Wenn 1.000 Wissenschaftler zehn Jahre lang forschen, kommt einiges an Erkenntnissen zusammen. In dem EU-Großprojekt Graphene Flagship haben die Kollaborateure u. a. untersucht, welche Gesundheitsgefahren von dem 2D-Material Graphen ausgehen. Ein erster Review-Artikel vereint zentrale Ergebnisse nun auf 60 Seiten.
Die „Graphene-Flagship“-Initiative hat die Auswirkungen von Graphen (blau) und verwandten Materialien auf Gesundheit und Umwelt untersucht. (Kolorierte Rasterelektronenmikroskopie)
(Bild: Empa)
Mit einem Budget von insgesamt einer Milliarde Euro startete 2013 Europas größte Forschungsinitiative mit dem passenden Titel „Graphene Flagship“. Ende 2023 ist dieses Großprojekt abgeschlossen worden und hat nun einen ersten Review-Artikel im Fachjournal ACS Nano erhalten (s. Originalpublikation am Ende des Textes), in dem die Autoren auf knapp 60 Seiten die erarbeiteten Erkenntnisse zu den gesundheitlichen und ökologischen Risiken von Graphen-Materialien zusammenfassen. Die Referenzliste umfasst knapp 500 Originalveröffentlichungen.
Die gute Nachricht gleich vorweg: In Bezug auf eventuelle Gesundheitsgefahren durch Graphen geben die Forscher vorsichtig Entwarnung. „Wir haben die möglichen akuten Wirkungen von verschiedenen Graphenen und Graphen-ähnlichen Materialien an Lunge, im Magen-Darm-Trakt und in der Plazenta untersucht – und in allen Studien keine schwerwiegenden akuten zellschädigenden Effekte beobachtet“, fasst Peter Wick von der Empa die Ergebnisse zusammen. In Zellen der Lunge könnten zwar durchaus Stressreaktionen auftreten, aber das Gewebe erhole sich relativ rasch wieder. Einige der neueren „2D-Materialien“ wie Bornitride, Übergangsmetall-Dichalkogenide, Phosphorene und MXene (s. Kasten unten) seien allerdings noch wenig erforscht, ergänzt Wick; hier seien weitere Untersuchungen nötig.
In ihren Analysen haben sich Wick und Co. nicht nur auf neu hergestellte Graphen-ähnliche Materialien beschränkt, sondern den gesamten Lebenszyklus verschiedener Anwendungen von Graphen-haltigen Materialien unter die Lupe genommen. Also Fragen untersucht wie: Was passiert beim Abrieb oder beim Verbrennen dieser Materialien? Werden dabei Graphen-Teilchen freigesetzt, und kann dieser Feinstaub Zellen, Gewebe oder die Umwelt schädigen?
Ein Beispiel: Die Zugabe von einigen wenigen Prozent Graphen zu Polymeren, etwa Epoxidharze oder Polyamide, verbessert Materialeigenschaften wie mechanische Stabilität oder Leitfähigkeit deutlich, die Abriebpartikel verursachen aber keinen Graphen-spezifischen nanotoxischen Effekt auf die getesteten Zellen und Gewebe.
Empa-Forscher Peter Wick war im „Workpackage Health and Environment“ von Anfang an dabei.
(Bild: Empa)
Neben Wicks Team haben Empa-Forschende um Bernd Nowack über Stoffflussanalysen auch die mögliche künftige Umweltbelastung mit Graphen-haltigen Materialien berechnet und modelliert, welche Ökosysteme wie stark belastet sein dürften. Das Team von Roland Hischier, wie Nowack aus der Abteilung „Technologie und Gesellschaft“, hat mithilfe der Ökobilanz-Methode die ökologische Nachhaltigkeit unterschiedlicher Produktionsmethoden und Anwendungsbeispiele für verschiedene Graphen-Materialien untersucht. Und das Team von Roman Fasel aus dem „nanotech@surfaces“-Labor der Empa hat die Entwicklung elektronischer Bauelemente auf der Basis von schmalen Graphenstreifen vorangetrieben.
Die Neuentdeckung der zweiten Dimension: Graphen
Graphen ist ein vielversprechendes High-Tech-Material. Es besteht aus einer einzigen Schicht von wabenförmig angeordneten Kohlenstoffatomen und besitzt außergewöhnliche Eigenschaften: hohe mechanische Festigkeit, Flexibilität, Transparenz sowie hervorragende Wärme- und Stromleitfähigkeit. Schränkt man das ohnehin zweidimensionale Material räumlich noch mehr ein, etwa zu einem schmalen Band, entstehen sogar kontrollierbare Quanteneffekte. Dies könnte eine Vielzahl von Anwendungen ermöglichen, von Fahrzeugbau über Energiespeicherung bis hin zu Quanten-Computing.
Graphen besteht aus einer Monolage Kohlenstoffatome. Dieses besondere Material wurde 2004 erstmals hergestellt.
(Bild: artegorov3@gmail - stock.adobe.com)
Dabei war die Existenz dieses „Wundermaterials“ lange nur theoretisch. Erst 2004 konnten die Physiker Konstantin Novoselov und Andre Geim an der „University of Manchester“ Graphen erstmals gezielt herstellen und charakterisieren. Die Herstellung gelang mit verblüffend einfachen Mitteln: Mit einem Stück Klebeband trugen die Forscher so lange Graphitschichten ab, bis sie nur noch ein Atom dicke Flocken hatten. Für diese Arbeit erhielten sie 2010 den Nobelpreis für Physik.
Seither ist Graphen Gegenstand intensiver Forschung. Unterdessen haben Forschende weitere 2D-Materialien entdeckt, etwa die von Graphen abgeleiteten Graphensäure, Graphenoxid sowie Zyanographen, die Anwendungen in der Medizin haben könnten. Mit anorganischen 2D-Materialien wie Bornitrid oder MXene wollen Forschende leistungsfähigere Batterien bauen, elektronische Komponenten entwickeln oder andere Materialien verbessern.
Ein lohnendes Investment in die Forschung
Das 2013 gestartete Graphene Flagship stellte seinerzeit eine neue Form der gemeinsamen, koordinierten Forschung in bisher nicht gekanntem Umfang dar. Das Großprojekt hatte das Ziel, Forschende aus Forschungsinstitutionen und aus der Industrie zusammenzubringen, um innerhalb von zehn Jahren praktische Anwendungen mit Graphen aus den Labors zur Marktreife zu bringen und so Wirtschaftswachstum, neue Arbeitsplätze und neue Chancen in Schlüsseltechnologien für Europa zu schaffen. Das Konsortium bestand über seine gesamte Laufzeit aus mehr als 150 akademischen und industriellen Forschungsgruppen in 23 Ländern und hatte zahlreiche weitere assoziierte Mitglieder.
Voriges Jahr endete die zehnjährige Förderung mit der „Graphene Week“ im September im schwedischen Göteborg. Der Abschlussbericht zeigt die Erfolge des Projekts: knapp 5.000 wissenschaftliche Publikationen und mehr als 80 Patente wurden veröffentlicht. Es entstanden 17 Spin-offs im Graphenbereich, die insgesamt mehr als 130 Millionen Euro an „Venture Capital“ eingeworben haben. Gemäß einer Studie des deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR hat das Graphene Flagship zu einer Wertschöpfung von insgesamt rund 5,9 Milliarden Euro in den beteiligten Ländern geführt und mehr als 80.000 neue Jobs in Europa geschaffen. Damit sei die Wirkung dieses Großprojekts mehr als zehnmal größer als kürzere EU-Projekte, wie die Wirtschaftsforscher analysiert haben.
Vorteile von großen Forschungsprojekten
Die „Graphene Flagship“ Initiative in Zahlen
(Bild: Empa)
An die Empa flossen im Verlauf des Projekts insgesamt umgerechnet rund drei Millionen Euro – die durchaus „katalytisch“ wirkten, wie Empa-Forscher Wick betont: „Diese Summe haben wir durch Folgeprojekte in der Größenordnung von insgesamt rund 5,5 Millionen Franken rund verdreifacht, das waren weitere EU-Projekte, Projekte, die vom Schweizerischen Nationalfons (SNF) gefördert wurden, aber auch direkte Kooperationsprojekte mit unseren Industriepartnern – und das alles in den letzten fünf Jahren.“
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Doch der Vorteil derartiger Projekte geht weit über die großzügige Finanzierung hinaus, betont Wick: „Es ist wirklich einzigartig, in einem solch großen Projekt und breitem Netzwerk über so lange Zeit mit dabei zu sein. Zum einen haben sich daraus zahlreiche neue Kooperationen und Ideen für Projekte ergeben. Zum anderen hat es eine völlig andere Qualität, über eine so lange Zeit mit internationalen Partnern zusammenzuarbeiten, man vertraut sich fast blind; und ein derart eingespieltes Team ist deutlich effizienter und erbringt wissenschaftlich bessere Ergebnisse“, ist Wick überzeugt. Dabei seien nicht zuletzt auch viele persönliche Freundschaften entstanden.
Originalpublikation:
H Lin, T Buerki-Thurnherr, J Kaur, P Wick, M Pelin, A Tubaro, F Candotto Carniel, M Tretiach, E Flahaut, D Iglesias, E Vázquez, G Cellot, L Ballerini, V Castagnola, F Benfenati, A Armirotti, A Sallustrau, F Taran, M Keck, C Bussy, S Vranic, K Kostarelos, M Connolly, JM Navas, F Mouchet, L Gauthier, J Baker, B Suarez-Merino, T Kanerva, M Prato, B Fadeel, A Bianco; Environmental and Health Impacts of Graphene and Other Two-Dimensional Materials: A Graphene Flagship Perspective, ACS Nano, Publication Date: February 13, 2024, DOI: 10.1021/acsnano.3c09699