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Verhalten verpaarter und unverpaarter Spinnen Spinnennester: Brutpflege und Kannibalismus

| Redakteur: Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Ähnlich wie bei den Ameisen gibt es auch bei Spinnen, die mit Artgenossen in Nestern leben, komplexe soziale Strukturen. Wissenschaftlerinnen der Universitäten Greifswald und Aarhus haben jetzt das Verhalten verpaarter und unverpaarter Weibchen und ihre Rolle bei der Brutpflege untersucht.

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Ein brutpflegendes Weibchen bei der Versorgung des Eikokons.
Ein brutpflegendes Weibchen bei der Versorgung des Eikokons.
(Bild: Anja Junghanns)

Greifswald – Soziale Spinnen leben in Nestern zusammen mit mehreren Hundert Artgenossen. In solch einem Nest kooperieren die Tiere beim Beutefang und Netzbau. Mütter mit Nachwuchs helfen sich sogar gegenseitig bei der intensiven Brutpflege. Sie bewachen die Eikokons mehrere Wochen lang und versorgen die geschlüpften Jungtiere mit hochgewürgter Nahrung (Regurgitation). Am Ende jedoch sie werden vom heranwachsenden Nachwuchs gefressen.

Was ist der Hintergrund? Über die Hälfte der Weibchen einer Kolonie bleibt unverpaart, weil Männchen selten sind und ein kurzes Leben haben. Diese unverpaarten Weibchen pflanzen sich folglich nicht fort. Bislang wurde angenommen, dass diese Weibchen nur Beutefang und Netzbau betreiben, da zur Regurgiation nur Weibchen in der Lage sind, die selbst in der Phase der Brutpflege sind. Dies ist bei Spinnenarten der Fall, die nicht in Gruppen leben.

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Wie unterscheidet sich das Verhalten verpaarter und unverpaarter Spinnen?

Zwei Doktorandinnen der Partneruniversitäten Greifswald und Aarhus überprüften diese Annahme an der afrikanischen sozialen Spinne Stegodyphus dumicola. Die Forscherinnen stellten Gruppen aus verpaarten und unverpaarten Weibchen zusammen und untersuchten, welche Weibchen Brutpflege und Beutefang betreiben. Es stellte sich heraus, dass nicht nur die Mütter Brutpflege zeigten, sondern auch die unverpaarten Tiere. Diese „Tanten“ versorgen die Jungtiere anderer Weibchen nicht nur mit hochgewürgter Nahrung, sondern lassen sich von den Jungtieren auch fressen.

Warum aber versorgen die unverpaarten Weibchen den Nachwuchs anderer Weibchen und geben dabei auch noch ihr Leben? Diese Frage lässt sich mit Blick auf die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Weibchen beantworten. Soziale Gruppen werden meist von einer einzelnen Mutter und ihrem Nachwuchs gegründet, welcher sich fortan untereinander verpaart. Über Generationen hinweg entsteht somit eine Gemeinschaft mit einem außergewöhnlich hohen Verwandtschaftsgrad zwischen den Tieren. Die unverpaarten Weibchen helfen also tatsächlich ihren Schwestern bei der Jungenaufzucht. Durch die erfolgreiche Aufzucht ihrer Nichten und Neffen gibt die Tante ihre Gene an die nächste Generation weiter. Die sogenannte Verwandtenselektion steigert die evolutionäre Gesamtfitness der unverpaarten Weibchen und erklärt, wie das scheinbar selbstlose Verhalten evolutionär entstehen konnte und erhalten bleibt.

Aufgabenverteilungen unterscheiden sich leicht

Die Forscherinnen fanden weiterhin heraus, dass sich die Aufgabenverteilung der Mütter und Tanten leicht unterscheiden: Mütter investieren mehr Zeit in die Brutpflege und Tanten sind häufiger mit Beutefang beschäftigt. Dieses Ergebnis deutet an, dass, obwohl unverpaarte Weibchen alle Aufgaben im Nest inklusive suizidale Brutpflege durchführen können, sie stärker den risikoreichen Beutefang übernehmen und Mütter eher im geschützten Gespinst des Nests mit der Brutpflege beschäftigt sind.

Originalpublikation: Anja Junghanns, Christina Holm,Mads Fristrup Schou, Anna Boje Sørensen, GabrieleUhl, TrineBilde, Extreme allomaternal care and unequal task participation by unmated females in a cooperatively breeding spider, Animal Behaviour, Volume 132, October 2017, Pages 101-107, doi.org/10.1016/j.anbehav.2017.08.006

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