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Desinfektionsmittel vor dem Aus? CMR-Einstufung von Ethanol: Medizin und Industrie schlagen Alarm

Quelle: Paul Hartmann 2 min Lesedauer

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Die Europäische Chemikalienagentur prüft derzeit, ob Ethanol künftig als krebserregend, erbgutverändernd und fortpflanzungsgefährdend eingestuft wird. Ein Verbot in Desinfektionsmitteln hätte weitreichende Folgen für Krankenhäuser, Praxen und die Pandemieversorgung in Europa, warnen Experten bei einer Veranstaltung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie e.V. in Berlin.

Experten warnen in Berlin, dass eine geplante EU-Neueinstufung von Ethanol als CMR-Stoff die Infektionsprävention und Krisenresilienz Europas gefährden könnte.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Experten warnen in Berlin, dass eine geplante EU-Neueinstufung von Ethanol als CMR-Stoff die Infektionsprävention und Krisenresilienz Europas gefährden könnte.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Ethanol steht vor einer regulatorischen Neubewertung. Die Europäische Chemikalienagentur (Echa) plant, den Wirkstoff als so genannten CMR-Stoff einzustufen – also als krebserregend (cancerogen), erbgutverändernd (mutagen) und womöglich auch fortpflanzungsgefährdend (reproduktionstoxisch). Damit könnte der Einsatz verboten werden oder nur noch unter sehr strengen Auflagen erfolgen. Das hätte weitreichende Folgen für das Gesundheitswesen: Ethanol ist ein wesentlicher Wirkstoff in Desinfektionsmitteln, da er besonders effektiv gegen Bakterien und Viren wirkt. Ethanolhaltige Desinfektionsmittel dürften nicht mehr frei in medizinischen oder öffentlichen Einrichtungen eingesetzt werden.

„Ethanol ist der Alkohol mit extrem breiter Wirksamkeit, gegen verschiedene Erreger“, sagt Prof. Johannes Knobloch Facharzt für Mikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemiologie und Krankenhaushygiene und Leiter des Arbeitsbereiches Krankenhaushygiene am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie e. V. und Bode Chemie, einem Unternehmen der Hartmann Gruppe. Zwar gebe es Ersatzstoffe. Diese seien aber weniger wirksam und auch nicht in der Breite verfügbar.

Fachleute warnen, dass es bei einer Einschränkung von Ethanol keinen sicheren Schutz in Kliniken und Praxen gäbe. Infektionen könnten sich ungebremst ausbreiten. „Seit 60 Jahren verwenden wir Ethanol als Einreibeprodukt, um die Hände zu desinfizieren“, so Knobloch. „Wenn eine Kampagne gegen Ethanol ausgerollt wird, kann das Vertrauen in die Händedesinfektion bei Beschäftigten in der Gesundheitsversorgung massiv beeinträchtigt werden.“ Damit würde ein wichtiger Grundpfeiler der Prävention wegbrechen.

Eine entsprechende CMR-Einstufung könnte außerdem die strategische Krisenvorsorge Europas erheblich schwächen. „Die nächste Pandemie kommt bestimmt“, betont Prof. Andreas Widmer, Präsident des Nationalen Zentrums für Infektionsprävention der Schweiz (Swissnoso).

Grundsätzlich sei es richtig, Stoffe auf ihre Gefährlichkeit zu untersuchen, sagt Knobloch. „Das Verfahren ist richtig und wichtig.“ Denn damit werde dafür gesorgt, sichere Produkte am Markt zu haben. Die verschärfte Einstufung basiere allerdings ausschließlich auf Daten zur übermäßigen oralen Aufnahme von Ethanolgemischen (Trinkalkohol), die keine Differenzierung im medizinischen Einsatz berücksichtigen. „Das ist der bürokratische Fehler in diesem Verfahren.“ Die Entscheidung der Echa soll im November fallen.

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