Verschiedene Medikamenten enthalten Zusatzstoffe aus umweltbelastenden per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS). Sie sollen dazu dienen, die Stabilität zu erhöhen und die Verteilung der Wirkstoffe im Körper zu verbessern. Eine aktuelle Studie der Universität Freiburg zeigt, dass ein EInsatz von PFAS bei den meisten Medikamenten nicht notwendig ist.
Ein Gutachten der Universität Freiburg im Auftrag des Umweltbundesamtes zeigt: Viele PFAS-haltige Arzneimittelwirkstoffe lassen sich durch PFAS-freie Alternativen ersetzen.
(Bild: Thomas Kunz / Universität Freiburg)
Ein Großteil der in der Human- und Tiermedizin eingesetzten PFAS-Arzneimittelwirkstoffe könnte perspektivisch durch PFAS-freie Alternativen ersetzt werden. Das ist das Ergebnis eines Gutachtens, das ein Forschungsteam um Prof. Dr. Michael Müller, Professor am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Freiburg, im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) erstellt hat. Die Untersuchung zeigt, dass für 87 Prozent der identifizierten Human- und 65 Prozent der Tierarzneimittel mit PFAS-Strukturen bereits Wirkstoffe ohne PFAS-Eigenschaften für dieselben Anwendungen existieren. Untersucht wurden 111 Human- und 28 Tierarzneimittelwirkstoffe, die nach der Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als PFAS gelten. Zudem konnten die Forschenden zeigen, dass sich für fast alle übrigen Humanarzneimittel bereits PFAS-freie Alternativen in der Entwicklung befinden.
Dass für fast alle Indikationen bereits PFAS-freie Alternativen existieren, ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass eine Per- beziehungsweise Polyfluorierung aus pharmakologischer Sicht nicht zwingend erforderlich ist.
Prof. Dr. Michael Müller, Professor am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Freiburg
UBA-Präsident Dr. Dirk Messner ergänzt: „Die Studienergebnisse zeigen deutlich, dass Umweltschutz und medizinische Versorgung keine Gegensätze sein müssen. Die Pharmaindustrie besitzt hier bereits im Entwicklungsprozess von Arzneimitteln einen enormen Hebel, um den Eintrag von langlebigen Chemikalien wie PFAS in unsere Gewässer und Böden in Zukunft deutlich zu reduzieren.“
PFAS nicht für medizinischen Effekt verantwortlich
Für die pharmazeutische Forschung liefert das Gutachten zudem grundlegende Erkenntnisse: Bei den untersuchten Arzneimittelwirkstoffen mit bekannter Wirkweise ist der PFAS-Anteil nicht für den beabsichtigten medizinischen Effekt verantwortlich. Die Per- und Polyfluorierung wird in der Pharmakologie genutzt, um die Stabilität und Verteilung der Wirkstoffe im Körper zu verbessern.
Genau diese Eigenschaften führen in der Natur jedoch dazu, dass diese Stoffe nur schwer oder gar nicht abbaubar sind und nach dem Ausscheiden durch den Menschen die Ökosysteme belasten. Hier können sie sich möglicherweise in Lebewesen anreichern und zu problematischen, langlebigen Transformationsprodukten wie Trifluoressigsäure (TFA) zerfallen. TFA baut sich in der Umwelt nicht ab, verbreitet sich mit dem Wasserkreislauf und gilt als fortpflanzungsgefährdend. Laut dem Gutachten können über 80 Prozent der untersuchten PFAS-Wirkstoffe potenziell zu TFA zerfallen.
Eine unmittelbare Gefahr für Patienten durch PFAS-haltige Medikamente besteht nicht, denn diese werden vor ihrer Zulassung intensiv auf mögliche Risiken für die menschliche Gesundheit geprüft.
Ampelsystem soll Ärzte und Apotheker bei der Auwahl helfen
Ärzte können die neuen Erkenntnisse nutzen, um – insbesondere bei der Neueinstellung von Patienten – bevorzugt PFAS-freie Medikamente zu verschreiben, sofern dies aus therapeutischer Sicht sinnvoll ist. Um die Suche nach PFAS-freien Alternativen zu erleichtern, integriert das UBA die neuen Daten in den derzeit im Aufbau befindlichen Arzneimittelindex Umwelt – ein einfaches Ampelsystem, das Ärzte sowie Apotheker bei der Suche nach umweltfreundlicheren Arzneimitteln unterstützen soll. Für die forschenden Pharmaunternehmen liefert die Publikation einen klaren Impuls, die Umweltfolgen von Per- und Polyfluorierung bereits im frühen Stadium der Medikamentenentwicklung zu berücksichtigen.
Implikationen für EU-Gesetzgebung
Die Ergebnisse sind auch mit Blick auf die europäische PFAS-Regulierung relevant: Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) plant derzeit die finale wissenschaftliche Bewertung eines EU-weiten PFAS-Beschränkungsvorschlags. Auf Basis dieser Bewertung, die bis Ende 2026 vorliegen soll, wird die EU-Kommission voraussichtlich 2027 einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegen. Bisher sind Arzneimittelwirkstoffe von der geplanten Beschränkung ausgenommen, weil sie als essenziell gelten. Das Gutachten legt nun nahe, dass in vielen Bereichen umweltfreundlichere Wirkstoffalternativen verfügbar sind und dass bei der Entwicklung neuer Arzneimittel Umwelteigenschaften stärker berücksichtigt werden sollten.
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