Als wäre Plastikmüll im Meer nicht schon schlimm genug, geben die Kunststoffteilchen auch noch teils schädliche Chemikalien ins Wasser ab. Welche Stoffe in diesem Chemiecocktail freigesetzt werden, untersucht ein Gemeinschaftsprojekt von vier Forschungsinstituten der Helmholtz-Gemeinschaft. Dabei geht es auch darum, wie die UV-Strahlung der Sonne die Freisetzung der Chemikalien verstärkt.
Plastikmüll treibt im Meer. Die Kunststoffe zersetzen sich mit der Zeit und geben Chemikalien an die Umgebung ab.
In den Flüssen und Ozeanen treiben hunderttausende Tonnen von Plastikmüll. Der Wellenschlag, die UV-Strahlung der Sonne und das salzige Meerwasser führen dazu, dass die Kunststoffe nach und nach in immer kleinere Bruchstücke zerfallen und schließlich als winzige Mikroplastikpartikel in den Meeren treiben. In zahlreichen Studien haben Forschende inzwischen untersucht, inwieweit Meerestiere diese Partikel aufnehmen und ob sie davon krank werden.
Weit weniger gut erforscht ist, wie sich die Inhaltsstoffe der verschiedenen Kunststoffe auf das Leben im Meer auswirken – darunter Additive wie Schwermetalle, Flammschutzmittel, Weichmacher, Farbstoffe und viele andere Ingredienzien, die dem Plastik seine vielseitigen Eigenschaften verleihen.
Deshalb haben sich vor gut zwei Jahren mehr als 30 Fachleute in einem Großprojekt der Helmholtz-Gemeinschaft zusammengetan, um im Detail zu untersuchen, wie schnell und wie stark Plastik seine Inhaltsstoffe an das Wasser abgibt – und wie sehr diese Substanzen eventuell Meereslebewesen schädigen. Die ersten Projektergebnisse der Experten vom Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht, dem Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig sind jetzt im „Journal of Hazardous Materials“ erschienen.
Der Schwerpunkt dieses ersten Fachartikels aus dem P-Leach-Konsortium liegt auf der chemischen Analyse der Plastik-Inhaltsstoffe – und der Frage, wie die UV-Strahlung der Sonne dazu beiträgt, die chemischen Substanzen aus den Kunststoffen freizusetzen.
Immer wieder gelangt Kunststoff in den Ozean – und überdauert dort Jahrzehnte. So wurde erst in diesem Jahr der erste offizielle Fund eines Plastik-Hais gemeldet, der mit 51.799 weiteren dieser Spielfiguren im Jahr 1997 bei einem Frachterunglück vor der Küste des englischen Cornwalls im Meer versank.
CATCH OF THE DAY! Oh my goodness – our very first Lego shark from the Great Lego Spill of 1997 has just been hauled up from the deep! Caught in a fisherman’s net and somewhat battered and bruised after 27 years at the bottom of the ocean, this Lego shark is one of 51,800 lost… pic.twitter.com/EFbuGU6NGU— Lego Lost At Sea (@LegoLostAtSea) August 2, 2024
Häufige Kunststofftypen im Fokus
Im Labor vergleichen die Forscher Kunststoff mit und ohne UV-Bestrahlung im Wasser.
(Bild: UFZ/Stefan Lips)
Für ihre Experimente hatten die Wissenschaftler zunächst acht typische Massenartikel aus häufig verwendeten Kunststoffen gekauft und diese in wenige Millimeter große Stücke zerkleinert – darunter Gewächshausfolie aus Polyethylen (PE), Schläuche aus Polyvinylchlorid (PVC) und Stecker aus PET. Diese Bruchstücke legten sie anschließend in ein Wasserbad und bestrahlten diese mit einer speziellen UV-Lampe, die das Sonnenlicht über Mitteleuropa für mehrere Monate nachahmt. Zum Vergleich lagerten sie einen Teil des Kunststoffs in Wasserbehältern, die nicht bestrahlt wurden.
Nach dem Experiment wurden die Plastikpartikel entfernt und das Wasser anschließend gründlich auf eine mögliche Freisetzung von Kunststoffadditiven hin untersucht – vor allem auf Metallverbindungen und bestimmte, organische Stoffe sowie auf die Freisetzung kleiner Kunststoffpartikel. Von Interesse waren dabei insbesondere jene Chemikalien, die im Verdacht stehen, gesundheits- und umweltschädlich zu sein, aber nach wie vor nicht verboten oder reguliert sind.
Schadstoffe im Wasser nachgewiesen
Die Ergebnisse lassen aufhorchen: So fanden sich im Wasser der UV-bestrahlten Proben, deutlich höhere Konzentrationen an Metall-Ionen als in den nicht bestrahlten Proben. Bei den organischen Substanzen war das Bild differenzierter: Einige Substanzen lagen in den UV-bestrahlten Proben ebenfalls in deutlich höheren Konzentrationen vor. Für andere organische Moleküle hingegen war die Konzentration erstaunlich gering. „Eine Entwarnung ist das aber nicht“, sagt der Umweltchemiker Dr. Frank Menger, Erstautor des Fachartikels und am Hereon Experte für organische Chemie. „Wir nehmen an, dass auch diese Substanzen aus dem Kunststoff ins Wasser gelangen, dort aber durch das UV-Licht in kleinere organische Verbindungen umgewandelt werden, sodass die Ausgangsverbindungen nicht mehr direkt nachweisbar sind.“
Fahndung nach bekannten und unbekannten Chemikalien
Ein Sammeleimer mit Plastikmüll.
(Bild: UFZ/Annika Jahnke)
Bei der Analyse der organischen Inhaltsstoffe haben die Forschenden zwei Dinge genau unter die Lupe genommen. Zum einen wurden die Wasserproben auf 71 bekannte Substanzen untersucht, die in vielen Kunststoffen enthalten sind – unter anderem das UV-Schutzmolekül UV-328, das vor einem Jahr in die Liste der Stockholm-Konvention aufgenommen wurde – eine Liste besonders gefährlicher Chemikalien, deren Einsatz weltweit beschränkt oder teils ganz verboten ist. Zum anderen haben die Wissenschaftler in den Wasserproben nach unbekannten Substanzen und Abbauprodukten gefahndet.
Dafür kamen spezielle Massenspektrometer zum Einsatz, die in der Lage sind, bestimmte Molekülstrukturen oder Molekülfragmente zu erkennen und daraus auf die Ausgangssubstanz zu schließen. Damit lassen sich auch solche Chemikalien erkennen, die noch recht neu im Markt und relativ unbekannt sind – zum Beispiel neue Klassen von Weichmachern. Bedenkt man, dass weltweit in der Plastikproduktion rund 16.000 verschiedene Inhaltsstoffe zum Einsatz kommen, wird deutlich, wie anspruchsvoll die Analyse trotz der modernen Massenspektrometrie ist.
Stand: 08.12.2025
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Weitere Zersetzungsfaktoren sollen betrachtet werden
Erstautor Menger ist begeistert vom Umfang der Studie und des gesamten Projekts. „Wir haben die Analysetechnik und die entsprechende Expertise von vier Instituten zusammengeholt.“ Nur dadurch sei es möglich gewesen, die Wasserproben so umfassend zu analysieren. Dr. Lars Hildebrandt, einer der Wissenschaftler vom Hereon, der sich im Rahmen der Studie mit der komplexen Analyse von Mikroplastikpartikeln und Schwermetallen beschäftigt hat, ergänzt: „Mir sind bislang kaum vergleichbare Studien bekannt, bei denen die Freisetzung von Metallverbindungen wie auch bekannten und unbekannten organischen Verbindungen und zusätzlich kleiner Plastikpartikel aus Kunststoffen unter besonderer Berücksichtigung der Verwitterung durch UV-Strahlung so umfangreich untersucht wurde.“
Allerdings sei bei allem zu bedenken, dass die UV-Strahlung nur einer von vielen Faktoren ist, der auf das Plastik in der Umwelt einwirkt. Hinzu kommen der Salzgehalt oder der Abbau durch Mikroorganismen. Auch das Alter, die Größe, die Form und die Porosität des Kunststoffs beeinflussen, wie stark Inhalts- und Zusatzstoffe ins Wasser gelangen. Insofern brauche es künftig weitere Studien, die diese Parameter berücksichtigen und deren vielfältige Auswirkungen untersuchen.
„Das P-Leach-Projekt gibt uns die einmalige Gelegenheit, die Abgabe von organischen und anorganischen Chemikalien sowie Mikroplastikpartikeln von verwitternden Kunststoffgegenständen und mögliche Auswirkungen umfassend zu untersuchen, unter Einbeziehung verschiedener Disziplinen wie Umweltchemie, Ökotoxikologie und Humantoxikologie“, sagt Prof. Dr. Annika Jahnke vom UFZ, die das Projekt koordiniert. In den kommenden Monaten sollen weitere Fachartikel des Teams erscheinen. Unter anderem Ergebnisse dazu, wie sich die Substanzen auf Bakterien, Algen, Meerestiere und letztlich den Menschen auswirken. So wurde in dem Projekt etwa untersucht, wie das mit den Plastik-Inhaltsstoffen verschmutzte Wasser den Stoffwechsel von Algen, Schnecken oder lebenden Zellen beeinflusst, darunter Zellen aus dem Körper des Menschen.