English China

Studie zur Taktsynchronisation Die Genetik des Taktgefühls

Von Ina Wittmann*

Anbieter zum Thema

Der Beat läuft und wir wippen mit – fast automatisch. Liegt es etwa in unseren Genen, dass wir uns im Rhythmus der Musik bewegen? Dieser Frage hat sich jüngst ein internationales Forschungsteam gewidmet.

Das Rhythmusgefühl weist einige der gleichen genetischen Strukturen auf, die auch bei biologischen Rhythmen wie Gehen oder Atmen eine Rolle spielen.
Das Rhythmusgefühl weist einige der gleichen genetischen Strukturen auf, die auch bei biologischen Rhythmen wie Gehen oder Atmen eine Rolle spielen.
(Bild: MPI für empirische Ästhetik/F. Bernoully )

Ob beim Klatschen oder beim Tanzen – manchen Menschen scheint das Taktgefühl „im Blut“ zu liegen, andere sind immer eine Zehntelsekunde hinter dem Beat oder gar völlig aus dem Takt. Woran liegt das? Dieser Frage hat sich ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Vanderbilt University in Nashville, USA, und des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt am Main gewidmet. An der Studie waren Wissenschaftler von zehn Forschungsinstituten aus sechs Ländern. Das interdisziplinäre Team bestand aus Experten für komplexe Genetik, Musikkognition, Evolutionsbiologie, Evolution, Musik- und Neurowissenschaften. Gemeinsam mit dem Biotechnologieunternehmen 23andMe, Inc. (Sunnyvale, USA) realisierten sie die erste groß angelegte genomweite Assoziationsstudie zu einem musikalischen Merkmal.

Klopfen, Klatschen, Tanzen für die Wissenschaft

Insgesamt 606.825 Forschungsteilnehmer gaben Auskunft darüber, ob sie im Takt eines musikalischen Beats klatschen können. Zur Überprüfung der Zuverlässigkeit dieser Selbstauskunft führten die Wissenschaftler unter der Leitung von Nori Jacoby vom MPIEA eine Reihe von Online-Experimenten durch. Hierfür nutzten sie bei einer kleineren, separaten Gruppe von Studienteilnehmern eine neue Technologie zur Online-Messung von Klopfreaktionen in Echtzeit („REPP“): Während die Teilnehmer an ihren Computern zu Hause Musik hörten, zeichnete das Team ihre Klopfreaktionen mit dem Computermikrofon auf und ermittelte genau, wann sie im Verhältnis zum musikalischen Takt klopften.

„Die menschliche Fähigkeit, sich synchron zum Takt der Musik zu bewegen, bezeichnet man als Taktsynchronisation. Unsere Validierungs-Experimente ergaben, dass die Selbsteinschätzung der Teilnehmer:innen mit der objektiv gemessenen Taktsynchronisation übereinstimmten. Die aus der großen Stichprobe gewonnenen Daten waren also zuverlässig – auch, wenn hier nur eine einzige Frage bewertet wurde“, erklärt Jacoby.

69 unabhängige genetische Varianten identifiziert

Der umfangreiche Forschungsdatensatz bot den Wissenschaftlern die Gelegenheit, selbst kleine genetische Merkmale zu erfassen. So konnte das Team 69 unabhängige genetische Varianten identifizieren, die mit der Taktsynchronisation in Verbindung stehen. Damit war klar: Das Rhythmusgefühl wird nicht nur von einem einzigen Gen, sondern von vielen verschiedenen Genen beeinflusst.

Viele der Varianten befinden sich in oder in der Nähe von Genen, die an neuronalen Funktionen und der frühen Gehirnentwicklung beteiligt sind. Darüber hinaus ergab die Studie, dass die Taktsynchronisation einige der gleichen genetischen Strukturen aufweist, die auch bei biologischen Rhythmen wie Gehen oder Atmen eine Rolle spielen. Zudem fanden die Forscher Zusammenhänge mit einer Reihe von Merkmalen, die auch mit dem Altern zusammenhängen, wie Lungenfunktion oder Motorik.

„Wie auch bei anderen komplexen Merkmalen gibt es hier viele Gene mit geringer Auswirkung – wahrscheinlich sogar mehr, als wir identifizieren konnten. Zusammen erklären sie einen Teil der Unterschiede bei der Rhythmusfähigkeit der Menschen. Doch auch die Umwelt spielt eine entscheidende Rolle“, berichtet Miriam A. Mosing vom MPIEA.

Verbindungen zwischen menschlichem Genom und Musikalität verstehen

Die Erkenntnisse aus dieser Studie sind ein großer Fortschritt für das wissenschaftliche Verständnis der Verbindungen zwischen menschlichem Genom und Musikalität. Allerdings lassen sie keine deterministischen Rückschlüsse zu.

Um sicherzustellen, dass die Ergebnisse auf verantwortungsvolle Weise interpretiert werden, haben die Autoren gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern ein Begleitpapier veröffentlicht, in dem die gesellschaftlichen und ethischen Auswirkungen, Risiken und Möglichkeiten dieser Studie erörtert werden.

Originalpublikation: Niarchou, M., Gustavson, D. E., Sathirapongsasuti, J. F., Anglada-Tort, M., Eising, E., Bell, E., McArthur, E., Straub, P., 23andMe Research Team, McAuley, J. D., Capra, J. A., Ullén, F. U., Creanza, N., Mosing, M. A., Hinds, D. A., Davis, L. K., Jacoby, N., & Gordon, R. L. (2022). Genome-Wide Association Study of Musical Beat Synchronization Demonstrates High Polygenicity. Nature Human Behaviour. Advance online publication. doi:10.1038/s41562-022-01359-x

* I. Wittmann, Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, 60322 Frankfurt am Main

(ID:48482660)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung