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Zehntausende Jahre alte Zähne analysiert Neandertaler oder Altsteinzeitmensch – wer hatte mehr Stress im Kindesalter?

Quelle: Pressemitteilung Eberhard Karls Universität Tübingen 3 min Lesedauer

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Schwere Zeiten in der Kindheit sind im Zahnschmelz nachweisbar – auch noch nach vielen zehntausend Jahren. So haben Forscherinnen der Uni Tübingen prähistorische Zähne von Neandertalern und modernen Menschen der Altsteinzeit verglichen und gezeigt: Stressfaktoren waren beide im Kindesalter ausgesetzt, doch die Intensitätsverteilung unterschied sich.

Forscher haben Zähne von Neandertalern und Menschen der Altsteinzeit analysiert, um auf Stressereignisse aus deren Kindheit zurückzuschließen. Ihre Ergebnisse teilen sie nun in einer Studie (Symbolbild).(Bild:  KI-generiert mit ideogram.ai)
Forscher haben Zähne von Neandertalern und Menschen der Altsteinzeit analysiert, um auf Stressereignisse aus deren Kindheit zurückzuschließen. Ihre Ergebnisse teilen sie nun in einer Studie (Symbolbild).
(Bild: KI-generiert mit ideogram.ai)

Stress bei Kindern ist nicht nur heutzutage ein nachgewiesenes Phänomen. Auch unsere Vorfahren vor einigen Zehntausend Jahren waren im Kindesalter vielfältigem Stress ausgesetzt. Anhand von prähistorischen Zähnen haben nun Wissenschaftler die Lebenssituationen von Kindern verschiedener Frühmenschen miteinander verglichen.

Kinder von Neandertalern, die bis vor rund 40.000 Jahren lebten, waren demnach wahrscheinlich vergleichbaren Belastungen ausgesetzt wie Kinder moderner Menschen der Jüngeren Altsteinzeit vor 50.000 bis 12.000 Jahren, jedoch lag die jeweilige höchste Intensität in verschiedenen Entwicklungsphasen.

Zu diesem Schluss kommt das Team um Laura Limmer, Dr. Sireen El Zaatari und Professorin Katerina Harvati vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen. Die Forscherinnen haben die Struktur von Zähnen analysiert, in der sich Stressphasen etwa durch Krankheiten und Mangelernährung während der frühen Lebensjahre widerspiegelt. Sie vermuten, dass die modernen Menschen möglicherweise bessere Strategien hatten als die Neandertaler, die Belastungen für ihre Kinder während schwieriger Abschnitte der Entwicklung zu verringern.

Was die Steinzeit-Zähne über Stress verraten

Die Paläoanthropologinnen untersuchten insgesamt 867 Zähne von 74 Neandertalerindividuen und 102 Individuen moderner Menschen aus der Jüngeren Altsteinzeit. Die Zähne wurden an 56 verschiedenen archäologischen Stätten im westlichen Eurasien gefunden.

Makroaufnahme einer hochaufgelösten Replik des unteren rechten Eckzahns eines Neandertalers aus der Fundstelle Le Moustier (Frankreich). Defekte in der Zahnschmelzentwicklung sind mit roten Pfeilen markiert. (Bild:  Foto: Kate McGrath; Abbildung: Laura S. Limmer)
Makroaufnahme einer hochaufgelösten Replik des unteren rechten Eckzahns eines Neandertalers aus der Fundstelle Le Moustier (Frankreich). Defekte in der Zahnschmelzentwicklung sind mit roten Pfeilen markiert.
(Bild: Foto: Kate McGrath; Abbildung: Laura S. Limmer)

Sowohl die Milchzähne als auch die bleibenden Zähne der Menschen werden bereits in der Kindheit gebildet. „Wenn die Kinder Infektionen oder andere Krankheiten durchmachen oder die Ernährungslage schlecht ist, kommt es zu Fehlbildungen im Zahnschmelz. Da die bleibenden Zähne später nicht weiterwachsen, können wir solche Defekte auch noch an den Zähnen Erwachsener erkennen“, erklärt El Zaatari. Die reguläre Schmelzbildung der Zähne ermöglicht es, solche Ereignisse mit bestimmten Entwicklungsstufen der Kinder in Verbindung zu bringen.

Insgesamt seien die Neandertaler und die modernen Menschen aus der Jüngeren Altsteinzeit in ihrer frühen Kindheit Belastungen in vergleichbarem Ausmaß ausgesetzt gewesen, stellen die Forscherinnen fest. „Wir beobachten jedoch eine unterschiedliche Verteilung der Zahnschmelzdefekte auf die Entwicklungsphasen der Kinder: Bei den modernen Menschen traten die Schmelzdefekte mit größerer Wahrscheinlichkeit in dem Alterszeitraum auf, in dem die Kinder abgestillt wurden“, sagt Limmer. Bei den Kindern der Neandertaler hätten sich Schmelzdefekte zwar ebenfalls vermehrt zum Zeitpunkt des vermutlichen Beginns des Abstillens gezeigt, jedoch habe die Spitzenbelastung durch physischen Stress in einer Entwicklungsphase nach diesem Zeitraum gelegen.

Ein weiterer Grund für das Aussterben der Neandertaler?

Fundorte der untersuchten Zähne: Orangefarbene Sterne bezeichnen Funde von Neandertalern; blaue Kreise bezeichnen Funde moderner Menschen aus der Jüngeren Altsteinzeit. (Bild:  Laura S. Limmer)
Fundorte der untersuchten Zähne: Orangefarbene Sterne bezeichnen Funde von Neandertalern; blaue Kreise bezeichnen Funde moderner Menschen aus der Jüngeren Altsteinzeit.
(Bild: Laura S. Limmer)

Die Forscherinnen nehmen an, dass die Kinder der Altsteinzeit durch das Abstillen vermehrt Stress ausgesetzt waren, weil ein steigender Energiebedarf im Wachstum mit dem steigenden Risiko von Mangelernährung zusammentraf. „Möglicherweise gewannen die modernen Menschen gegenüber den Neandertalern dadurch Vorteile, dass sie ihre Kinder in dieser schwierigen Phase besser unterstützten, etwa dadurch, dass die Kinder länger beschützt und besser mit Nahrung versorgt wurden“, sagt El Zaatari. Denkbar sei, dass dieses Verhalten ein Baustein bei der Entwicklung gewesen ist, durch die moderne Menschen bis heute überlebten und die Neandertaler ausstarben. „Häufig wurde angeführt, dass die Neandertaler in einem besonders rauen Klima mit niedrigen Temperaturen lebten und daran scheiterten. Über einen gewissen Zeitraum waren jedoch Neandertaler und moderne Menschen den gleichen Klimabedingungen ausgesetzt, sodass wir auch andere Erklärungen untersuchen.“

Originalpublikation: Limmer, L.S., Santon, M., McGrath, K. et al. Differences in childhood stress between Neanderthals and early modern humans as reflected by dental enamel growth disruptions, Sci Rep 14, 11293 (2024), DOI: 10.1038/s41598-024-61321-x

(ID:50045764)

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