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Der enzymatische Weg zur Windelverwertung Zuckermoleküle aus alten Windeln

Quelle: Pressemitteilung NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut an der Universität Tübingen 3 min Lesedauer

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Windeln können bis zu 70% des Haushaltsmülls ausmachen, doch Recycling ist bisher kaum möglich. Wissenschaftlern des Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut in Reutlingen (NMI) haben es nun geschafft, die Windeln mithilfe von Enzymen in ihre Bestandteile zu trennen. Ein wichtiger Schritt für mehr Nachhaltigkeit.

Windeln sind ein so genanntes Verbundmaterial aus Zellulose und einem Superabsorber. Die Herausforderung beim Recycling besteht vor allem in der Trennung dieser zwei Materialien. (Symbolbild) (Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Windeln sind ein so genanntes Verbundmaterial aus Zellulose und einem Superabsorber. Die Herausforderung beim Recycling besteht vor allem in der Trennung dieser zwei Materialien. (Symbolbild)
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Papier, Glas, Plastik, sogar Beton: Viele Materialien werden inzwischen recycelt. Bei Windeln hingegen funktioniert das bis heute praktisch nicht. Weltweit werden weniger als ein Prozent aller Windeln recycelt – und das bei einem Anteil von Windeln am Hausmüll von etwa zehn Prozent (in Pflegeheimen kann dieser Anteil bis auf 70 Prozent ansteigen). Die Herausforderung ist die Trennung der Zellulose in den Windeln von dem Superabsorber, der die Flüssigkeit aufnimmt. Einem Team von Forschenden um Dr. Anne Zeck, Gruppenleiterin am NMI Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut in Reutlingen, ist nun im Rahmen des Invest BW-Projekts Encycling mithilfe von Enzymen ein wichtiger Fortschritt beim Windelrecycling gelungen.

Mischung von Zellulose und dem Superabsorber

Windeln sind ein so genanntes Verbundmaterial. In ihrem Inneren befindet sich eine Mischung von Zellulose, die in diesem Fall Watte-artig und für ein möglichst angenehmes Tragegefühl notwendig ist, und dem so genannten Superabsorber, der aus dem Natriumsalz der Polyacrylsäure besteht und ein Vielfaches des eigenen Gewichts an Flüssigkeit aufnehmen kann. Beide Materialien sind für sich genommen gut recycelbar. Im Falle von Windeln müssen sie aber zunächst entmischt werden. Das ist kompliziert – und nicht bei allen Herstellern möglich.

Extrem zähflüssige Masse

Beim Recycling der Windelmasse gibt es allerdings ein Problem: „Wenn auf diese Mischung aus Zellulose und Superabsorber eine Flüssigkeit kommt, entsteht daraus eine gelförmige Masse. Eine gute Durchmischung und Behandlung der Masse mit Enzymen wird dadurch unmöglich“, schildert Zeck. Durch Zugabe von Kalziumchlorid gibt der Superabsorber die gebundene Flüssigkeit wieder ab. Die geschredderte Windelmasse kann nun gut durchmischt werden.

Forschende um Dr. Anne Zeck ist es mithilfe von Enzymen gelungen, in Verbundmaterial die Zellulose abzubauen(Bild:  NMI)
Forschende um Dr. Anne Zeck ist es mithilfe von Enzymen gelungen, in Verbundmaterial die Zellulose abzubauen
(Bild: NMI)

Zellulose-Abbau ist nicht neu – in Windeln aber schon

Der nächste Schritt war die Suche nach Enzymen, welche den Zellulose-Abbau übernehmen können. „Bei dieser Suche sind vor allem zwei Kriterien wichtig: Aus einem riesigen Angebot an Enzymen mussten wir welche finden, die in dem sehr speziellen Umfeld einer Windel zuverlässig in der Lage sind, die Zellulose in lösliche Zuckermoleküle umzuwandeln. Zugleich durften diese Enzyme aber nicht zu teuer sein, damit die Technik eine realistische Chance hat, später auf dem Markt zu bestehen“, beschreibt Zeck die Herausforderungen. Bei dieser Suche unterstützte die Firma Candidum.

0,7 Gramm Enzyme bauen 800 Gramm Zellulose ab

Ganze 0,7 Gramm der letztlich ausgewählten Enzyme gab das Forschungsteam auf 5,8 Kilogramm Windelmaterial, das sie zuvor geschreddert und mit Wasser getränkt hatten – denn Windeln landen nun mal in gebrauchtem, also feuchtem Zustand im Müll. Diese Mischung schüttelten sie mehrere Tage bei 50 Grad Celsius. In dieser Zeit bauten die Enzyme 800 Gramm Zellulose ab und produzierten daraus Zucker, der mit der wässrigen Phase entfernt wurde. Übrig blieben fünf Kilogramm des geschredderten Windelmaterials, welches vorwiegend Superabsorber enthält.

Ein wichtiger Schritt – dem weitere folgen müssen

Als nächstes wird die Firma Arcus Greencycling in Technikumsmaßstab testen, ob das Zellulose-arme Verbundmaterial sich deutlich besser chemisch recyclen lässt. Vereinfacht ausgedrückt geht es um die Frage, ob eine Pyrolyse und somit die Rückführung der Rohstoffe in den Kreislauf besser gelingt. Für die Zucker-haltige Flüssigkeit sollen Wege geprüft werden, um diese zukünftig stofflich nutzen zu können. Der Wasserverbrauch muss ebenfalls noch optimiert werden. Denn erst dann wäre das Recycling wirklich erfolgreich und sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll. Auf dem Weg dorthin ist der erfolgreiche Einsatz der Enzyme in schwieriger Umgebung bereits jetzt ein Fortschritt.

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