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Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) Entzündungsschock bei Kindern nach Corona – Ursache ist wohl ein anderes Virus

Quelle: dpa 4 min Lesedauer

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Nach einer Corona-Infektion brechen bei Kindern in seltenen Fällen heftige Entzündungsreaktionen aus. Dieses als PIMS bekannte Krankheitsbild ist vermutlich auf andere schlummernde Erreger zurückzuführen, die das geschwächte Immunsystem nicht mehr in Schach halten kann.

Das PIM-Syndrom ist eine seltene Entzündungreaktion bei Kindern nach einer Covid-19 Infektion. Forscher haben nun eine mögliche Ursache dafür entdeckt, die auf einem anderen Virus beruht. (Symbolbild)(Bild:  Bernard Chantal - stock.adobe.com)
Das PIM-Syndrom ist eine seltene Entzündungreaktion bei Kindern nach einer Covid-19 Infektion. Forscher haben nun eine mögliche Ursache dafür entdeckt, die auf einem anderen Virus beruht. (Symbolbild)
(Bild: Bernard Chantal - stock.adobe.com)

(dpa) – Wissenschaftler haben eine mögliche Erklärung für die schwere Entzündungsreaktion PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) bei Kindern gefunden. Ein solcher heftiger Entzündungsschock kann in seltenen Fällen bei Kindern und Jugendlichen mehrere Wochen nach einer Corona-Infektion auftreten und lebensbedrohlich sein. Den Ergebnissen einer neuen Studie zufolge hängt der Entzündungsschock mit dem Wiederaufflammen eines anderen Erregers zusammen: dem Epstein-Barr-Virus (EBV).

Das Epstein-Barr-Virus ist bekannt als Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Meist bleibt eine Infektion laut Berliner Universitätsmedizin Charité unbemerkt; rund 90 Prozent der Menschen stecken sich demnach im Laufe ihres Lebens mit dem Erreger an. Eine Infektion kann aber auch grippeähnliche Beschwerden auslösen und teils viele Wochen der Genesung erfordern.

Wiedererwachte Epstein-Barr-Viren

Selbst nach einer überstandenen akuten EBV-Infektion sei das Virus noch im Körper vorhanden, erklärt Studienautor Tilmann Kallinich, Kinderarzt mit Schwerpunkt Rheumatologie an der Charité. Es niste sich in verschiedenen Zellen des Körpers ein und überdauere ein Leben lang im Menschen. „Es kann Jahre nach der ersten Infektion wieder aufflammen, beispielsweise wenn das Immunsystem geschwächt ist.“

Genau dieses Aufflammen haben die Wissenschaftler nun bei Kindern mit PIMS festgestellt, wie sie im Fachmagazin Nature schreiben. Das Immunsystem der Kinder sei durch die Corona-Infektion durcheinandergeraten und habe die ruhende EBV-Infektion nicht mehr in Schach halten können. Ob die untersuchten Kinder zuvor eine akute EBV-Infektion mit Symptomen durchgemacht hatten oder die Infektion unbemerkt blieb, sei unklar, sagt Kallinich.

B-Zellen entlarven schlummernde Viren

Für die Studie haben die Experten der Charité und des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums (DRFZ) 145 Kinder im Alter zwischen 2 und 18 Jahren untersucht. Die Kinder wurden zwischen 2021 und 2023 wegen PIMS in der Charité sowie in Krankenhäusern in Frankreich, Italien, der Türkei und Chile behandelt. Zum Vergleich zogen die Forscher 105 Kinder heran, die ebenfalls eine Corona-Infektion durchgemacht, aber kein PIMS entwickelt hatten.

PIMS: Symptome und Behandlungschancen

Kinder mit PIMS entwickeln vier bis acht Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion zum Beispiel eine Herzschwäche, hohes Fieber und Hautausschläge. Betroffene müssen im Krankenhaus behandelt werden, etwa die Hälfte kommt auf die Intensivstation.

Die Krankheit ist den Forschern zufolge aber gut behandelbar, die allermeisten Kinder werden wieder gesund. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie wurden zwischen Januar 2020 und April 2023 insgesamt 926 PIMS-Fälle gemeldet. Die Studienautoren gehen von einer höheren Dunkelziffer aus. Todesfälle sind in Deutschland nicht bekannt.

Bei etwa zwei Dritteln der Kinder mit PIMS fanden die Forscher im Blut B-Zellen, die mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert waren. Bei Kindern ohne PIMS gab es diese Nachweise nicht. B-Zellen gehören zu den weißen Blutkörperchen und machen zusammen mit den T-Zellen den Teil des Immunsystems aus, der sich an neue Krankheitserreger anpassen kann.

Alle Kinder mit PIMS zeigten eine Vermehrung von EBV-spezifischen T-Zellen, was mit einer großen Wahrscheinlichkeit darauf hindeute, dass bei allen Kindern ein Wiederaufflammen des Epstein-Barr-Virus für die Erkrankung verantwortlich sei, erklärt Mir-Farzin Mashreghi, ein weiterer der Studienautoren. Der Immunologe ist stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des DRFZ und forscht an der Charité.

Das Immunsystem scheitert an einem Botenstoff

Außerdem entdeckten die Wissenschaftler bei 80 Prozent der Kinder mit PIMS ebenfalls EBV-spezifische Antikörper. Das zeige, dass der Körper aktiv versucht habe, sich gegen den Erreger zur Wehr zu setzen – allerdings ohne Erfolg.

Dieses Scheitern hängt der Studie zufolge mit einer ungewöhnlich großen Menge des Botenstoffes TGFβ zusammen, den der Körper der Kinder infolge der Corona-Infektion produzierte. Der Botenstoff hemme die Funktion der Immunzellen und verringere die Schlagkraft gegen das Epstein-Barr-Virus. Dadurch könne sich das Virus wieder vermehren und der Körper produziere mehr Immunzellen dagegen, die aber weiter nicht funktionsfähig seien. „Das gipfelt schließlich in einer extremen Entzündungsreaktion, die Organe schädigen und potenziell tödlich verlaufen kann“, sagt Mashreghi.

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Die Erkenntnisse könnten nach Angaben der Studienautoren auch für andere Corona-bedingte Krankheiten hilfreich sein, zum Beispiel Long Covid, also gesundheitliche Langzeitfolgen durch eine Corona-Infektion. Auch für Long Covid gebe es Hinweise, dass die Reaktivierung von schlafenden Viren eine Rolle spiele. „Vielleicht gibt es hier Parallelen zu den Vorgängen bei PIMS, dann wären TGFβ-Hemmer potenzielle Kandidaten für eine Therapie gegen Long Covid“, erläutert Mashreghi.

Wie viele PIMS-Fälle gibt es?

Seit Herbst 2022 werden nur noch sporadisch PIMS-Fälle gemeldet, wie Markus Hufnagel von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) sagt. Grund dafür sei die hohe Grundimmunität in der Bevölkerung, die auch Kinder betreffe. PIMS trete nur nach einem Erstkontakt mit SARS-CoV-2 auf.

Außerdem spiele wahrscheinlich eine Rolle, dass die Corona-Varianten seit Herbst 2022 das Immunsystem selbst bei einem Erstkontakt mit dem Virus weniger stimulierten. „Oder solche Fälle verlaufen milder und werden deshalb nicht mehr als PIMS diagnostiziert“, erklärt Hufnagel.

Eine Übersicht der Fälle im Zeitraum von Januar 2020 bis April 2023 gibt es auf der Ergebnis-Seite des PIMS-Surveys von der DGPI. Demnach wurden in diesen gut drei Jahren 926 Fälle von Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland erfasst.

Originalpublikation: Goetzke, C.C., Massoud, M., Frischbutter, S. et al.: TGFβ links EBV to multisystem inflammatory syndrome in children, Nature (2025); DOI: 10.1038/s41586-025-08697-6

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