Deutschlands Chemie- und Pharmaindustrie schlägt Alarm. Auf der Jahrespressekonferenz des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) machte Präsident Markus Steilemann deutlich, wie angespannt die Lage ist und warum 2026 zum Wendepunkt für Standortpolitik und industrielles Selbstverständnis in Europa werden muss.
Ein Jahresvorsatz 2026 für die Chemie- und Pharmaindustrie: Mit den USA und China auf Augenhöhe kommen.
(Bild: VCI / Salome Roessler)
Deutschland muss „Europa neu denken“ und mit den USA und China auf Augenhöhe kommen. In der Realität bleibt die Chemie- und Pharmabranche 2025 im Krisenmodus: besinnliche Weihnachtsgrüße – aber keine besinnliche Wirtschaft.
Europa neu denken – und endlich mithalten
Europa verliert an Wettbewerbsfähigkeit, die USA und China geben längst das Tempo vor – gerade in Chemie und Pharma. Seit 2018 summiert sich der Rückgang des deutschen Wirtschaftswachstums auf 15 Prozent, 2024 fiel Deutschland erstmals aus den Top Ten der innovativsten Länder weltweit.
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Doch Resignation ist keine Option: „Wir sollten nicht verzweifeln“, betonte VCI-Präsident Markus Steilemann. Die Chemie in Deutschland sei geprägt von einem starken Mittelstand und vielen Hidden Champions – aber genau dieser Mittelstand „stirbt leise“. Was fehle, sei eine „Anpack-Mentalität“, politisch wie wirtschaftlich.
Passend zum Tag der Konferenz wurde der Wirtschaftsnobelpreis 2025 verliehen – an Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt. Ausgezeichnet wurden sie für ihre Weiterentwicklung von Schumpeters Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ und ihre Analysen, wie innovatives Denken Wachstum sichert und Stagnation verhindert. Ihre Arbeit unterstützt die VCI-Botschaft: „Fortschritt braucht Disruption, nicht Evolution“. Für die Industrie ein Signal, das aktueller kaum sein könnte.
Chemie im 30-Jahres-Tief, Pharma wackelt
Die Kennzahlen der Branche sprechen für sich:
Produktion und Erzeugerpreise: –0,5 %
Gesamtumsatz: –1 %
Chemieproduktion: –2,5 %, Umsatz –3 %
Anlagenauslastung: nur noch 70 % – ein historischer Tiefpunkt
Aufträge: seit 2021 um über 20 % eingebrochen
Beschäftigung: –0,5 % bzw. 2.400 Arbeitsplätze weniger
Während die Pharmaindustrie 2025 noch ein Produktionsplus von 3 % und ein Umsatzplus von 4 % erzielt, hat sich die aktuelle Geschäftslage auch hier spürbar eingetrübt. China baut seine Bedeutung als Produktionsstandort massiv aus – das bringt auch die Pharma als Sicherheitsanker Deutschlands ins Wackeln.
„Der Blick nach vorn wird nicht rosiger“, so Steilemann: Für 2026 erwartet der VCI eine stagnierende Produktion im Gesamtmarkt, in der Chemie einen weiteren Rückgang von 1 %. Das bedeutet: rund –2 % Umsatz, sowohl im Inland als auch im Export.
Forderung: Weniger Kosten und weniger Regeln
Das negative Stimmungsbild bestätigt auch eine repräsentative VCI-Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen: 20 Prozent der Befragten planen, ihre Produktion zu verlagern oder ganz stillzulegen. Jedes zehnte Unternehmen hat vor, komplette Standorte zu schließen. Mehr als 40 Prozent erwarten erneut sinkende Umsätze im Inland. Fast jedes zweite Unternehmen rechnet mit einer weiteren Verschlechterung der Erträge.
Neben hohen Energie- und Rohstoffkosten belasten Bürokratie, Emissionskosten, regulatorische Unsicherheit und schleppende Genehmigungen den Standort. Auch die Diskussion um den CO2-Emissionshandel beschäftigt die Branche. Während CO2 in Deutschland 80 Euro je Tonne koste, lägen die Preise in China bei nur etwa sieben Euro je Tonne laut Steilemann – ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil, insbesondere für Grundstoffproduzenten, die von der künftigen Verknappung der CO2-Zertifikate. Wo diese bisher zu großen Teilen kostenlos an die Chemie verteilt wurden, sollen im kommenden Jahr weitere Ausgaben anfallen. Weitere EU-Richtlinien wie der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) und die Classification, Labelling and Packaging-(CLP)-Verordnung verschärfen den Druck zusätzlich. Gerade der CBAM, der ab 2026 vollständig in Kraft treten soll, könnte etwas Luft verschaffen: Der Mechanismus soll den CO2-Preis auf den Import bestimmter emissionsintensiver Waren erheben, um sicherzustellen, dass importierte Produkte die gleichen CO2-Kosten tragen wie in der EU hergestellte. Ein Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu schützen und Emissionen weltweit zu senken.
Wie Steilemann es ausdrückt: „In Deutschland herrscht Unsicherheit. Unsicherheit erzeugt Angst und Angst untergräbt den Zusammenhalt. Wir brauchen weniger Bürokratie, weniger Kosten und vor allem verlässliche Entscheidungen.“
VCI fordert sechs Handlungsschritte
1. Strategische Produktionsstandorte sichern: für Resilienz, Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit.
2. Innovation stärken: durch verlässliche Rahmenbedingungen und Investitionen in F&E.
3. Ausgaben priorisieren, statt mit der Gießkanne verteilen: Fokus auf Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung und Zukunftstechnologien.
4. Mutige Reformen: in Energiepolitik, Behördenstrukturen und sozialen Sicherungssystemen.
5. Eine glaubwürdige Gesamtstrategie: langfristig, planbar, industriepolitisch kohärent.
6. Europa neu denken: mit gemeinsamer Industriepolitik, Kapitalmarktunion und einem vollendeten Binnenmarkt, um mit den USA und China mitzuhalten.
Der VCI zeichnet ein Glas, das halb leer ist – als größter Lobbyverband gehört das zum Rollenverständnis. Das ist aber kein Grund, die Hoffnung zu verlieren. Durch die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müsse das Potential Deutschlands jetzt wieder freigesetzt werden. Für Chemie- und Pharmaunternehmen heißt es: Die Lage ist ernst. Und Europa muss jetzt liefern. Daher gilt als Jahresvorsatz, der im besten Fall nicht nur den Januar anhält: Anpacken und das Licht am Ende des Tunnels nicht aus den Augen verlieren.
Stand: 08.12.2025
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