im Raum kodiert war.
Der Beginn des 19. Jahrhunderts war durch eine rasche Entdeckung chemischer Elemente und ihrer Verbindungen gekennzeichnet und führte zu einer instabilen Periode mit verschiedenartigsten Periodensystemen, von denen nur einige wenige den Test der Zeit bestanden.
1826 verlangsamte sich die Entdeckung von Elementen, sodass die Chemiker die Eigenschaften der bekannten Stoffe weiter erforschen und Verbindungen entdecken konnten, die neue Valenzen und damit neue Ähnlichkeiten zwischen den chemischen Elementen aufwiesen. Diese Erkenntnisse blieben über Jahre bestehen und sorgten für eine Konsolidierung des chemischen Raumes und damit für recht stabile Periodensysteme.
Zwischen 1835 und 1845 näherte sich das PSE weiter an seine Grundstruktur an, die letztendlich in den 1860er Jahren enthüllt wurde.
Einfluss der organischen Chemie
Für die heute bekannte Form des PSE trug die organische Chemie einen entscheidenden Teil bei. „Das Aufkommen der organischen Chemie in den 1830er Jahren spielte eine Schlüsselrolle bei der Erkennung von Ähnlichkeiten zwischen Elementen, die im chemischen Raum massiv vertreten sind, wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel, und zwischen Metallen, die oft mit organischen Verbindungen assoziiert sind, wie Natrium, Kalium, Palladium, Platin, Barium und Calcium“, sagt Wilmer Leal, Doktorand am Max-Planck-Institut und der Universität Leipzig. „Gleichzeitig verdeckte die Fülle der organischen Verbindungen die Identifizierung von Ähnlichkeiten zwischen Metallen, die im organischen Raum nur schwach vertreten sind.“
Das PSE durch die Linse der Vergangenheit betrachten Wie sahen Chemiker des 19. Jahrhunderts die Welt der Elemente? Mit interaktiven Grafiken können Sie die sich Gemeinsamkeiten der Elemente darstellen lassen, wie sie nach dem Wissensstand der damaligen Zeit gesehen worden wären. Auch die zeitliche Entdeckung der verschiedenen Elemente wird hier gezeigt.
Was die Periodensysteme von Meyer und Mendelejew betrifft, so konnten sich beide Chemiker bereits damals bereits auf einen ausgereiften chemischen Raum und eine recht stabile Reihe von Atomgewichten stützen. Die von ihnen formulierten Systeme stimmten daher weitgehend mit anderen Periodensystemen überein, die nach der rechnerischen Analyse zu dieser Zeit möglich gewesen wären.
Mit dem Computer zurück ins 19. Jahrhundert
Ähnlichkeitsbeziehungen der Elemente im PSE, wie sie mit dem Wissen von 1864 gesehen worden wären. Interaktive Grafiken dazu gibt es auf https://mchem.bioinf.uni-leipzig.de/1868/main.html
(Bild: Uni Leipzig, DOI: 10.1073/pnas.2119083119)
Um den chemischen Raum vor 1869 nachzubilden und die Rolle der im 19. Jahrhundert bekannten Atomgewichte zu berücksichtigen, nutzten die Forscher die Chemie-Datenbank Reaxys und führten auf deren umfangreichen Informationen basierend einen Algorithmus zur Anpassung des chemischen Raums an verschiedene Gewichtssätze ein. Damit konnten die Forscher potenzielle Periodensysteme der Vergangenheit simulieren. Der Algorithmus wandelt dazu aktuelle chemische Formeln so um, dass sie zu jedem beliebigen System von Atomgewichten passen. Er erlaubt Annäherungen an den chemischen Raum, der den Chemikern der Vergangenheit bekannt war, und schätzt daraus entwickelnde periodische Systeme der Zeit ab.
Stand: 08.12.2025
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Bei der Analyse der verschiedensten im Laufe der Zeit formulierten Periodensysteme stellte sich zudem heraus, dass deren Struktur hauptsächlich durch die Ähnlichkeiten zwischen den chemischen Elementen bestimmt wurde und weniger durch deren auf Atomgewichten beruhenden Ordnung. „Die Messung dieser Ähnlichkeiten war für uns der schwierigste Teil und die Ergebnisse durchaus überraschend“, sagt Peter Stadler vom Interdisziplinären Zentrum für Bioinformatik der Universität Leipzig. „Bisher nahm man an, dass Periodensysteme nur dann formuliert werden könnten, wenn ein stabiles System von Atomgewichten gegeben ist. Wir konnten jedoch nachweisen, dass selbst die vor 1860 beobachteten instabilen Gewichtszustände bereits recht stabile Periodensysteme hervorbrachten.“
Chemiegeschichte mit Blick in die Zukunft
Die in der Arbeit vorgestellte Methode zur Ermittlung eines periodischen Systems für einen chemischen Raum ist nicht nur auf die Vergangenheit beschränkt, sondern kann auch auf alle möglichen Umgebungen angewandt werden, beispielsweise die Erforschung chemischer Räume, die unter extremen Druck- und Temperaturbedingungen erzeugt wurden. Die neue Methode könnte ein umfassendes Bild der Chemie in Echtzeit liefern, was auch Auswirkungen auf die Lehre und die Zukunft des Fachgebietes hätte. Obwohl ihr Ansatz eher rechnerisch als historisch ist, hoffen die Wissenschaftler, dass er andere Instrumente der Chemiegeschichte sinnvoll ergänzen und zur Wissenserweiterung im Fachgebiet beitragen kann.